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Naturfarben : Der Pinsel der Natur

  • -Aktualisiert am

Bei Auro erinnert manches an die Lebensmittelindustrie, doch nicht einmal Naturfarbe lässt sich trinken Bild: Nils Schiffhauer

Farben aus Pflanzen und Mineralien liegen im Trend. Nicht nur wegen ihrer spektralen Reflexionseigenschaften, sondern auch weil die Produktion ohne Zuhilfenahme synthetischer Chemie auskommt. Ein Besuch beim Marktführer Auro.

          Die Hand fährt in den Jutesack, greift sich einen Hieb gehäckselten Wurzelwerks, führt es zur Nase: „Wie Orienttabak!“ Kein Tabak zwar, doch Orient; immerhin. „Krappwurzel“, lüftet Helmut Nieder das Geheimnis, „aus Persien“, wie der Geograph das Kernland des heutigen Iran nennt. Nieder leitet die Produktion von Auro, dem deutschen Marktführer in Sachen Naturfarben.

          Die haben zwar nur ein bis drei Prozent Anteil an dem, was Deutschland verpinselt oder mit Rolle oder Quast auf Holz, Kalk, Stein und Metall aufbringt. Doch die Aura nicht nur von Auro überstrahlt die verhältnismäßig geringe Menge, die hier in Braunschweigs Gartenstadt etwa 40 Mitarbeiter wie in einer Manufaktur fertigen. Wer sich aus dem Gewirr von Schnellstraßen eines mustergültig hässlichen Gewerbegebiets befreit hat und dort eintritt, den umfängt sofort der Duft einer Zauberwelt; vorherrschend ist Orangenöl.

          Aber es geht ja um Farbe. Um Schutz, Oberflächenstruktur, um Farbigkeit. Deckkraft, Ergiebigkeit und EU-Normen spielen hier die Hauptrolle. Den Besprechungsraum des Hauses schmückt eine erlesene Sammlung von Enzyklopädien, zusammengetragen von Unternehmensgründer Hermann Fischer. Greifen wir uns daraus Band 15 des Zedler Universal=Lexicons von 1737. Krapp, so lesen wir, sei ein „gröblichtes holtziges Pulver / welches die Färber zum roth färben gebrauchen. Es wird aus einer dünnen / langen knotichten / inn= und auswendig rothen Wurtzel bereitet.“ Aber wie, Herr Nieder, gewinnt man daraus heute den Farbstoff? Und wie erst wird der zur streichfähigen Farbe, die nicht nur der ökobewegte Studienrat in seinem Nullenergiehaus in Freiburg verarbeitet, sondern die auch bei der Renovierung des Rockbund 1 in Schanghai Verwendung fand, einer Kolonialpracht von 1873 direkt am Perlenfluss?

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          Weder tiefstes Schwarz noch Neongelb

          Das geschieht in zwei Stufen. Zunächst extrahiert Wasser unter Zusatz von etwas Alaun die roten Farbstoffe, Alizarin hauptsächlich, aus dem Wurzelgehäcksel. Die werden mit Lauge und weiter Alaun ausgefällt, wobei dann steigende Zusätze von Alaun zusammen mit der Lauge Tonerde bilden. Am Ende dieses Prozesses umhüllt der Farbstoff die feinen Tonpartikel - die Pigmente. Filtern entzieht ihnen Wasser, der Presskuchen wird eine Wandlasur für den Innenbereich färben. Andere Farbpigmente gewinnt Auro in ähnlicher Weise: Cochenille (Rot) aus auf Farmen gezogenen Schildläusen, Reseda (Gelb) aus dem sogenannten Färberwau oder Catechu (Braun/Schwarz) aus der Gerberakazie. Doch Farbigkeit ist ja nur eine der vielen Eigenschaften von Farben, wie sie der Maler, der mit dem großen Pinsel, verwendet. Denn die Schutzfunktion von Farben, Lacken und Lasuren ist ebenso wichtig.

          „Auch hier - wie in der Gesetzgebung - befinden sich alle Hersteller von Naturfarben in direkter Konkurrenz zu den synthetisch und auf Erdölbasis hergestellten Farben“, sagt Helmut Nieder. Die locken mit knalligen Farben, niedrigen Preisen, sarkophag-ähnlicher Panzerung, leichter Verarbeitung und sind überdies noch giftig gegenüber Schimmel. Doch in vielen technischen Disziplinen haben Naturfarben aufgeholt, wenngleich ihre Palette weder tiefstes Schwarz noch Neongelb aufweist.

          Äkta Falu Rödfärg

          Das ist dann ein Gewinn, wenn Naturfarben nicht lediglich rein funktional, sondern als Haltung, als Lebensstil begriffen werden. Dazu gehören nicht nur die spektralen Reflexionseigenschaften der Farben, sondern ihr kreislaufartiger Produktionsprozess ohne Zuhilfenahme synthetischer Chemie. Über die wacht heute nach Lindan- und PCB-Skandalen zwar vielfach der blaue Umweltengel, jedoch spendet er nicht jenen größeren Segen, den Farben aus nachwachsenden Rohstoffen wie Pflanzen bieten. Ausgelöst wurde diese Entwicklung in den späten siebziger Jahren, als die gesundheitsschädlichen Wirkungen synthetischer Anstriche für den Holzschutz in die Kritik gerieten. Die Grabenkämpfe zwischen einer Chemieindustrie, die vor „Gefahren durch Bio-Farben“ warnte, und den Naturfarbenproduzenten, die den Blauen Engel als „Freibrief für die Chemie“ verteufelten, sind einer friedlichen Koexistenz gewichen, wobei in erster Linie die Chemieindustrie diesen Wandel durch Annäherung herbeiführte.

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