https://www.faz.net/-gy9-7w4yu

Lichtmaschine der Zukunft : Reißt sich noch mehr am Riemen

  • -Aktualisiert am

Bevorstehende Aufrüstung: Noch arbeiten alle Starter-Generatoren (hier in der Mercedes-B-Klasse) mit 12 Volt, doch die Spannung steigt künftig. Bild: Mercedes Benz

Wie viel darf das Einsparen eines Gramms Kohlendioxid kosten? Die Antwort auf diese Frage bewegt die Automobilindustrie. Die Lichtmaschine steht am Beginn einer neuen Karriere.

          Wie viel darf das Einsparen eines Gramms Kohlendioxid kosten? Die Antwort auf diese Frage bewegt die Automobilindustrie. Denn von 2020 an drohen bei Überschreitung der strengen Flotten-Grenzwerte saftige Strafzahlungen von bis zu 95 Euro je Gramm - für jedes verkaufte Fahrzeug. Was sich bei Millionenabsatz zu hohen Summen addiert, ist dennoch nicht der einzige Maßstab dafür, wie viel Technik ein bestimmtes Modell verträgt. Denn wenn Hersteller A den Grenzwert mit deutlich geringerem Aufwand erreicht als Hersteller B, so wird Letzterer nicht wettbewerbsfähig sein. Im besonders umkämpften Kompaktsegment wird daher der Golf GTE mit dem imposanten, aber auch aufwendigen Plug-in-Hybridantrieb eine Ausnahmeerscheinung bleiben.

          Wie der Grenzwert von 95 Gramm CO2 je Kilometer mit bescheideneren Investitionen erreicht werden kann, zeigen die Autozulieferer Continental und Schaeffler anhand eines umgerüsteten Ford Focus. Die Serienversion, ausgestattet mit einem 1,0-Liter-Benzinmotor, emittiert 114 Gramm je Kilometer, schon ein guter Wert. Wesentlichen Anteil an der Verbrauchsreduzierung hat ein Startergenerator, der über einen Riemen mit der Kurbelwelle verbunden ist.

          Anders als eine klassische Lichtmaschine bringt er den Motor nicht nur beim Anlassen in Schwung, sondern kann auch während der Fahrt kurzzeitig mit einer Leistung von etwa zwölf Kilowatt unterstützen. Beim Bremsen erzeugt er den dafür notwendigen Strom, der in einem sehr kleinen und damit kostengünstigen Lithium-Ionen-Akku gepuffert wird. Verbunden sind alle elektrischen Antriebskomponenten über ein 48-Volt-Netz, das über einen Spannungswandler mit dem 12-Volt-Bordnetz gekoppelt wird. Das ist wichtig, weil ein Großteil der rekuperierten Energie für die vielen elektrischen Verbraucher an Bord genutzt wird, für die der Verbrennungsmotor nun keine zusätzliche Arbeit mehr verrichten muss.

          Allein die bessere Ausnutzung der Bremsenergie sorgt schon für einen erheblichen Verbrauchsvorteil. Aber die Zulieferer haben sich ein zweites Schmankerl einfallen lassen: Das mit einem Handschaltgetriebe versehene Fahrzeug ist mit einer automatischen Kupplung ausgestattet. Der Fahrer schaltet also wie gewohnt, allein das Ein- und Auskuppeln entfällt. Dadurch wird es erstmals möglich, den Antrieb bei einem Handschalter während der Fahrt komplett abzuschalten. Das Auto rollt dann lautlos und - anders als bei der klassischen Schubabschaltung - ungebremst.

          Diese Funktion, von Ingenieuren als „Segeln“ bezeichnet, steht bisher nur bei sehr viel teureren Hybridfahrzeugen mit automatischem oder Doppelkupplungsgetriebe zur Verfügung. Eine erste Ausfahrt mit dem Prototyp auf einem ADAC-Testgelände bestätigte die grundsätzliche Funktion des Systems. Allerdings ist das Fahrzeug derzeit noch mit einem Kupplungspedal ausgestattet, was dazu führt, dass man öfter tut, was man nicht lassen kann.

          Bei größeren Stückzahlen 50 Euro

          Die Studie GTC („Gasoline Technology Car“) erfüllt zudem die Abgas-Emissionsstufe Euro 6c, während der heutige Focus-Käufer sich noch mit Euro 5 begnügen muss. Dies ist wesentlich einer neuen Hochdruckeinspritzung mit 200 bar Maximaldruck, der besseren Lenkung des Kühlwassers nach einem Kaltstart und einem elektrisch beheizbaren Katalysator zu verdanken. Letzterer wurde von Emitec, heute eine hundertprozentige Continental-Tochter, schon vor 20 Jahren für Höchstleistungsfahrzeuge entwickelt. Die Technik vermochte sich jedoch wegen des hohen elektrischen Leistungsbedarfs nicht in größeren Serien durchzusetzen. Mit der Umstellung auf das 48-Volt-Teilbordnetz kann der E-Kat nun mit „Stromabfällen“ gefüttert werden und hat vielleicht eine neue Chance.

          Peter Gutzmer, Technik-Vorstand bei Schaeffler, schätzt die Kosten der im GTC verbauten Technik bei größeren Stückzahlen auf 50 Euro je vermiedenes Gramm CO2. Demnach wäre der Focus vom Jahr 2020 an etwa 950 Euro teurer. Kein Pappenstiel, aber doch für Autokäufer bei weitem nicht so abschreckend wie ein Vollhybrid mit mehreren tausend Euro Aufpreis.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Sie kann für ihre Wikingerfahrt keine Mannschaft gebrauchen, der die einfachsten geographischen Grundbegriffe fehlen: Greta Thunberg.

          Klimadebatte : Gretas kindische Kritiker

          Das Kindische an der Klimadebatte ist die gespielte Naivität der Kritiker Greta Thunbergs. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hatte einen Begriff für solches Verhalten, mit dem eine Gesellschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.