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Linguatec Voice Pro 12 : Elektronischer Horchposten mit Microsoft-Genen

Beschäftigt man sich länger mit Voice Pro 12, stößt man an Grenzen Bild: dpa

Das Unternehmen Nuance ist in Sachen Spracherkennung mit seinem Dragon Naturally Speaking führend, und damit ist nicht jedermann glücklich. Nun kommt frischer Wind von Linguatec, mit hübschem Design, aber auch etlichen Mängeln im Detail.

          Nichts ist schlimmer und lähmender als eine Monokultur, wie es die Dominanz von Microsoft zeigt. Bei der Spracherkennung sieht es nicht besser aus. Das amerikanische Unternehmen Nuance ist mit seinem Dragon Naturally Speaking führend, und damit ist nicht jedermann glücklich. Viele Kritikpunkte und kleine Fehler bestehen seit Jahr und Tag und werden nicht ausgemerzt, die Probleme liegen auf der Hand, aber der deutsche Markt hat bei Nuance eben nicht die erste Priorität.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Nun kommt frischer Wind von Linguatec, einem kleinen deutschen Unternehmen, das bislang die betagte IBM-Spracherkennung unter dem Namen Voice Pro vertrieben hat. Da IBM nicht mehr weiterentwickelt, hat man jetzt die Pferde gewechselt und setzt auf die in Vista eingebaute Spracherkennung von Microsoft, die zwar eine hohe Erkennungsrate aufweist, aber als nacktes Basismodul wenig attraktiv und praxistauglich ist. Linguatec hat um den Microsoft-Kern herum ein hübsches Programm gebaut und verkauft das Ganze nun als Voice Pro 12 zu Preisen von 70 bis 370 Euro, wobei die teureren Versionen ein Spezialvokabular für Ärzte oder Anwälte enthalten. Wir probierten die Premium-Variante für 170 Euro, die gegenüber dem kleinsten Paket ein Fachvokabular aus den Bereichen EDV, Wirtschaft, Sport, Wissenschaft und Technik mitbringt und die Outlook-Bedienung ebenso wie den Einsatz von Diktiergeräten erlauben soll.

          Schnelle Installation, aber Vista als Voraussetzung

          Voice Pro 12 ist schnell installiert, fordert eine Online-Aktivierung und läuft natürlich nur unter Vista, was die erste Einschränkung ist. Wir kennen bislang keinen professionellen Diktierer, der mit Vista arbeitet, aber das kann sich ja jetzt ändern. Die Bedienungsoberfläche wirkt schick und aufgeräumt, ein kleines Steuerungsfenster in moderner Optik lässt sich frei auf dem Bildschirm verschieben.

          „Nach dem Anschluss eines Headsets oder Diktiermikrofons startet man ein kurzes, etwa zehnminütiges Stimmtraining, und dann kann man schon loslegen. Diktieren mit Voice Pro 12 ist dreimal schneller als das Schreiben mit der Hand, sagt Linguatec“, „und das ganz ohne Rechtschreib- und Tippfehler.“ Bis zu 165 Worte je Minute soll die Software mit einer Genauigkeit von 99 Prozent umsetzen. Wer sich mit der Spracherkennung auskennt, weiß, dass in diesen Floskeln viel heiße Luft steckt. Natürlich macht ein Spracherkenner keine Rechtschreibfehler, weil er das schreibt, was in seinem Wörterbuch gespeichert ist. Und wenn er den neuen Opel Insignia nicht kennt, wird daraus eben ein „Opel in Sydney Jahr“. Wer sich für die Spracherkennung entscheidet, muss also auch korrigieren oder korrigieren lassen, das ist das A und O einer solchen Software.

          Falsche Begriffe können nicht über die Tastatur korrigiert werden

          Hier zeigt Voice Pro 12 die ersten schwerwiegenden Mängel. Es lässt sich in einen kleinen Editor (Voice Pad) oder ein beliebiges Anwendungsprogramm wie Word diktieren, wobei die Bedienung nicht konsistent ist. In Word zeigt das Korrekturfenster bei falsch erkannten Begriffen ähnlich klingende Alternativvorschläge. Im Voice Pad hingegen ist nie eine Liste mit Alternativen sichtbar, man muss diese mit der rechten Maustaste eigens aufrufen. Daran kann man sich gewöhnen. Was einem aber den Spaß gründlich verdirbt, sind zwei Punkte: Ist bei Dragon Naturally Speaking mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit einer der Alternativvorschläge richtig, zeigt Voice Pro fast nie eine zutreffende Auswahl.

          Ferner: Während bei Dragon eine in vielerlei Weise bedienbare Korrektur zum Einsatz kommt, ist das Voice-Pro-Verfahren ebenso unausgereift wie beim Original von Microsoft. Steht keine Alternative parat, lässt sich der richtige Begriff keineswegs flink mit der Tastatur eingeben. Man muss vielmehr buchstabieren, und das ist im praktischen Einsatz so mühselig und zeitaufwendig, dass sich damit der Einsatz von Voice Pro im professionellen Umfeld eigentlich schon erledigt hat. Zudem fehlen etliche der raffinierten Dragon-Kommandos, die beim Ausbügeln von typischen Erkennungsfehlern ungemein hilfreich sind, etwa „Auswahl verbinden“, um mit diesem einen Befehl aus „Polizei Auto“ ein „Polizeiauto“ zu machen.

          Wenn es um das letzte Quentchen Präzision geht

          Wenn man sich länger mit Voice Pro 12 beschäftigt, stößt man also an Grenzen. Im Vergleich erscheint uns Dragon Naturally Speaking wie eine riesige Maschine, in der man an allen Ecken und Enden kleine Stellschrauben justieren kann, um das Programm auf seinen persönlichen Sprach-, Schreib- und Diktierstil einzustellen. Das ist gewiss anstrengend, man lernt nie aus und benötigt häufig die Hilfe von Experten, aber dafür entschädigen die Ergebnisse. Voice Pro 12 hingegen ist in vieler Hinsicht einfacher. Zwar gibt es die Möglichkeit, Formatierungsoptionen einzusetzen und stets falsch Erkanntes durch den gewünschten Begriff ersetzen zu lassen. Aber man kann beispielsweise das mitgelieferte Vokabular nicht einsehen, bearbeiten oder mit lautsprachlichen Hinweisen auf die Aussprache versehen. Nur selbst hinzugefügte Begriffe lassen sich anzeigen, bearbeiten und löschen (leider nur einzelne Wörter, nicht en bloc). Auch aus diesem Grund ist Dragon für den Vielnutzer, der sich ernsthaft mit der Technik beschäftigen will, die bessere Wahl. Die vergleichbare Dragon-Version 10 „Preferred“ kostet derzeit bei Amazon rund 110 Euro.

          Die spannende Frage nach der Güte der Erkennung kann selbstredend nicht mit einer simplen Prozentzahl beantwortet werden. Das gilt für jede Spracherkennung. Bei einfachen Texten mit bekanntem Vokabular überschreitet Voice Pro ebenso wie Dragon Naturally Speaking 10 mühelos die 95-Prozent-Grenze. Fehler bei der Groß- und Klein- sowie Getrennt- und Zusammenschreibung machen beide Programme. Voice Pro 12 liegt aber sehr häufig bei Kasus und Genus falsch, hier ist Dragon haushoch überlegen. Insgesamt kann man mit Voice Pro 12 sehr schnell sehr überzeugende Ergebnisse erreichen, ein Programm für den Showroom also. Wenn es aber um das letzte Quentchen Präzision geht, ist es keine ernstzunehmende Konkurrenz für den Drachen.

          Der Gebrauch zusammen mit Diktiergeräten enttäuscht

          Auch der von Linguatec beworbene Einsatz mit Diktiergeräten ist bei näherem Hinsehen enttäuschend. Das stark komprimierende DSS-Dateiformat der professionellen Geräte von Olympus und Philips wird nämlich nicht unterstützt. Während der Arzt oder Anwalt mit Dragon seine unterwegs aufgezeichneten Diktate mittels Knopfdruck an die Spracherkennung abschickt, fehlt Voice Pro die entsprechende Schnittstelle. Der Hersteller meint, dass sich MP3- oder Wav-Dateien verarbeiten lassen und denkt bei „Diktiergeräten“ vermutlich an simple elektronische Notizbücher, die aber wiederum zum professionellen Diktieren ungeeignet sind. Man kann sich allerdings behelfen: die DSS-Datei manuell ins Wav-Format umwandeln und dann Voice Pro vorsetzen. Allerdings ist das Ganze doch erheblich aufwendiger als beim Dragon.

          Wer Voice Pro benutzt, wird über kurz oder lang bei Dragon Naturally Speaking landen. Dass das wichtige und zukunftsweisende Thema Spracherkennung nun mit Voice Pro mehr Aufmerksamkeit findet, ist in jedem Falle begrüßenswert.

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