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Innovation in der Uhrenbranche : Schwingen ohne die Schweizer

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Swinging Metro: Die Uhr ist die erste mit dem Nomos-eigenen Assortiment. Als Besonderheit hat sie zudem eine für Handaufzugskaliber unübliche Gangreserveanzeige Bild: Hersteller

Die Metro von Nomos Glashütte ist äußerlich eine innovative neue Uhr und innerlich eine Unabhängigkeitserklärung der Manufaktur. Das neue Swing-System ist nichts weniger als eine Sensation.

          Man sieht es ihr nicht an, aber mit der Metro beginnt ein neuer Lebensabschnitt für die Manufaktur aus Glashütte. Auf der morgen beginnenden Baselworld, der größten Uhrenmesse der Welt, hat sie Premiere, und sie wird eine Menge Staub aufwirbeln. Denn die erfolgreiche deutsche Marke Nomos Glashütte macht sich mit dem Innenleben der Neuen unabhängig von den Monopolisten der Uhrwerksherstellung: Die meisten Marken außerhalb der Luxusklasse (und auch einige von diesen) kaufen ihre Werke von der zur Swatch Group gehörenden Eta oder beziehen zu 90 Prozent zumindest das Assortiment, also die Steuereinheit, das Herz jeder Uhr, von deren Konzernschwester Nivarox. Die heißt wie die Legierung, aus der sie Spiralen fertigt. Das Rezept dafür liegt im Safe von Heraeus.

          Dass die Swatch Group keine Eta-Werke mehr an Fremde verkaufen will, weiß die Branche seit 2001, und seit 2010 kämpft der Konzern auch darum, dass die Nivarox keine Assortiments für andere Marken mehr produzieren muss. Der erste Schritt war das Einfrieren der Stückzahlen auf dem Niveau von 2010. Doch dem totalen Lieferstopp hat die Schweizer Wettbewerbskommission wegen der Monopolstellung der Nivarox Mitte 2013 eine Absage erteilt und der Branche bis 2016 erst einmal Luft verschafft.

          Taktgeber Swing-System: Die Pinzette hält die Unruh mit der bei Nomos Glashütte blauen Spirale; das Ankerrad mit seinen Zähnen und der Anker mit den zwei roten Beinchen sind schon 
unterhalb des Räderwerks montiert

          Leider ist Ersatz nicht in Sicht, zumindest nicht in den nötigen Mengen und zu akzeptablen Preisen. Luxusuhrenhersteller spüren dieses Damoklesschwert weniger, denn ob sie für einen Zeitmesser in der Preisklasse einer Oberklasselimousine das Assortiment für Hunderte von Euro mehr oder weniger handschnitzen lassen, spielt keine Rolle. Sehr wohl aber für die große Masse der mechanischen Uhren. Es geht um die Herstellung von Werken in Millionen-Stückzahlen zu Preisen im zweistelligen Segment, und die müssen in einer unglaublichen Präzision zuverlässig funktionieren. Doch auch innerhalb dieser industriellen Fertigung beziehen auch anderen Werke-Produzenten das Assortiment, auch Reglage genannt, von der Nivarox.

          Dieses Assortiment, bestehend aus Unruh, Ankerrad und Anker nebst weiteren winzigen Teilen, ist in seinem komplizierten Zusammenspiel zuständig für Genauigkeit, Robustheit und Langlebigkeit eines Uhrwerks. Vor der Eigenentwicklung dieser Baugruppe haben sich die meisten Uhrenmarken, selbst wenn sie eigene Werke bauen, jahrelang „gedrückt“, denn es gehört viel Erfahrung dazu, die wenigen Spezialisten hüten ihre Geheimnisse, und es gab bisher keine Literatur, schon gar keine mathematischen Berechnungen für diese Reglage.

          Eine Wissenschaft für sich

          Jetzt gibt es sie. Denn Nomos Glashütte hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden diese Reglage „gerechnet“ und sie unter dem Namen Swing-System zur Serienreife entwickelt. Das ist nichts weniger als eine Unabhängigkeitserklärung. Die Manufaktur produziert das System komplett selbst, bis auf die Spirale, die von einem deutschen Hersteller stammt, der zwar das Know-how dafür, aber nicht für das komplette Assortiment hat und es deshalb kaum nutzen konnte.

          Das Swing-System sorgt dafür, dass die Kraft aus der gespannten Feder im Federhaus richtig portioniert und gleichmäßig abgegeben wird. Ohne diese „Bremse“ würden sich die Räder im Werk nach dem Aufziehen rasend schnell drehen, die Feder würde sich entspannen, die Uhr bliebe nach wenigen Sekunden stehen, statt fast zwei Tage lang eine Million Takte zu absolvieren. Aus dem Anhalten und Loslassen des Ankerrads durch den Anker, das aus dem Zusammenspiel der Reglage-Teile resultiert, entsteht das für eine mechanische Uhr typische Tick und Tack.

          Allein die Konstruktion dieser beiden Teile ist eine Wissenschaft für sich, jeder einzelne Zahn und jedes Beinchen am Anker ist in Form und Richtung berechnet und muss aufs My genau gefertigt werden. Nomos Glashütte hat spezielle Maschinen, mit denen die Präzision der Einzelteile geprüft und reguliert wird. Man könnte etwa das Richten eines Unruh-Reifs mit dem Auswuchten eines Reifens vergleichen, nur dass hier eventuell ein Tausendstel Gramm Material abgetragen statt ein Gewicht angebracht wird. Es gibt nur wenige Unternehmen auf der Welt, die diese Kalibrierung, Klassifizierung und Justage beherrschen.

          Als Erstes bekommt die neue Metro das Assortiment

          Gut 11 Millionen Euro hat Nomos Glashütte bisher in das Swing-System und die dafür nötigen Drehteile investiert. Die Manufaktur hatte sich schon vor Jahren das Ziel gesetzt, möglichst unabhängig von Zulieferern zu werden und daher mit der Entwicklung des Rädersatzes begonnen, und zwar nicht empirisch wie bisher in der Uhrenbranche üblich, sondern rechnerisch. Daraus ergab sich fast zwangsläufig der Ansporn, auch die Reglage in eigener Regie zu entwickeln. Heute kann das Unternehmen dem drohenden Lieferstopp seitens der Swatch Group gelassen entgegensehen. Und dass die Glashütter das sensationelle System ohne Aufpreis nach und nach in die Kollektion einführen werden, macht die Sache nur noch besser.

          Als Erstes wird die neue Metro mit dem hauseigenen Assortiment bestückt, das in das von Nomos selbst entwickelte Handaufzugskaliber DUW 4401 integriert ist. Es ist eine Uhr ganz in der Designsprache von Nomos, die jeder erkennt, der einmal ein Modell dieses Hauses bewusst wahrgenommen hat. Schnörkellos, mit klaren Formen präsentiert sie sich in einem 37-Millimeter-Edelstahlgehäuse mit gewölbtem Saphirglas über dem weiß versilberten Zifferblatt und einem Saphirglasboden, damit man das schöne neue Assortiment auch erkennt. Eine Besonderheit für eine Uhr mit Handaufzug ist die patentierte Gangreserveanzeige in einem mintfarbenen Fenster oberhalb des Mittelpunkts, die anzeigt, wann dem Werk die Kraft ausgeht. Über dem Datumsfenster auf der „6“ ist der rote Zeiger der Kleinen Sekunde ein weiterer Farbklecks. Die feinen, schwarzen Zeiger verjüngen sich, der große reicht bis an die Minuterie heran. Die Krone am 7,7 Millimeter hohen Gehäuse ist dank Punktrelief sehr griffig, die archetypischen Bandanstöße identifiziert man auf den zweiten Blick als Schnellwechsel-Federstege für das schwarze Lederband. 2600 Euro kostet das Ticket für diese Metro, mit ihr fährt Nomos Glashütte Richtung Zukunft.

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