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Motorsäge von Stihl im Test : Fitgespritzt für den Waldlauf

Die Stihl MS 500i im Einsatz. Bild: Hersteller

Die Stihl MS 500i ist die erste Motorsäge mit elektronischer Einspritzung. Der Aufwand lohnt, die Abkehr vom Vergaser bringt einige Vorteile mit sich.

          Manchmal meint man, der Fortschritt rauscht auf der Autobahn an den deutschen Wäldern vorbei. Während elektronisch gesteuerte Einspritzdüsen, verstellbare Nockenwellen und Abgaslader mit schrecklichen Drehzahlen die Autos immer leistungsfähiger machen, knattern im Forst zweitaktende Motorsägen vor sich hin, die ihren Treibstoff aus Opas Vergasern saugen. Der Rückgriff auf das betagte Verfahren hat seinen Grund: Zweitakter sind leicht, weil es keine Ventilsteuerung und keinen Ölkreislauf gibt, und sie arbeiten in jeder Lage. Zugleich ist die Leistung hoch, denn sie zünden schon bei jedem zweiten Takt. Der Nachteil – da es keine Ventile gibt, entfleucht ein Teil des Treibstoff-Luft-Gemisches über den Auslassschlitz unverbrannt nach draußen – wird für Arbeitsgeräte in Kauf genommen. Denn der relativ hohe Verbrauch der kleinen Motoren spielt nicht die entscheidende Rolle, und der unerfreulichen Zusammensetzung der Abgase wird durch konstruktive Tricks und besonders reines Benzin begegnet.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Da gibt es also noch Raum für Verbesserungen. So haben die Hersteller Stihl und Husqvarna vor einigen Jahren die Motoren durch besondere Kanäle sauberer gemacht, die einen Puffer aus reiner Luft vor den Auslass legen. Jetzt zündet das schwäbische Unternehmen die nächste Stufe mit einer Innovation, die vorhandene Sägen alt aussehen lassen soll: Die Stihl MS 500i ist die erste Motorsäge mit elektronischer Kraftstoffeinspritzung, sie soll zu Beginn des neuen Jahres auf den Markt kommen. Aus 80 Kubikzentimeter Hubraum schöpft der Motor 6,8 PS. Das ist viel, aber nicht sensationell, die MS 880 für spezielle Anwendungen aus dem gleichen Hause gilt mit 8,7 PS als die stärkste Serienmotorsäge der Welt, braucht dafür aber gut 120 Kubikzentimeter. Weltrekord ist indessen das Leistungsgewicht der MS 500i: Nur 1,24 Kilo je Kilowatt (bezogen auf das Gewicht ohne Schneidgarnitur) sind bisher unerreicht, Bestwert waren bisher rund 1,4. Mit einer Schiene von 63 Zentimetern und 3/8-Kette wiegt das ganze Ensemble nur 7,8 Kilogramm. Weltrekordverdächtig soll auch die Kettenbeschleunigung sein: von 0 auf 100 km/h in 0,25 Sekunden.

          Mit radikaler Kettenbeschleunigung und geringem Gewicht.

          So etwas ist nur mit konsequentem Leichtbau und möglichst wenig rotierenden Massen zu erreichen. Das Steuergerät für die Elektronik befinde sich auf dem Tankgehäuse, erklärt Arno Kinnen, der für die MS 500 zuständige Projektleiter. Das Schwungrad sei klein gehalten, der Generator sitze dahinter. Das verbessert zugleich die Kühlluftführung und macht die Säge kompakt, die nötige Schwungmasse wird durch einen Stahlring im Schwungrad erreicht. Zusammen mit der leichten Kurbelwelle ergibt das geringe Kreiselkräfte. Die MS 500 spritzt nicht direkt in den Brennraum, sondern ins Kurbelgehäuse. Versuche mit Direkteinspritzern hat es gegeben, weil aber dafür unter anderem eine Kraftstoffvorförderung unter hohem Druck notwendig ist, erwies sich das als nicht realisierbar.

          Im Gegensatz zu Fahrzeugen hat eine Motorsäge keine Batterie, besonders knifflig war es deshalb, der Elektronik beim Start die nötigen Daten der Sensoren zur Verfügung zu stellen, damit Kraftstoffmenge, Einspritz- und Zündzeitpunkt exakt passen. Da es so etwas nicht zu kaufen gab, hat Stihl alles selbst entwickelt. Freilich nicht nur für die MS 500, es sind auch Trennschleifer mit Einspritzung im Programm.

          Ruck zuck ist die Buche zerlegt.

          Motorsägen unterliegen besonderen Arbeitsbedingungen, das erklärt die lange Entwicklungszeit. Immerhin haben wir schon vor gut einem Jahr die ersten Sägen gesehen, seitdem wird getestet. So hat im August bei den Weltmeisterschaften der Waldarbeiter in Lillehammer ein Werksteam mit einer Wettkampfausführung der neuen Säge die Preise abgeräumt. Deren Motor durfte bis 15 000/min drehen, serienmäßig ist die Drehzahl auf 13 700 begrenzt. Während des Betriebs hat die Elektronik dem Team Daten via Bluetooth übermittelt.

          Für das alljährliche Brennholzsägen ist solch ein Gerät natürlich überdimensioniert. Weil aber gerade eine starke Buche zu zerteilen war, haben wir das Angebot, die Säge einmal ein paar Tage zu testen, gerne angenommen. Zunächst fällt auf, dass es nichts einzustellen gibt. Die Säge springe auch bei minus 40 Grad sofort an, sagt Kinnen, und auf 1500 Meter Höhe so gut wie im Flachland. Es gibt noch nicht einmal einen Zündschalter, sondern nur einen Dekompressionsknopf, die MS 500i kommt aber auch ohne ihn sofort. Die rote Taste wird nur zum Abstellen benötigt. Sobald der Gashebel gezogen ist, dreht die neue Stihl mit einer irren Beschleunigung hoch. Das Motorengeräusch hält sich dabei in Grenzen, soweit sich das von einer Säge sagen lässt, nennenswerte Vibrationen sind nicht spürbar. Auf dem Testexemplar war eine 71er Schneidgarnitur montiert, trotzdem ist die Säge aufgrund des relativ geringen Gewichts und der kompakten Maße handlich. Was sofort besticht, ist das Schwenkverhalten – aufgrund der geringen rotierenden Massen setzt die MS 500i den Bewegungen kaum einen Widerstand entgegen, ein zum Vergleich mitgelaufenes älteres Modell ist dagegen bocksteif.

          Beeindruckt hat uns auch der Drehmomentverlauf, die Drehzahl lässt sich kaum herunterwürgen. Auf dem Lüftergehäuse ist parallel zur Führungsschiene eine erhabene Markierung angebracht, das erleichtert die Richtungskontrolle bei Stechschnitten. Verliersichere Muttern am Kettenraddeckel erweisen sich im Wald als große Hilfe, wenn mit klammen Fingern die Kette gewechselt werden soll. Was es immer noch nicht gibt, ist ein Öltank aus transparentem Material, bis der Hersteller so etwas einbaut, wird also bei jedem Tanken nachgefüllt.

          Da man ohnehin nicht allein sägen soll, hatte der Autor dieser Zeilen einen Freund dabei, der privater Waldbesitzer ist und Schiedsrichter bei Weltmeisterschaften war. Der ist zwar bekennender Anhänger der Konkurrenzmarke, fragte aber, kaum dass er den Einspritzer ausprobiert hatte, spontan nach dem Preis. Der geht je nach Ausstattung mit knapp 1600 Euro los. Das ist nicht teurer als eine vergleichbare herkömmliche Säge – nur bekommt man dafür halt weniger Kilo zum Herumtragen.

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