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Hochseeübung : Watt für ein Popcorn-Schock

Der ausgestreute Puffmais soll den Ölteppich simulieren. Bild: Daniel Pilar

Schiffsunglück vor Husum, Öl läuft aus. Einsatzkräfte strömen zusammen, um mit schwerem Gerät das Watt zu retten. Eine Übung, die auf den Ernstfall vorbereiten soll.

          Mit 80 Kilo Popcorn lässt sich so manches anstellen. Zum Beispiel sind sie, die mittlere Tüte von drei Liter Inhalt vorausgesetzt, ausreichend für zwei Jahre täglichen Kinobesuch. Oder man schüttet sie aus großen Säcken ins Meer. Das machen die jungen Leute in ihren knallroten Booten gerade mit sichtlicher Begeisterung, die Nordsee ist ruhig, und das Wetter könnte für solche Aktionen nicht besser sein. So treiben die gelben Brocken gelangweilt dahin und warten auf das, was ihnen beschieden ist.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Mag sein, dass ein Teil des stärkehaltigen Puffmais’ in den Mägen von Fischen verschwindet, die sich hier rund sieben Seemeilen vor Husum im Wasser tummeln. Doch ist das nicht Sinn der Sache. Was wie die Lebensmittelvernichtung der EU aus den siebziger Jahren anmutet, ist heute Teil einer ernsten Angelegenheit: Das Popcorn simuliert Öl, das aus naheliegenden Gründen hierfür nicht verwendet werden kann, und es ist Hauptdarsteller einer großangelegten Übung, die Meer und Ufer vor einer Katastrophe schützen soll, falls auf den dicht befahrenen Seestraßen in und um das Land ein Schiff havariert. Kleine Übungen gibt es ständig, aber so etwas findet vor der Küste Schleswig-Holsteins nur alle zwei Jahre statt. Das Szenario diesmal: Der Massengutfrachter Waltraud hat bei Nacht und Nebel frontal das Sperrwerk vor dem Hafen gerammt, 30 Tonnen Öl sind ausgetreten.

          Es muss also nicht unbedingt ein Tanker sein, der aufplatzt. Vor gut zwei Jahrzehnten ist vor Amrum der Holzfrachter Pallas auf Grund gelaufen, der Schock saß tief. Aus den Treibstofftanks gelangten rund 220 Tonnen Öl ins Meer – eine im Vergleich zu den großen Schiffsunglücken geringe Menge; die Amoco Cadiz verlor im März 1978 fast das Tausendfache vor der Bretagne. Doch waren die Folgen in der Nordsee verheerend, der Unfall kostete 16 000 Vögeln das Leben (in der Bretagne waren es 4500), die Bilder der ölverklebten Tiere sind den Älteren noch in unappetitlicher Erinnerung. In der Folge wurden Gutachten erstellt, Notfallpläne ausgearbeitet, vom Bund und den Küstenländern ein gemeinsames Havariekommando in Cuxhaven eingerichtet und der Vorsorgeplan Schadstoffbekämpfung ausgearbeitet. Er erfasst all jenes digital, das im Fall einer Katastrophe gebraucht werden kann.

          Auch das Einfangen von Vögel wird geübt.

          Das ist eine Menge Gerät. Das meerumschlungene Schleswig-Holstein zum Beispiel leistet sich eine Armada von Spezialfahrzeugen, darunter acht Schiffe, Mehrzweckboote, Ölaufnahmegeräte, fünf Kilometer Ölsperren und eine Handvoll etwas skurril wirkender, aber schwimmfähiger Allesüberwinder von Hägglunds mit angetriebenem Anhänger, die jede Steigung erklimmen können, solange die Gummiraupen Halt finden. Schleswig-Holstein habe unter dem Eindruck des Pallas-Unfalls viel in den Aufbau des Katastrophenschutzes investiert, sagt Jens Rauterberg, Referatsleiter im Havariekommando und Experte für die Ölschadensbekämpfung. Seine Behörde übernimmt die Einsatzleitung bei großen Unfällen, an der Übung jetzt nimmt er als Beobachter teil.

          Denn was nützt die schönste Technik, wenn man nicht damit umgehen kann? Der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz allein wäre damit schon rein personell überfordert, er übernimmt aber die Koordination in der Einsatzzentrale in Husum. „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer könnte die Aufgabe nicht bewältigt werden“, sagt Peter Mause, der Leiter des Fachbereichs Gefahrenabwehr im Landesbetrieb und oberster Koordinator der Übung. Rund 250 Freiwillige von 21 Trupps aus Feuerwehren und Technischem Hilfswerk ergänzen einander, alle aus der Region, die auch einen Großteil des Ölbekämpfungsgeräts in ihrer Obhut haben. Sie werden unterstützt vom Roten Kreuz und der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Die Stimmung unter den Beteiligten, die hierfür ihr Wochenende opfern, ist so heiter wie das Wetter, es ist kein Alarm, sondern eine Fertigkeitsübung. Viele sind in kleinen Katamaranen aus Aluminium mit hydraulisch absenkbarer Klappe unterwegs – jenen vom THW Pinneberg, mit welchem der Journalist zu den Schauplätzen verbracht wird, nennt Skipper Christian, nach dem Namen des Bootes gefragt, liebevoll MZAB – weil das kürzer ist als Mehrzweckarbeitsboot.

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