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Hochgeschwindigkeitszug AVE : Wie im Flug vergeht die Zeit

  • -Aktualisiert am

Der spanische AVE ist fast wie Deutschlands ICE 3. Nur schneller, pünktlicher und komfortabler Bild: AFP

Schnellbahnreisende verzichten auf das Flugzeug: Spanien baut im Eiltempo sein Hochgeschwindigkeitsnetz aus. Der AVE, ein Verwandter des ICE 3, verbindet in gut zweieinhalb Stunden Madrid und Barcelona.

          Historische Bahnhöfe waren schon immer prächtige Bauwerke. So beeindruckt die Estación de Puerta de Atocha, einer der beiden Fernbahnhöfe Madrids, als ein gigantisches Raumwunder aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, dessen rotbraunes Gusseisen und kleinteilige Glasfenster in der verschwenderischen Ornamentik des Jugendstils verzaubern. Weil diese verspielte Umgebung vielleicht zu plüschigen Coupés und fauchenden Dampfrössern passte, aber nicht mehr zu den stromlinienförmigen Hochgeschwindigkeitszügen von heute, wachsen auf dem alten Perron jetzt riesige Palmen, die dem eiligen Reisenden zumindest die Augen weiden und ihn zur Muße einladen.

          Der alten Bahnhofspracht nachgelagert ist der kühle Zweckbau, wo die Hochgeschwindigkeitszüge abgefertigt werden. Nach Sevilla, Malaga, Valladolid und seit dem 20. Februar nach Barcelona. Das zentralistische Spanien baut seine Schnellfahrstrecken kontinuierlich aus: 1500 Kilometer sind schon in Betrieb, weitere 1900 im Bau, bis 2020 sollen es 10.000 Kilometer sein. Start und Endhaltestelle ist Atocha, wo ein unterirdischer Verkehrsknoten entstanden ist: Regionalbahnen, S- und U-Bahnen bringen Passagiere und transportieren sie weiter. Vor dem Bahnsteig müssen die Fahrgäste ihre Koffer nach Sprengstoff durchleuchten lassen; Folge der schrecklichen Anschläge vom 11. März 2004.

          Pünktlichkeit ist ihr Credo

          Den Bahnsteig betreten darf nur, wer seine Fahrkarte gezeigt hat; vor dem Zug erwarten einen freundliche Menschen, die einen zum stets reservierten Sitzplatz geleiten. Keiner drängelt, keiner schubst - im AVE 3181 bekommt jeder seinen Platz. „Wir wollen den gleichen Komfort wie in einem Flugzeug“, sagt Jave Galve, Direktor für den Corridor Nord Oueste bei der staatlichen Bahngesellschaft Renfe. Offensichtlich wird dieses Angebot angenommen, wie die oft vollen Züge beweisen. Seit sie fahren, heißt es, würden auf dieser Verbindung 18 Prozent weniger Flugpassagiere transportiert. In Europa war sie lange die am meisten benützte Flugroute, jetzt ist Madrid-Barcelona hinter die Strecke Amsterdam-London zurückgefallen. Schnellbahnreisende verzichten auf das Flugzeug, weil Renfe ein attraktiveres Angebot macht: Die Strecke von Madrid nach Barcelona ist genau 635 Kilometer lang, und die Bahn garantiert, sie binnen zwei Stunden und 37 Minuten zu bewältigen. Pünktlichkeit ist ihr Credo: Wenn der Zug mehr als sechs Minuten Verspätung hat, wird der gesamte Fahrpreis erstattet.

          Für Tempo und Zuverlässigkeit sorgen die 26 Züge des Siemens-Typs Velaro, die morgens und abends stündlich und tagsüber zweistündlich auf der Strecke verkehren. Der Velaro mit seiner heruntergezogenen Nase sieht dem deutschen ICE 3 sehr ähnlich, die Renfe hat ihn zum Stückpreis von 25 Millionen Euro gekauft. Äußerlich unterscheidet er sich vom ICE 3 nur durch die farbigen Seitenstreifen: Sie sind nicht rot wie bei der Deutschen Bahn, sondern violett, die Farbe der Renfe. Der Triebzug mit acht Wagen (vier davon sind angetrieben) ist etwa um zehn Prozent stärker als der deutsche, und mit einer maximalen Energieaufnahme von 8,8 Megawatt kann er mit einer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h auch schneller fahren; er hätte durchaus die Kraft für mehr als 400 km/h, verkündet Jürgen Model, der Verantwortliche von Hersteller Siemens für die Iberische Halbinsel, nicht ohne Stolz.

          „Er liegt gut auf der Straße“

          Bei allen Rekorden verschweigt er nicht, dass er in Spanien derzeit nur mit maximal 300 km/h unterwegs sein kann, weil die Strecke noch nicht die dafür erforderliche ETCS-Zulassung Level 2 (European Train Control System) hat; sie werde aber in der nächsten Zeit erteilt, hofft Model. Jedenfalls ist der für 350 km/h nötige Stromabnehmer bereits installiert. Tests mit gut 400 km/h habe man kürzlich auf dieser Strecke absolviert, doch werde der staatliche Besitzer des Schienenstrangs das höchstmögliche Tempo nicht zulassen, weil dadurch die Trasse einem höheren Verschleiß ausgesetzt sei. Der spanische Lokführer - der mittlerweile Triebzugführer heißt - lobt den Zug auf seiner Strecke durch karstiges Land: „Er liegt gut auf der Straße.“

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