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Klimawandel : Atomkraft? Jein danke

  • -Aktualisiert am

Gundremmingen, Bayerns vorletzter Atommeiler, ist Ende des letzten Jahres vom Netz gegangen. Bild: dpa

Die Kernenergie ist CO2-frei. Deshalb wollen viele, dass sie ausgebaut wird. Das ist auch keine Lösung.

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          Planung heißt, den Zufall durch Irrtum zu ersetzen. Wie das funktioniert, zeigt die Energiewende, weil Kohle, Öl und Gas für jeden ersichtlich nicht auf die Schnelle durch Sonne und Wind zu ersetzen sind. Das klappt in der Stromversorgung nicht und für die gesamte Primärenergie erst recht. Nun soll es also die Atomkraft richten, die dazu eine grüne Farbe erhält. Sie ist seit einem halben Jahrhundert umstritten, aber jetzt haben ihre Anhänger Aufwind, weil sie kein CO2 freisetzt.

          Die Einwände sind freilich immer noch dieselben, sie belegen, dass klimaneutral und umweltfreundlich nicht dasselbe sein muss: die Gefahr schwerer Unfälle, radioaktiver Abfall und die Verbreitung von Nuklearwaffen. Zudem kommen viele Anlagen in die Jahre, und in den trockenen Sommern wird an Flüssen das Kühlmittel knapp. Denn zwei Drittel der Energie fallen als Wärme an, was aus den Türmen aufsteigt, ist Wasserdampf. Die Hoffnungen vieler ruhen nun auf neuen Typen. Manche sollen sicherer sein (das ist mit Blick auf die laufenden alten nicht beruhigend), statt Uran das besser verfügbare Thorium beziehungsweise Plutonium verbrennen oder als Mini-Anlage in Serie hergestellt werden; Kühlungsprobleme sind in kleinen Reaktoren naturgemäß besser beherrschbar als in großen.

          Wer sich näher damit beschäftigt, stellt indes fest, dass das alles so neu gar nicht ist. Mini-Reaktoren treiben seit jeher Schiffe an, sie müssen aber erst noch beweisen, dass sich die genannten Probleme lösen lassen, indem man sie auf viele Anlagen verteilt. Wer einen Schnellen Brüter sucht, findet eine Investitionsruine in Kalkar, jene eines Hochtemperaturreaktors steht in Hamm. Neue Generationen, wie sie etwa die Chinesen erproben, sollen viel besser sein; ob es so ist, werden wir sehen. Das gilt erst recht für künftige mit flüssigem Salz oder Metall betriebene Typen, die angeblich einen Teil des Atommülls fressen können. Das Konzept ist unter Fachleuten umstritten, wir halten uns da raus.

          Tendenz steigend

          Es ist auch einerlei. Die Kernenergie ist nicht die Lösung für das Klimaproblem, ihr Anteil an der Energieerzeugung ist aus gutem Grund in fast allen Staaten überschaubar. Dass die Betreiberländer vorhandene Anlagen weiterverwenden wollen, ist zwar verständlich, in Deutschland könnte das aber die Kohle noch nicht einmal zur Hälfte ersetzen. Und neuen Projekten geht es wie dem Berliner Flughafen, Verzögerungen und Pannen lassen die Kosten in schwindelerregende Höhen schnellen und verschieben den Betriebsstart auf irgendwann. Eine Kilowattstunde Strom lässt sich derzeit für etwa vier bis fünfzehn Cent produzieren; Wind ist günstig, Tendenz fallend, neue Atomanlagen finden sich dagegen am oberen Ende der Skala, Tendenz steigend. Salopp gesagt: Für einen verschärften Ausbau der Atomenergie fehlt schlicht die Kohle.

          Die Sorge des deutschen Klimaministers, durch ein grünes Label könnte das Geld in die falsche Richtung abbiegen, ist also berechtigt. Wenn es stattdessen in Gaskraftwerke fließt, ist das freilich auch verkehrt. Zwar verbrennt Erdgas sauberer als Öl oder gar Kohle, bei der Förderung wird aber dessen Hauptbestandteil Methan frei, ein starkes Treibhausgas, von Abhängigkeiten gar nicht zu reden. Der europäische Deal, auch Gas zu ergrünen, ist die Bankrotterklärung der deutschen Ausstiegspolitik. Atomkraft und Kohle liefern kontinuierlich Strom, Sonne und Wind nicht, Speicher sind so gut wie keine vorhanden. Deshalb werden die Nachbarn die Lücke mit den ungeliebten Energieträgern Atom und Kohle schließen müssen.

          Wie bekommt man jetzt den Karren wieder aus dem Dreck? Keine Ahnung. Am besten bilden wir erst mal einen Arbeitskreis.

          Lukas Weber
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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