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Mehr als ein Trend : Das Fahrrad im Wohnzimmer

  • -Aktualisiert am

Freischwebend ist der Renner eine Zierde des Wohnzimmers Bild: pd-f

Wer sein Fahrrad im Wohnzimmer parkt, handelt nicht immer als Speerspitze eines angesagten Lifestyles, sondern auch aus weniger trendigen Gründen.

          Wem die Vorstellung völlig fremd erscheint, sein Fahrrad mit in die eigenen Wohnräume zu nehmen, der achte mal darauf, wie häufig genau dies inzwischen in Film, Werbung und Fernsehen zu sehen ist. Für diesen Wandel, dass das Fahrrad vom Kellerkind zum Mitbewohner avanciert, wie der Pressedienst Fahrrad jüngst so nett wie zutreffend titelte, gibt es eine ganze Reihe von Gründen - teils angenehme, teils weniger erfreuliche.

          Einer dieser Gründe ist die Wohnsituation des modernen Singles: Teure, kleinteilige Wohneinheiten verfügen häufig nicht über wirklich sichere Abstellflächen für Fahrräder. Eine hell aufgeräumte Tiefgarage mag es gegen Aufpreis für das Auto geben, sofern bei urbanen jungen Leuten überhaupt noch ein eigenes vorhanden ist. Eine zu ebener Erde leicht zugängliche, vor allem aber abschließbare Fahrradgarage ist jedoch selbst in Neubauten längst noch nicht Standard. Und wenn es sie gibt, ist es meist ein leerer, der ganzen Hausgemeinschaft zugänglicher Raum, in dem man ein wirkliches Edelbike nicht stehen haben möchte. Schließlich stellt in so einem Fall bereits das flotte Abschrauben einzelner Teile eine finanzielle Verlockung dar.

          Gut, dass solche teuren Stücke meistens auch besonders leicht sind. Also wird das Karbon-Rennrad geschultert, kommt das Fully auf dem Hinterrad hochkant im Fahrstuhl mit nach oben. Dann aber stellt sich die Frage: Wohin damit? Die wenigsten Probleme haben diesbezüglich die Besitzer von faltbaren Fahrrädern - ein Bautyp, der sich darum bei jüngeren Alleinlebenden auch größter Beliebtheit erfreut. Wer mit Umsicht ein Faltrad nimmt, wählt vielleicht ein Tern, ein Brompton oder Birdy, also ein etwas teureres: erstens, weil es sich fast genauso fährt wie ein großes, und weil es zweitens auf ein Packmaß gebracht werden kann, von dem Besitzer biederer Klappräder nur träumen. Ein ausgewachsener Crosser oder gar ein Reiserad aber findet auch nach teilweiser Zerlegung - Laufräder raus, Pedale ab, Lenker umgedreht - schlecht im Blickschatten neben dem Kleiderschrank einen Parkplatz.

          Was man nicht stellen kann, das lässt sich hängen, wie Fahrradhändler seit Uropas Zeiten wissen: In Reih und Glied ein breites Sortiment von Laufrädern, Rahmen und kompletten Fahrrädern unter einer hohen Decke anzubringen ist zwar heute als Ladeneinrichtung nicht mehr ganz so schick, wie es das mal war. Prinzipiell aber lässt sich daheim genauso wie im Laden älteren Stils auf diese Weise der Raum nutzen, der über dem sperrig abgestellten Fahrrad sonst frei bliebe. Das sichtbar senkrecht mit Griff durch die Speichen am Vorderrad hängende Bike im Loft ist keine Notlösung, sondern ein anerkannt modischer Einrichtungsstil. Für unter 20 Euro bereits findet man Deckenhaken speziell fürs Aufhängen von Fahrrädern, die - hoffentlich hält es die Decke aus - eingedübelt werden. Solche „Hängeparker“ gibt es nicht nur für ein einzelnes Fahrrad, sondern mit klug Platz zwischen den breiten Lenkern sparendem Versatz in der Höhe auch für mehrere.

          Gut, dass solche teuren Stücke meistens auch besonders leicht sind.

          Das sind dann Lösungen für ein paar hundert Euro, aber auf den einzelnen Stellplatz umgerechnet für nicht viel Geld, die man beispielsweise einem Vermieter oder der Eigentümergemeinschaft vorschlagen kann, wenn in einem gemeinsamen Fahrrad-Abstellraum der Platz knapp wird. Eine Alternative zum Hängen sind - nicht gerade für die Wohnung geeignet, wohl aber für die Gemeinschaftsgarage und auch für geschützte Ecken im Innenhof - sogenannte Schräghochparker. Da schiebt man, wiederum versetzt, um Platz zu sparen, sein Rad neben anderen mit dem Vorderrad auf einer Schiene schräg in die Höhe.

          Alle diese mit der Decke oder mit einer Wand oder mit dieser und zusätzlich mit dem Boden verschraubten Gestelle haben den Vorzug, dass man sein Rad an ihnen zur Sicherung gegen einfache Wegnahme anschließen kann. Das ist ja der gravierende Schwachpunkt der meisten nackten Fahrradabstellräume in Mehr- oder gar Vielparteienhäusern: Ein gutes, also leichtes Fahrrad, wenn es ab-, aber nicht angeschlossen werden kann, trägt ein Dieb einfach blockiert weg, um irgendwo in aller Ruhe auch das dickste Schloss durchzuflexen. Dagegen wiederum hilft ein massiver Bodenanker, dessen Montage ein Mieter sich natürlich genehmigen lassen muss.

          Man macht aus seinem Bike ein Ausstellungsstück

          Zurück in die Wohnung: Die unermüdlich Nischen bedienende Fahrradindustrie hat - sogar mit, aber auch ohne Elektromotor - Kompaktfahrräder entwickelt, die zwar keine Falträder sind, sich aber leichter verstecken lassen als andere Bautypen. Die eigentliche Mode der Saison ist aber das Gegenteil von Verstecken: Man macht aus seinem Bike ein Ausstellungsstück. Es kommt übers Sofa oder aber mindestens in voller Größe neben die Flurgarderobe. Dafür gibt es, nicht ganz billig, aber sehr schön gestaltet zum Beispiel von Mikili, in der Bauhaus-Form aufs puristische Mindestmaß reduzierte Halter aus Holz, die so ähnlich wie gute Bilderrahmen sich nicht selbst in den Vordergrund spielen, sondern unser Auge auf nichts als das Bike lenken.

          Und da wäre noch ein nicht ganz unwesentlicher Punkt: Keineswegs alle Fahrräder sind stubenrein. Modelle mit dem allenfalls staubigen, aber doch nicht ölig triefenden Zahnriemen haben es bestimmt leichter, ins Wohnzimmer vorzudringen. Und wie der nasse Hund einen Ort braucht, wo er sich schütteln darf, muss man auch wissen, wo das Fahrrad nach einer Regenfahrt abtropfen soll. So sei zuletzt eine Vermutung gewagt: Manche Bike-Enthusiasten, die in ihrem Facebook-Profil mit einem blitzsauberen Stilrad über der Couch im Wohnzimmer protzen, fahren alltags auf der Straße ein armes Dreckstück, und das ist nach wie vor ein Kellerkind.

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