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Laufbericht U-Tech Nevos : Die Sache neu angehen

Auf die Sohle kommt es an: U-Tech Nevos von True Motion Bild: Hersteller

Ein Sportwissenschaftler im Ruhestand will es allen zeigen: Der perfekte Sportschuh muss her, nach biomechanischen Erkenntnissen. Aha, laufen wir mal.

          Was man so macht, wenn man in den Ruhestand geht: sich von den Kollegen und der Arbeit verabschieden und neue Hobbys suchen. Man kann aber auch das Gegenteil tun, mit dem geballten Wissen eines langen Berufslebens neu starten und „es jetzt noch mal richtig machen“. So schildert der Sportwissenschaftler Gert-Peter Brüggemann den Beginn seines Ruhestands. Früher Professor für Biomechanik, dann Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie an der Deutschen Sporthochschule Köln, Vorsitzender ungezählter Kommissionen, Ehrenprofessor an der Sportuniversität Schanghai und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, startete er nach der Emeritierung 2017 eine zweite Karriere.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Seine Hauptforschungsgebiete waren die Biomechanik sportlicher Bewegungen und die Belastung des Bewegungsapparats beim Sport. Seit 1984 brachte er Forschungsprojekte mit führenden Herstellern von Laufschuhen auf den Weg, erst mit Asics, dann beriet er Nike und später auch Brooks. Stets war der Eindruck: Es geht nicht wirklich weiter in der Entwicklung, es gibt zu viele Zwänge und zu lange Entscheidungswege. Eine naheliegende Lösung ergab sich mit dem Ende des ersten Berufslebens: Brüggemann entwarf seinen optimalen Laufschuh, der allein auf Evidenz und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen soll. Gesagt, getan, einer seiner früheren Studenten war mit dabei, Andre Kriwet, der ebenfalls bei Asics und Nike gearbeitet hatte und 2009 als Chef-Produktentwickler bei Brooks anheuerte. Dritter im Bunde: Christian Arens, bis dahin Wirtschaftsprüfer bei Pricewaterhouse Coopers, nun fungierte er als kaufmännischer Geschäftsführer einer Drei-Mann-Firma, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Laufschuh noch einmal ganz neu anzugehen.

          Ein Jahr lang wird geplant und beraten, dann 2018 die True Motion Running GmbH in Münster gegründet, und ein weiteres Jahr später kommt in diesem Sommer der erste Laufschuh U-Tech Nevos in kleinen Stückzahlen auf den Markt. Wer ihn in die Hand nimmt, erkennt sofort, wofür das „U“ steht: Die hufeisenförmige Struktur der Sohle ist die besondere Finesse dieses Schuhs.

          Der Schuh soll Knieverletzungen vorbeugen. Bilderstrecke

          Die Fokussierung aller Laufschuhhersteller auf das Thema Pronation hält Brüggemann für falsch. Um Verletzungen zu vermeiden, soll der Schuh bei einer Überpronation das Einwärtsdrehen der Fußknöchel verhindern und bei einer Unterpronation das Laufen auf der Außenkante. Das ist gängige Meinung. Doch nicht der Fuß sei das Problem, sondern das Knie, sagt Brüggemann. Läufer plagen Knieverletzungen, und für das Pronations-Paradigma gebe es keinerlei wissenschaftliche Evidenz. Ungeachtet aller Fortschritte bei den Laufschuhen ändern sich die Verletzungszahlen seit Jahrzehnten nicht, und das Knie steht seit Jahr und Tag ganz oben auf der Liste.

          Hier kommt nun das „U“ zum Einsatz. Die Beobachtung von mehr als 15 000 Läufern unter Wettbewerbsbedingungen mit Hochgeschwindigkeitskameras habe gezeigt, dass 90 Prozent mit der Ferse oder dem Rückfuß zuerst den Boden berühren. Nur zwei Prozent seien reine Vorfußläufer, auch wenn viele Läufer sich als Vorfuß- oder Mittelfußläufer einstuften. Das sei jedoch falsch. Fast alle Läufer setzen zudem den Fuß um acht Grad rotiert auswärts auf.

          Orientierung an der Natur

          Die U-Sohle des Schuhbodens soll nun dieser Beobachtung aus der biomechanischen Forschung entsprechen. Konventionelle Sohlen vergrößern durch ihre breite, kantige Konstruktion sowie ihre ausladenden und harten Sohlenränder die Hebel der vom Boden auf den Fuß und das Knie wirkenden Kräfte, verstärken die Drehkräfte und damit das Verkippen und Verdrehen des Kniegelenks, sagt Brüggemann. Die U-förmige Struktur seines Schuhs orientiere sich an der Natur.

          Wie in einer Schale werde die wirkende Kraft in das Zentrum des Rings gedrängt, und der Kraftangriffspunkt finde sich unmittelbar unter dem Fersenbein und damit auf der senkrechten Projektion des Sprunggelenks. Auf diese Weise würden die Hebel der wirkenden Kräfte an Sprunggelenk und Kniegelenk minimiert und die Ursache für Verkippen und Verdrehen bekämpft.

          Das U-förmige Element im hinteren Sohlenbereich besteht aus geschäumtem TPU, Thermoplastischem Polyurethan, das sehr weich und zugleich sehr responsiv ist. Bei der Landung des Fußes wird der Kunststoff in 50 Millisekunden um einen Zentimeter verformt und gibt in den nächsten 50 Millisekunden mehr als 75 Prozent der Energie zurück. Als die ersten Test-Schuhe nach 1000 gelaufenen Kilometer zurückgingen, wiesen sie so gut wie keine Reduzierung der Energierückgabe auf.

          Der U-Tech Nevos wurde in Deutschland entwickelt, und er wird in Vietnam bei Auftragsfertigern hergestellt. Derzeit kann man ihn (für 150 Euro) im Online-Shop oder in 80 Laufgeschäften erwerben, die erste Lieferung war schnell ausverkauft. Die drei Partner haben ihr Projekt komplett eigenfinanziert, profitabel ist True Motion noch nicht. Was Professor Brüggemann dem Läufer empfiehlt: nicht zu schnell laufen und nicht zu lange laufen. Nach 45 Minuten habe der Knorpel im Knie seine Flüssigkeit verloren, länger als 60 Minuten sollte man nicht laufen. Gegen tägliches Joggen sei nichts einzuwenden, nach achtstündiger Erholung kann der nächste Lauf beginnen.

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