https://www.faz.net/-gy9-6kmqm

Kühlgeräte im Supermarkt : Schluss mit dem Frieren vorm Milchregal

  • -Aktualisiert am

Auch die schlichte Nachrüstung von Tiefkühltruhen und Kälteregalen mit Abdeckungen lässt die Stromrechnung spürbar sinken Bild: dpa

In Supermärkten wird viel Energie verschwendet. Kühlgeräte sind die größten Verbraucher, die mit Abstand größten Stromfresser im Supermarkt. Transparente Türen und Hauben können hier helfen. Weitere Sparmöglichkeiten werden erprobt.

          4 Min.

          Sie nennen sich „Klimamarkt“. Auch wird von „Green-Building“ gesprochen, wenn Lebensmittelketten ihren Supermärkten den Umweltschutz einhauchen. Es geht darum, dass Ingenieure den Blick über die Optimierung einzelner Komponenten wie Kälte, Beleuchtung, Klima und Heizung hinaus aufs große Ganze richten und dabei nicht allein betriebswirtschaftlichen Aspekten folgen.

          Hinter der Entwicklung zu mehr Ökologie und Nachhaltigkeit im Lebensmitteleinzelhandel verbergen sich natürlich handfeste wirtschaftliche Gründe: Rund 51 Euro je Quadratmeter und Jahr waren 2009 durchschnittlich für Energie hinzublättern. Und die Kosten steigen weiter. So rechnet das EHI Retail Institute in Köln für dieses und das kommende Jahr mit einem Anstieg um sieben Prozent. Allein die Kühlmöbel, so besagen Schätzungen, verbrauchen in einem Jahr Strom für 20 000 bis 30 000 Euro.

          Viele der rund 50 000 deutschen Lebensmittelmärkte haben Nachholbedarf in Sachen Energieeffizienz. Das gilt gerade für die Kältetechnik in den Abteilungen, in denen Molkerei-Produkte wie Milch, Joghurt oder Käse angeboten werden. Aus den Milch- und Käsetheken entweicht reichlich kalte Luft und lässt leicht bekleidete Kundschaft frösteln. Denn anders als im Tiefkühlbereich, wo inzwischen fast die Hälfte der Kühlmöbel (Minuskühlung) über Glas- oder Kunststoffdeckel verfügen, sind bei dieser sogenannten Pluskühlung Türen oder Abdeckungen noch rar. Offenbar befürchten viele Einzelhändler Umsatzverluste, wenn sich die Kunden nicht schnell und bequem bedienen können.

          Mit Abstand größte Stromfresser im Supermarkt

          Wie großzügig man hier mit Energieverlusten umgeht, zeigt der Blick in den eigenen Haushalt. So verfällt zu Hause niemand auf die Idee, die Kühlschranktür tagsüber offen zu lassen. Derlei Verschwendung schlägt sich in den Energiekosten denn auch deutlich nieder. Während in der häuslichen Stromverbrauchsbilanz die Kältekosten mit etwa 20 Prozent zu Buche schlagen, sind Kälteanlagen mit einem Anteil von rund 50 Prozent der mit Abstand größte Stromfresser im Supermarkt. Entsprechend groß ist der Bedarf der deutschen Supermärkte an elektrischer Energie für die Kälteerzeugung. Er liegt bei drei Prozent des gesamten Stromverbrauchs und ist damit in etwa so groß wie der der Deutschen Bahn.

          Damit stecken im Lebensmittelhandel vor allem in der Kältetechnik die größten Einsparmöglichkeiten. So ließe sich die hier benötigte Energie um die Hälfte vermindern, wenn man allen Kühlmöbeln im Tiefkühl- wie im sogenannten Plusbereich Glasabdeckungen spendierte. Für genauere Zahlen ist das Verhältnis von Tiefkühltruhen und Kühlregalen wichtig. Auch die Zugriffsfrequenz spielt eine Rolle. Die ist bei Discountern wie Lidl oder Aldi höher als bei Edeka und Co. Die Energieeinsparungen sind entsprechend geringer, aber mit geschätzten 30 Prozent noch immer üppig. Will man hier rasch die Stromrechnung drücken, braucht es nicht unbedingt völlig neuartige Marktkonzepte. Auch die schlichte Nachrüstung von Tiefkühltruhen und Kälteregalen mit Abdeckungen lässt die Stromrechnung spürbar sinken.

          Eine Nachrüstung rentiere sich

          Weniger als zehn Prozent der Pluskühlregale seien derzeit mit Glasabdeckungen versehen, schätzt Wolfgang Klingenberg, Marketingleiter beim Kölner Unternehmen Remis, wo Ingenieure Anfang der siebziger Jahre die ersten Glasabdeckungen ersannen. Eine Nachrüstung rentiere sich, führt Klingenberg aus, schon in zwei bis zweieinhalb Jahren. Normale Glasscheiben verhindern nur die Konvektion (Austausch von warmer und kalter Luft), Mittel der Wahl sind deshalb Gläser mit Infrarot reflektierender Schicht die zusätzlich auch die Wärmestrahlung abschirmen. Der Wärmeeintrag sinkt damit von rund 150 Watt je Quadratmeter auf etwa 35 Watt. Kältebedarf und Stromverbrauch gehen zurück, und überdies lagern Wurst, Käse und Milch bei optimaler Temperatur.

          Ein Muster für ein umfassendes energietechnisches Konzept bieten zwei Märkte von Tengelmann in Mülheim und von Rewe in Berlin. Dort friert niemand vorm Milchregal. Die Ware steht vielmehr säuberlich aufgereiht hinter Glastüren mit Infrarotschutzschicht. Aber auch sonst ist in jenen Läden einiges anders als im Supermarkt um die Ecke. Nicht nur stromsparende Kühlung und eine tageslichtabhängige Beleuchtung, auch selbst erzeugter Solarstrom, die Wärmerückgewinnung aus Kälteanlagen, die Nutzung von Tageslicht und der Einsatz von Erdwärmesonden gehören zum Repertoire der beiden Vorzeigeprojekte. Die gesamte Kältetechnik hängt zentral an einer Anlage mit dem „natürlichen“ Kältemittel Kohlendioxid.

          Die Energiesparziele der beiden Märkte waren anspruchsvoll. Rewes im vergangenen November eröffnete 1830 Quadratmeter große „Green-Building“ in Berlin, soll nur etwa die Hälfte der Energie eines vergleichbaren Standardbaus verbrauchen. Bei dem Neubau wurde deshalb zunächst der Energietechnik größtes Augenmerk gewidmet. So werden 40 Prozent der benötigten Energie von einer 2000 Quadratmeter großen Photovoltaik- und einer Geothermieanlage mit zwölf annähernd 100 Meter tiefen Erdwärmesonden am Standort erzeugt. Für ausreichend Tageslicht sorgen ein 280 Meter langes Fensterband und 18 Lichtkuppeln. Helligkeitssensoren regeln die Beleuchtung. Die Abwärme der Kälteanlage wird für die Raumheizung im Winter genutzt. Das Brauchwasser stammt aus einer 6000 Liter fassenden Regenwasserzisterne.

          Der vorausberechnete Soll-Energieverbrauch wurde unterschritten

          Bei Rewe zeigt man sich nach den ersten Betriebsmonaten zufrieden. Der vorausberechnete Soll-Energieverbrauch wurde unterschritten. Und der Prototyp für künftige Supermarkt-Generationen, den Rewe neu in die Landschaft setzte, wird auch architektonisch als erfreulich wahrgenommen. Holz ist einer der wichtigsten Baustoffe. Außer der allseits sichtbaren Rahmenkonstruktion bestehen auch Dach und Hauptfassade aus Holz - gedämmt mit Zellulose.

          Hinsichtlich des Energiekonzepts unterscheidet sich Tengelmanns „Klimamarkt“ in Mülheim nicht entscheidend von seinem Berliner Pendant. Allerdings war die Herausforderung eine andere: Man baute nicht neu auf der grünen Wiese, sondern brachte einen bestehenden Markt in nur acht Wochen energietechnisch auf Vordermann. Dabei setzte man - mit Ausnahme einer erst kürzlich installierten Windkraftanlage - ausschließlich auf bewährte Komponenten, die allerdings so effizient wie möglich miteinander verzahnt werden sollten, um aufzuzeigen, was möglich ist. Mehr als 200 Sensoren speisten dazu ihre Daten in einen Prozessrechner, der die verschiedenen Komponenten überwachte und optimierte und sich gerade in der Anfangsphase des Projekts als unverzichtbares Hilfsmittel erwies.

          Weitere Themen

          Life und Style

          Neuer VW Multivan : Life und Style

          Der VW Multivan startet in siebter Generation Richtung Freizeit und Freiheit.Wer aber einen California will, muss beim bisherigen Modell bleiben.

          Topmeldungen

          0:1 gegen Frankreich : Deutscher EM-Fehlstart mit Verve

          Mats Hummels trifft – ins eigene Tor: Beim 0:1 gegen Frankreich überzeugt die Einstellung von Joachim Löws Team. Die Niederlage der Deutschen zeigt aber auch, was zur Klasse der Franzosen fehlt.
          Innenansicht des „IBM Quantum System One“

          Quantencomputer vorgestellt : Rechnen mit kleinsten Teilchen

          Bei Stuttgart steht der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer in Europa. Die Forschung verspricht sich von ihm bahnbrechende Ergebnisse, die Industrie kräftige Impulse.
          Von Mazar nach Calw: Brigadegeneral Ansgar Meyer, Kommandeur des letzten deutschen Afghanistankontingents

          Ansgar Meyer : Ein Außenseiter für das KSK

          Brigadegeneral Ansgar Meyer hatte in seiner langen Karriere mit dem KSK lange nichts zu tun. Dennoch übernimmt er nun den Eliteverband. Oder gerade deshalb.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.