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Netzausbau : Gegenverkehr im Stromnetz

Besonders die Netze in ländlichen Regionen müssen modifiziert werden, damit sie auch Strom aus Windkraft- und Solaranlagen aufnehmen können Bild: Johner/F1online

Der von Windrädern und Photovoltaikanlagen erzeugte Strom drängt in die Verteilnetze auf dem flachen Land. Zunehmend müssen diese die Aufgaben von Energieeinsammelleitungen übernehmen.

          Die Stromnetze müssen dringend ausgebaut werden, soll die vielbeschworene Energiewende gelingen. Diese Botschaft hat sich in Politik und Verwaltung mittlerweile festgesetzt. Auch an den Stammtischen wird längst kenntnisreich über die Vor- und Nachteile des Stromtransports über Hochspannungsleitungen - oder alternativ über Erdkabel diskutiert. Auch ist bekannt, dass man den Strom „aufgepropft“ auf das Leitungsnetz der Bahn und damit über bereits vorhandene Trassen transportieren könnte. Und längst geht allen Beteiligten die Buchstabenfolge H-G-Ü problemlos über die Lippen: HGÜ steht für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, so die nachgelieferte Erklärung. Dabei handelt es sich um eine erprobte Technik, mit der sich selbst größte Leistungen (verlustarm) über große Entfernungen transportieren lassen.

          Georg Küffner

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Vier Alternativen machen die Wahl nicht leichter. Das - und die Tatsache, dass niemand gern eine Stromtrasse an seinem Grundstück vorbeigeführt sieht, erklären, dass der Netzausbau deutlich den Planungen hinterherhinkt. So sind von den vor allem für den Transport des an und vor den Küsten von Nord- und Ostsee geernteten Windstroms benötigten 1800 Kilometer neue Fernleitungen erst 214 Kilometer gebaut. Zwar zeigen die in den zurückliegenden Monaten mühsam erarbeiteten Beschleunigungsbemühungen langsam Erfolg. Doch sicher ist, der (schleppende) Netzausbau bleibt die Achillesferse der Energiewende.

          Energiesammelnetze

          Doch neue Leitungen braucht’s nicht nur für die Strecke. Auch die lokalen Verteilnetze müssen im Zuge der Energiewende, um es zurückhaltend zu formulieren, „modifiziert“ werden: Hatte man sie ursprünglich dafür ausgelegt, den vorwiegend in großen, leistungsstarken Kraftwerken erzeugten Strom über (mehrere Spannungsebenen) in die Städte und aufs flache Land - und immer bis zur allerletzten Steckdose - zu schicken, stehen sie heute vor einer völlig neuen Herausforderung: Sie müssen Strom aufnehmen können. Überall dort, wo betuchte Hausbesitzer sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach haben setzen lassen oder ein Bürger-Windrad installiert wurde, muss über das Verteilnetz der erzeugte Ökostrom abtransportiert werden. Aus den Verteilnetzen werden Energieeinsammelnetze.

          Damit sie diesen Paradigmenwechsel hinbekommen, müssen sie technisch aufgerüstet werden - und das möglichst kostengünstig. Zwar wäre es denkbar, von den zahllosen Ökostrom-Einspeisern neue Leitungen zum nächstgelegenen Umspannwerk zu legen, doch das wäre viel zu teuer. Man sucht vielmehr nach „intelligenten“ Lösungen, welche den gleichen Zweck mit weniger Aufwand erfüllen. Man betritt zum Teil technisches Neuland, so dass man nicht auf erprobte Standardlösungen zurückgreifen kann. Es muss also geübt und geprobt werden.

          Spitzenwerte von 13 Megawatt

          Einen ersten derartigen Großversuch hat RWE Deutschland vor gut einem Jahr in einem rund 170 Quadratkilometer großen Teil des Eifelkreises Bitburg-Prüm an der Grenze zu Luxemburg gestartet und ein intelligentes Stromverteilnetz aufgebaut. Unter den etwa 400 deutschen Landkreisen fiel die Wahl auf diese spärlich besiedelte und von einer hügeligen Landschaft geprägte Region, da man hier vorfindet, was im Zuge der Energiewende typischerweise auf die in der Fläche installierten, weit gefächerten Verteilnetze zukommt: So hatte man vor Jahr und Tag das hier 117 Kilometer lange Netz auf eine maximale Last (Spitzennachfrage) von 2,9 Megawatt ausgelegt.

          Das zur Ausgangssituation, die sich mittlerweile drastisch verändert hat. So wurden zahlreiche Ökostromanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 13 Megawatt in der Gegend neu installiert: Das sind vor allem Windräder, zahlreiche Photovoltaikanlagen und einige maisfressende Biogasanlagen. In der Summe also mehr, als das bisherige Netz verträgt - und die, wenn die Sonne scheint und der Wind bläst - die Spannung im Netz tendenziell gefährlich nach oben drücken. Doch die Spannung gilt es aus Gründen der Netzstabilität stets konsequent konstant zu halten. So darf etwa im 400/230 Volt-Netz, an dem der „normale“ Endverbraucher hängt, die Spannung maximal um gerade mal zehn Prozent vom Zielwert abweichen.

          Elektrische Regler verhindern, dass der ins Netz drückende Ökostrom die Spannung auf unverträglichen Höhen treibt

          Wie die Erfahrungen aus einem Jahr Testbetrieb zeigen, ist das im Rahmen des „Smart Country“-Projekts gelungen, wie RWE den rund sechs Millionen Euro teuren Großversuch in der Eifel nennt (von dem Betrag übernimmt die Bundesregierung im Rahmen der Forschungsförderung rund die Hälfte). Und zwar vor allem mit zwei Maßnahmen.

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