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Helikopter mit Kreissägen : Doch der Sägen kommt von oben

  • -Aktualisiert am

Die Säge wiegt eine halbe Tonne und ist eine Erfindung der Firma Helimatic. Bild: Uwe Stohrer

Fliegt, Gesellen, seid zur Hand: Wo Schneisen geschlagen werden müssen, kommen Helikopter mit Kreissägen zum Einsatz. Das ist so spektakulär wie diffizil.

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          Nur wenige Spaziergänger sind an diesem milden Januartag im Wald um Burg Frankenstein in Mühltal nahe der hessischen Metropole Frankfurt unterwegs. Die staunen aber Bauklötze angesichts des unvermuteten Spektakels, das sich plötzlich vor ihren Augen abspielt. Ein weißlackierter Helikopter schwebt im Tiefflug eine Baumreihe entlang. Das wäre noch nichts Aufsehenerregendes. Aber unter ihm hängt eine riesige Kreissäge, die mit ohrenbetäubendem Getöse eine Schneise in die Vegetation schneidet. Die perplexen Fußgänger schauen dem unwirklichen Schauspiel gebannt zu. Denn sobald die Säge Äste erfasst, werden diese abgetrennt und fliegen in hohem Bogen durch die Gegend.

          Der Helikopter ist dabei nur ganz langsam unterwegs. Er fliegt im Schneckentempo mit lediglich zwei bis drei km/h. Oben erkennt man den Kopf des Piloten, der durch eine nach außen gewölbte Plexiglashaube in die Tiefe schaut. Unter ihm hängt ein je nach Einsatz bis zu 40 Meter messendes Gestänge. Es besteht aus verschraubten Alurohren mit jeweils sechs Meter Länge. Ganz am Ende sitzen zehn Sägeblätter. Jedes hat einen halben Meter Durchmesser. Sie werden aber nicht etwa via Fernwelle von der Helikopterturbine angetrieben, sondern besitzen ihren eigenen Antriebsmotor. Der leistet knapp 50 PS. Sein Zweitaktgemisch kommt aus einem in den Rohren verborgenen Tank.

          Die Säge wiegt eine halbe Tonne und ist eine Erfindung der Firma Helimatic, eines Tochterunternehmens der österreichischen Wucher Helicopter. Mit dem spektakulären Werkzeug ist es möglich, Bäume und Sträucher aus der Luft zurückzuschneiden. Das passiert nur in der Winterzeit, damit keine Nester von brütenden Vögeln zerstört werden.

          Um der schweren Säge das Fliegen beizubringen und dennoch Reserven zu haben, muss der eingesetzte Helikopter genügend Leistung haben. Deshalb ist die AS 315 B „Lama“ perfekt für diese Einsätze. Sie ist quasi die GTI-Version eines normalen Hubschraubers und hat mit 870 PS in ihrer Klasse besonders viel Leistung. Eigentlich wären die Tage des Hubschraubers dieses Jahr aber schon gezählt gewesen. Denn ursprünglich wollte Airbus Helicopters als Nachfolger des früheren französischen Herstellers Aerospatiale die Zertifizierung des Oldtimers 2020 auslaufen lassen. Damit wäre das Fliegen mit dem seit 1970 gebauten Heli-Dinosaurier nicht mehr erlaubt gewesen. Das Unternehmen Wucher hat aber eine Verlängerung für den Betrieb bis mindestens Ende 2021 erhalten. Damit kann auch der spektakuläre Arbeitseinsatz mit diesem Hubschrauber über dem Mühltal stattfinden.

          Die Säge wird vom Helikopter aus der Transportkiste gezogen. Bilderstrecke

          Was ähnlich wichtig ist wie üppige Leistung: Die AS 315 B bietet beste Sichtbedingungen für den Piloten. Sein Augenmaß beim Sägen ist entscheidend für den Arbeitserfolg. Bis zu armdicke Äste können aus der Luft abgetrennt werden. Das ist vor allem dort sinnvoll, wo das Terrain zu steil oder zu gefährlich für bodengebundene Arbeitstrupps wäre. Oder wenn Zeitdruck herrscht. Etwa an Bahnstrecken oder entlang von Stromleitungen. Dort kommt es darauf an, das Freischneiden möglichst rasch zu erledigen, damit die Unterbrechung oder das Abschalten nur kurz dauern. Ein Unternehmen im hessischen Pfungstadt nützt die fliegende Säge deshalb während der letzten beiden Januarwochen. In der Umgebung soll die zu üppig wuchernde Vegetation über einer Treibstoff-Fernleitung gründlich zurückgeschnitten werden.

          Für Wolfgang Jäger ist das Fliegen mit der Säge längst Routine. Er hat das Helikopterfliegen in den Vereinigten Staaten gelernt, dort auch seine Berufspilotenlizenz absolviert, bevor er wieder zurück in seine Heimat nach Österreich kam. Durch seine Erfahrung von fast 9000 Flugstunden kann er das Schneidewerkzeug exakt entlang der störenden Vegetation dirigieren. Gutes Fingerspitzengefühl ist unabdingbar. Oft wird der Steuerknüppel vom Piloten nur im Millimeterbereich bewegt, so sensibel reagiert ein Hubschrauber auf Steuereingaben. Zu Recht gelten die Heliflieger unter den Piloten von Luftfahrzeugen als Feinmotoriker. Bei diesem Einsatz ist Jäger nach seinen Worten „angenehm entspannt“. Heute muss er anders als üblich nicht auch noch naheliegende Stromleitungen im Auge behalten, in die seine Säge womöglich geraten könnte.

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