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Kernkraftwerk Fukushima : Ein Sarg aus Eis gegen die Strahlung

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Solche Schlitzwandbagger waren etwa bis vor wenigen Wochen auf der Baustelle des Berliner Stadtschlosses im Einsatz, um mit ihrer Hilfe eine wasserdichte Baugrubenumfriedung herzustellen. Die 30 Meter tiefe Fundamentgrube einer im Jahr 2005 unmittelbar am Ufer der Seine gebauten (und vor den Blicken der Pariser tief im Boden versteckten) Müllverbrennungsanlage wurde ebenfalls mit dieser Technik hergestellt, denn auch hier baute man im Grundwasserbereich. Die Schlitzwand hielt das Seine-Wasser ab und die Baugrube trocken.Warum diese Technik nicht auch in Fukushima einsetzen? Fachleute halten es prinzipiell für möglich, die Keller der Reaktorgebäude auf diese Weise vor eindringendem Grundwasser zu schützen.

Schuhkartonähnliche Eiskiste

Genauere Angaben über den tatsächlichen Aufwand und mögliche Schwierigkeiten will aber niemand machen, liegen doch über die lokalen Gegebenheiten keine näheren Informationen vor. So ist etwa nicht bekannt, wie tief man rund um das unmittelbar am Meer gelegene Kraftwerk bohren müsste, um zu nicht wasserführenden Schichten vorzustoßen.Diese Information ist auch für eine völlig andere, kürzlich ins Spiel gebrachte Umschließungsmethode wichtig, die Bodengefriertechnik. Dabei geht es darum, in einem Abstand von einigen Metern um das Reaktorgebäude das Erdreich tiefzugefrieren, und zwar so, dass sich eine bis zum felsigen Untergrund reichende eisige Sperrwand bildet, die Grundwasser zuverlässig abhält.

Oder anders ausgedrückt, um den Havariereaktor von Fukushima wird eine schuhkartonähnliche Eiskiste gebaut. Ist das nur eine spinnerte Idee, oder lohnt es sich, darüber intensiver nachzudenken? Es lohne sich, meint Wolfgang Orth vom gleichnamigen Karlsruher Ingenieurbüro für Bodenmechanik und Grundbau, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dieser Technik befasst und an unterschiedlichsten Baustellen Erfahrungen damit gesammelt hat. Er betont, dass es sich hier keineswegs um ein exotisches Bauverfahren handelt. Im Gegenteil, die Bodenvereisung und damit die Idee, Boden durch Gefrieren fest und wasserdicht zu machen, ist uralt.

Um die Fassade des Neuen Museums in Berlin während des Umbaus zu stützen, hat man einen „Frostkörper“ untergeschoben

Bereits 1862 hat man sich dieser Methode beim Graben (Abteufen) eines Bergwerksschachts in der Nähe von Swansea im Süden von Wales bedient. Wenig später und dank immer leistungsfähigerer Kältemaschinen konnte der deutsche Ingenieur Hermann Poetsch aus Aschersleben erfolgreich ein Patent für ein „Verfahren zum Abteufen von Schächten in schwimmendem Gebirge“ beantragen. Wurde die Technik anfangs nur im Schachtbau eingesetzt, vereiste man bald auch einfach zu berechnende „gewölbeartige Festkörper“. Erst Grundlagenforschung in den siebziger Jahren ermöglichte, sich auch an ebene und auf Biegung oder Zug beanspruchte Eiskörper zu wagen, denn das „Gefriergut“ muss stabil sein und bleiben.

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