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Laufschuhe : Sie dämpfen und führen, stützen und halten

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Mehr Rückstoß mag das neue Material der Zwischensohle dem Adidas Energy Boost ja geben, aber es sieht aus als liefe man auf Styropor Bild: Pardey

Das Thema Dämpfung ist zwischen Läufern und den Entwicklern von Laufschuhen noch längst nicht ausdiskutiert. Jetzt kommt von der BASF und Adidas etwas Neues.

          Buchstäblich kinderleicht erscheint uns Gesunden das Laufen, und jedem ist einsichtig, zu welchem Zweck wir Schuhe tragen. Tatsächlich sind die körperlichen Vorgänge so komplex wie individuell verschieden. Und wer nicht nur herumschlurft oder -stöckelt, sondern mit sportlichem Anspruch läuft, erlebt (egal, ob er oder sie feierabends mal ums Haus joggt oder ernstlich für die magischen 42,195 Kilometer trainiert), dass die Schuhe über Wohl und Wehe wesentlich mitentscheiden.

          Laufschuhe, damit ist hier Ausrüstung für den Sport gemeint und nicht, was bloß so aussieht und einem beim Discounter im Frühjahr nachgeworfen wird, müssen gleich ein ganzes Bündel von Zielkonflikten bewältigen: Zum einen sollen sie den Aufprall des Fußes gelenkschonend dämpfen, der bei jedem Schritt eines Laufes das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts beträgt. Beim Dämpfen soll aber nicht zu viel Energie verbraucht werden, denn charakteristisch für das Laufwesen Mensch ist ja, dass sein Fuß, der eben auf den Boden geprallt ist, nach vorn abrollt und sich im nächsten Moment zum folgenden Schritt vom Boden abstößt.

          Der On Cloudsurfer vereint Außensohle und Dämpfer

          Während dieses Abrollens findet als zusätzliche Komplikation eine seitwärts einknickende Bewegung des Fußes statt, zwecks natürlicher Dämpfung des unbeschuhten Fußes. Schließlich hat die Evolution unsere Füße in Zeiten geformt, als Namen wie New Balance, Ecco, Saucony, Reebok, Brooks, Karhu oder Puma völlig unbekannt waren. Bei den meisten Menschen findet dieses Einknicken nach innen statt; sie pronieren. Eine Minderheit supiniert: Der Fuß kantet nach außen. Beides ist völlig natürlich und, wenn es nicht im Übermaß geschieht, der Effizienz des Laufens nicht abträglich.

          Schließlich unterscheiden wir uns noch dadurch, wie der Fuß aufsetzt: Drei Viertel der Läufer kommen zuerst mit der Ferse auf, 15 Prozent mit dem Mittelfuß, und nur etwa 10 Prozent setzen zuerst mit dem Vorfuß auf. Das gilt als besonders effizient, und viele Läufer haben sich in den letzten Jahren bemüht, einen solchen Laufstil zu erlernen. Theoretiker und Praktiker des Laufens können schier unbegrenzt darüber streiten, was vernünftiger sei: das Korrigieren des eigenen Laufstils oder die Wahl eines zu ihm passenden Schuhs. Denn für jede Art von Bewegung und Läufertyp bietet die Industrie besonders konstruierte Schuhe an.

          Kerbenflächen sollen beim Asics Lyte 33 ein natürliches Abrollen zulassen

          Die ersten Laufschuhe -an schaue sich mal die Modelle von Brütting im Manufactum-Katalog an - waren einfach dafür gemacht, Kraft auf die Straße zu bringen und den Fuß zu schützen. Dann kamen die Schuhe mit immer mehr und raffinierterer Dämpfung: Edelgas, Luft, Gel und geheimnisvolle Flüssigkeiten in Kammern mit Ventilen unter der Ferse oder unter dem Vorfuß. Diese Entwicklung ging einher mit Schuhen, die zusätzlich zur Dämpfung den Bewegungsablauf kontrollierten: Überpronierer zum Beispiel bekamen an der Innenkante der Schuhe einen Keil aus härterem Material, der dem Einknicken gegenhielt. Schließlich konnten Leute Stabilschuhe kaufen, die vorher nie gelaufen wären wegen ihres Übergewichts.

          In den letzten Jahren wurden mit der Empfehlung des Laufens auf dem Vorfuß besonders flach gearbeitete Schuhe modisch, fachsprachlich: mit einer geringen Sprengung zwischen Ferse und Vorfuß. Da fehlte Platz für aufwendige Dämpfung. Sie wurde reduziert, während man mit unterschiedlichen Schlagworten das natürliche Laufen propagierte: Schuhe, die einem das Gefühl geben barfuß zu laufen. Ausgerechnet der Marktführer Asics ist dieser unter anderem von Nike mit den Free-Modellen angezettelten Entwicklung relativ spät gefolgt. Wer sich die Werbung für den aktuellen Gel-Lyte33 2 (rund 120 Euro) ansieht, liest nicht nur zwischen den Zeilen: Alles einfach wegzulassen, was den Fuß beim Laufen stützt, hält und führt, ist nur für eine Minderheit der Läufer ein Genuss. Entsprechend ist der in Größe US 9 nur 240 Gramm wiegende Schuh mit den fürs Abrollen fächerförmig ausgeprägten Flexkerben deutlich mehr Laufschuh als die Free-Modelle.

          Wie ein Strumpf legt sich der gestrickte Schaft des Nike Flynknit Lunar I um den Fuß

          Nike hat sich beim Flyknit Lunar1+ (rund 170 Euro) der Passform des Schafts und der Leichtigkeit (250 Gramm in US 101/2) angenommen. Der ganze Schaft, also der Schuh oberhalb der Sohle, ist aus Polyester-Faden gestrickt. Dort, wo bei anderen Schuhen aufgenähte oder aufgeklebte Verstärkungen dem Fuß Halt geben, ist das Gewebe dichter, wo Belüftung und Flexibilität gewünscht sind, ist es lockerer gewebt.

          Nicht jeder Schuh trägt seine Dämpfung so markant nach außen wie der Damenschuh Cloudsurfer (rund 140 Euro, 260 Gramm in Größe US 7) der Schweizer Marke On. Die Innovation dieses Frühjahrs, die Zwischensohle des Adidas Energy Boost (298 Gramm in US 11, rund 150 Euro) wirkt, verglichen mit den Schweizer Wölkchen, geradezu konventionell. Die Dämpfung aus thermoplastischem Polyurethan hat eine besondere Zellenstruktur und zeichnet sich durch Leichtigkeit, Haltbarkeit und eine hohe Rückstellkraft aus. Die Vorzüge sind beim Laufen sehr wohl erlebbar: Bei langsamem Tempo ausgesprochen komfortabel, scheint der Schuh härter zu werden, wenn man schneller läuft. Zwei Nachteile des neuen Adidas-Modells seien nicht verschwiegen: Die Außensohle verliert bei Nässe stark an Griffigkeit und, tja, das Wundermaterial sieht aus, als habe man ein Stück Styropor eingebacken.

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