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Intensivstation der Lufthansa : Das fliegende Krankenzimmer

Lufthansa-Intensivstation mit Patientenliege und medizinischen Geräten Bild: Spehr

Nur eine Stunde dauert der Einbau: Die Langstreckenflotte der Lufthansa kann jetzt mit fliegenden Intensivstationen für den Krankentransport ausgerüstet werden. Ein Blick auf Technik und Ausrüstung.

          3 Min.

          Nicht mal sieben Quadratmeter, 210 × 320 Zentimeter, das sind die Maße einer kleinen, besonderen Intensivstation. Sie kann zwar nur einen Patienten beherbergen, aber der wird bestens betreut. In der Minikabine halten sich ständig ein Arzt und ein Intensivpfleger auf, und Letzterer ist zusätzlich als Flugbegleiter ausgebildet. Diese Intensivstation kann in die Luft gehen, bei der Lufthansa schon seit 1999 in der Boeing 747-400 und im Airbus 340 und 330.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Und seit dem 1. Juni steht die fliegende Intensivstation für die gesamte Langstreckenflotte der Lufthansa zur Verfügung, denn die Boeing 747-8 und der Airbus 380 sind jetzt ebenfalls mit einer weiterentwickelten Version des sogenannten PTC, Patient Transport Compartment, ausrüstbar.

          Die Besonderheit der kompakten Einheit ist, dass sie auf Abruf in die Linienmaschinen eingebaut werden kann. Vier Mann bauen das Flugzeug in weniger als einer Stunde um. Dazu werden einige Sitzreihen in der Mitte oder im Heck des Flugzeugs entfernt, Trennwände aufgezogen und schließlich die einzelnen Komponenten der medizinischen Inneneinrichtung installiert. Von außen sieht man nur die abgeschlossene Kabine mit dem Türschild „Kein Zutritt - Nur für Besatzung“. Die mitfliegenden Passagiere bemerken den kranken Gast nicht. Der Intensivpatient kommt als erster Passagier an Bord, und er verlässt die Maschine als letzter, und zwar über die Ladeeinrichtung (Highloader), um den Treppentransport mit Trage und Monitoring zu vermeiden.

          Meist sind es Krankenrücktransporte aus dem Ausland nach Deutschland, und wie bei jedem Krankentransport ist die wichtigste Voraussetzung, dass der Patient aus medizinischer Sicht transportfähig ist.

          Der Gesundheitszustand muss stabil sein

          In der fliegenden Intensivstation erfolgt keine Unfallversorgung und keine weitergehende Behandlung. Der Gesundheitszustand muss also stabil sein, was kein Widerspruch zur Einordnung als Intensivpatient ist. Die meisten Patienten werden beatmet, und für ihre Behandlung an Bord findet man über und unter der vielfach verstellbaren Liege eine typische Intensivausstattung vor: zwei Transportbeatmungsgeräte (Pulmonetic LTV 1000 und Dräger Oxylog 3000), Überwachungsmonitore mit Drei-Kanal-EKG, Defibrillator, Blutgas-Messgerät und etliche Injektomat-Infusionspumpen.

          Redundanz ist wichtig bei allen Medizingeräten. Fällt eins aus, steht ein zweites sofort bereit. Ausfälle der medizinischen Apparate sind nicht selten, wie Fachleute wissen. Unter der Liege finden sich riesige Gasflaschen mit insgesamt 13 000 Liter Sauerstoff. In Trolleys, die auf den ersten Blick aussehen, als ob sie Tomatensaft und Kaffeekannen beherbergen, sind Medikamente, Verbände und Infusionen verstaut. Arzt und Rettungssanitäter müssen sich mit kargen Notsitzen an der linken und rechten Seitenwand bescheiden. Was den Betrachter auf Anhieb fasziniert: wie effektiv Hunderte von Utensilien, Medikamenten und Materialien in den Schubfächern verstaut und trotzdem in Reichweite und mit einem Griff hervorgeholt sind.

          Kosten des Rücktransports trägt die Auslandskrankenversicherung

          Die Patienten kommen oft aus Urlaubsregionen in Asien oder Amerika, wo sie vielleicht mit dem Auto oder beim Baden verunglückt sind. Die Kosten des Rücktransports trägt in der Regel die Auslandskrankenversicherung. Das gilt zum Beispiel im Fall medizinischer Unterversorgung im Ausland oder wenn absehbar ist, dass der Patient nicht allzu schnell wieder auf die Beine kommt, etwa nach einem Schlaganfall.

          Im Großraumflugzeug entstehen Kosten zwischen 34.000 und 68.000 Euro. Das hört sich zunächst teuer an, kann aber günstiger sein als der regelmäßig vorkommende Rückflug in einem Ambulanz-Jet. Die kleinen Maschinen mit ihrer geringen Reichweite müssen öfter zwischenlanden. So nimmt ein Krankentransport von São Paulo nach Frankfurt im Ambulanz-Jet die Zwischenstationen Caracas (Venezuela), Pittsburgh, Goose Bay (Kanada) und Keflavík auf Island. Die Flugzeit beträgt 23 Stunden. Mit dem Lufthansa-Direktflug landet der Patient nach elfeinhalb Stunden ohne Zwischenstopp in Frankfurt. Im Preis ist das Ticket für den Arzt und einen mitfliegenden Familienangehörigen enthalten. Ferner stellt die Lufthansa den Intensivpfleger oder Rettungsassistenten.

          Rund 100 Transporte im Jahr

          Eine fliegende Intensivstation gibt es derzeit nur bei der Lufthansa. Rund 100 Transporte werden in jedem Jahr absolviert, die Nachfrage übersteigt die Ressourcen der Fluggesellschaft. Bisher stehen sechs Kabinen zur Verfügung. Die Buchung muss zwei bis drei Tage vor dem Flug erfolgen. Seit 1999 hat es in den fliegenden Hightech-Kabinen nicht einen einzigen Zwischenfall gegeben, und es ist während des Transports noch nie ein Patient verstorben, wie Marion Günther, die Teamleiterin des Medical Operation Center der Lufthansa, berichtet.

          Die Mitreisenden profitieren übrigens von jedem Krankentransport. Hat eine Maschine einen Patienten an Bord, wird sie an den beiden Flughäfen Frankfurt und München mit Vorrang behandelt. Im morgendlichen Andrang der Interkontinentalflüge kann sie ohne langwierige Warteschleifen direkt zur Landung ansetzen.

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