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Individuelle Medikation : Jedem Patienten seinen Blister

  • -Aktualisiert am

Klare Sache: Ein Schlauchblister informiert über Inhalt und Einnahmezeitpunkt Bild: Nils Schiffhauer

Die individuelle Zusammenstellung von Medikamenten können Maschinen übernehmen. Die machen zudem weniger Fehler, hygienischer ist es auch.

          Die 400 Jahre alte Raths-Apotheke im Zentrum von Hameln bietet Platz für Träume wie für Realitäten. Friedrich Sertürner, Entdecker des Morphins, lebte und wirkte dort von 1820 bis zu seinem Tode 1841; gestorben an Gicht, sagen die einen, zugrunde gegangen an seiner Opiumsucht, sagen die anderen.

          Einen Traum hatte auch das Ehepaar Ulrike und Marc Berz, sie heute Leiterin der Offizin, er Gesundheitsökonom. Vor fünf Jahren stellten sie sich eine Verblisterungsmaschine in die Apotheke. Diese rund 165.000 Euro teure Investition soll sich für viele lohnen, denn sie löst ein Problem von Heimverwaltungen bei der Versorgung von Patienten ebenso wie von vielen chronisch Kranken zu Hause. Alle benötigen sie Arzneimittel. Oft müssen sie zu bestimmten Uhrzeiten verschiedene davon einnehmen. In Krankenhäusern oder Heimen stellen examinierte Pflegekräfte Tages- und Wochenrationen in kleinen Boxen zusammen. Das kostet Zeit, ist nicht immer hygienisch und lässt einigen Raum für menschliche Fehler. Zu Hause wiederum ist beispielsweise ein Parkinson-Patient oder ein an Rheumatiker schnell mit so scheinbar einfachen Dingen wie dem Herausdrücken von Tabletten aus der Verpackung oder der zwingenden Logik der Medikationszeitpunkte überfordert.

          Tagestütchen mit groß aufgedruckter Einnahmezeit

          Dienstleister lösen dieses Problem für jene Mittel, die sich blistern lassen; Flüssigkeiten und Arzneien nach dem Betäubungsmittelgesetz zählen nicht dazu. Die Tabletten werden für jeden Einnahmezeitpunkt in einer kleinen Packung - dem Blister - zusammengestellt. Dafür gibt es verschiedene Methoden, Marcus Berz hat sich für Schlauchblister und deren automatische Befüllung entschieden. Der Patient bekommt seine Wochenration in einem aufgewickelten Schlauch, der in einem Dispenser genannten Spender steckt. Daraus zieht er die erste Packung, reißt sie ab und auf, entnimmt und nimmt die Pillen. Das Aufreißen der innen beschichteten Polyäthylentütchen geht ohne Fummeln, die Entnahme ist ebenfalls kein Problem - bei stärker eingeschränkten Patienten übernimmt das ohnehin die Pflegekraft. Ist das erste Tagestütchen gezogen, erscheint das nächste mit groß aufgedruckter Einnahmezeit.

          Links an der Maschine sitzt der Vorratsbehälter für die Schlauchblister

          Was so einfach klingt, erfordert einigen Aufwand bei der Realisierung. „Solange wir in der Apotheke verblisterten, war der Aufwand etwas geringer“, erinnert sich Marcus Berz. Doch als er diese Arbeit in einen Neubau vor den Toren Hamelns auslagerte, wurde aus der Apotheke plötzlich ein Herstellerbetrieb, für den dieselben aufwendigen Vorschriften wie für die Produktion von Arzneimitteln gelten. So muss die Maschine in einem klimatisierten Reinraum stehen, und allein die Klimaanlage kostete rund 100.000 Euro. Betreten können wir ihn nur im „Tatort“-Overall mit Kapuze, übergestreiften OP-Schuhen (doppelt!) und Mundschutz. Die Maschine selbst ist eher unspektakulär. 400 an Zuckerschütten erinnernde Behälter nehmen chargenrein die häufigsten der rund 1500 verschriebenen Medikamente auf. „Jeder Behälter ist genau so einzustellen, dass er nur jeweils eine einzige der in Form wie Größe unterschiedlichen Tabletten in den Beutel befördert“, erläutert der Gesundheitsökonom. Dieser Schlauchbeutel ist nicht nur mit kryptischen Dingen wie der Chargennummer bedruckt, sondern führt den Inhalt zudem im Klartext nach Form, Farbe und Wirkung auf. Zudem sind Patientendaten bis hin zu Wohnbereich und Zimmer sowie groß und deutlich Tag und Zeit der Einnahme vermerkt.

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