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Leuchtreklame : Als die Lettern leuchten lernten

  • -Aktualisiert am

Auch Tokios Rotlichviertel erstrahlt in bunten Lichtern Bild: AP

Die Lichter der Großstadt: Erst mit Neonreklame kommt Leben in das Dunkel der Nacht. Und für Werbung wurde das bunte Licht erfunden. Zuerst in Frankreich und dann in Amerika. Doch begonnen hatte alles mit einem Abfallprodukt.

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          Winken kann er zwar nicht mehr, aber er begrüßt jeden Besucher immer noch so neonfarbenfroh wie seit 1951: Vic der Cowboy, die berühmteste Lichtgestalt von Las Vegas, dem gefühlten Zentrum der Neonreklame. Neonreklame? In einer Zeit der Internetbanner, Direct-Mailings und SMS-Kampagnen? Es gibt sie noch, auch wenn sie ihre Blütezeit bereits hinter sich gelassen zu haben scheint. Doch davon ist hier nichts zu spüren. Allabendlich explodiert hier ein Farbenrausch, der jedem Verweis der Neonreklame ins Reich der gleicher-Style-neuer-Look-Antiquitäten aus den Miami-Vice-lastigen 1980er Jahren hohnspricht.

          Begonnen hatte alles mit einem Abfallprodukt. Anfang des 20. Jahrhunderts suchte in Frankreich ein gewisser George Claude einen Weg, reinen Sauerstoff aus der Luft zu destillieren. Dabei fielen derartige Mengen an Edelgasen an, dass er und sein Partner Jacques Fonseque überlegten, wie sie diese kommerziell nutzen könnten. Die Erleuchtung kam schnell: Da zu jener Zeit die Reklametätigkeiten in Paris sprunghaft zunahmen, reichten Litfaßsäulen und Hauswände bald nicht mehr aus.

          1919 erhielt die Leuchtreklame den „Ritterschlag“

          Neue Formen der Reklame mussten her. Claude und Fonseque erkannten das Potential und begannen, beleuchtete Werbung herzustellen. Das erste Neon-Reklamezeichen erstrahlte kurz darauf an einem Friseursalon am Montmartre, und bereits ein Jahr später thronte die erste auf einem Dach installierte Neonschrift. 1919 folgte dann der „Ritterschlag“: der Haupteingang der Pariser Oper begann neonfarben zu leuchten. In Deutschland erstrahlte die erste Lichtreklame in Berlin im Jahr 1912, zwar noch keine Neon-, sondern eine Glühbirnenreklame, aber ein Anfang war gemacht.

          Richard Backes von Main-Neon demonstriert die Schritte...
          Richard Backes von Main-Neon demonstriert die Schritte... : Bild: Jan Ehlers

          In die neue Welt kam die neuartige Technik im Jahr 1923. In diesem Jahr besuchte ein Autohändler aus Los Angeles Paris. Fasziniert von dieser innovativen Form der Reklame, beschloss er augenblicklich, sie ins Heimatland der unbegrenzten Möglichkeiten zu bringen. Flugs bestellte er bei der Firma „Claude Neon“ zwei Schriftzüge für seine Wagen der Marke „Packard“ und legte damit, ohne es zu wissen, den Grundstein für die spektakulärsten Blüten, die Neonreklame in den folgenden Jahrzehnten in Nordamerika treiben sollte. Eine seiner beiden Leuchtschriften blieb übrigens bis zum Jahr 1974 in Betrieb.

          Wie kommt die Farbe in die Neonreklame?

          Doch auf welcher Technik beruht Neonreklame? Im Prinzip liegt ihr eine einfache Erkenntnis zugrunde: Strom fließt durch luftleeren Raum leichter als durch luftgefüllten Raum. Über Strecken von mehreren Metern lassen sich so sichtbare Gasentladungen erzeugen. Nimmt man nun eine Glasröhre, schließt rechts und links eine Elektrode zur Stromzufuhr an und saugt mit einer Vakuumpumpe die Luft heraus, erhält man eine einfache und effiziente Möglichkeit, Licht zu erzeugen. Problem dabei: Nach einiger Zeit wird das Licht schwächer und erlischt schließlich – die Röhre ist „ausgebrannt“. Mit den Edelgasen Neon, Argon und Helium fanden sich Füllstoffe, die ein angenehmes Licht erzeugten und einen wirtschaftlichen Betrieb der Röhren mit einer Brenndauer von bis zu mehreren tausend Stunden ermöglichten.

          Wie kommt aber jetzt die Farbe in die Neonreklame? Die Lösung ist verblüffend einfach und schlicht genial: In einem in den 1930er Jahren entwickelten Verfahren, dem sogenannten „Beschirmen“, wird der jeweilige Farbstoff mittels eines Bindemittels an der Innenwand einer Glasröhre – aus der später die Neonreklame entsteht – angebracht. Dieses Bindemittel wird vorher tröpfchenweise in ein mit Glaskügelchen gefülltes Glasgefäß gegeben, welches anschließend ordentlich geschüttelt wird, wodurch sich das Bindemittel gleichmäßig auf den Kügelchen verteilt. Daraufhin werden die mit dem Bindemittel benetzten Kügelchen in die Röhre eingefüllt und verteilen dort das Bindemittel gleichmäßig an der Innenwand der Glasröhre. Zum Schluss kommt der Farbstoff: Dieser wird im Anschluss an die Glaskügelchen eingefüllt, die vorher wieder herausgenommen werden, und haftet nun dank des Bindemittels gleichmäßig an der Glasröhren-Innenwand.

          Ob Times Square, Piccadilly Circus oder Las Vegas

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