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Grande Restaurierung : 60 Tonnen Farbe für den Eiffelturm

  • -Aktualisiert am

250.000 Quadratmeter Fläche warten auf den neuen Anstrich des Eiffelturms Bild: dpa

Das Wahrzeichen von Paris bekommt zum 19. Mal ein neues bleifreies Farbkleid. Damit sind zwei Dutzend akrobatisch begabte Maler achtzehn Monate beschäftigt - mit rund 1500 Pinseln, 1000 Spachteln und 1000 Paar Lederhandschuhen.

          Vor 100 Jahren konnte die Stadt Paris frei über das Schicksal des Eiffelturms verfügen. Ohne den Erbauer Gustave Eiffel zu fragen, hätte sie das stählerne Meisterstück 20 Jahre nach der Weltausstellung ganz einfach verschrotten können. Beim Einschmelzen der 18.038 Metallstücke wäre eine sechs Zentimeter dicke und 100 mal 100 Meter große Eisenplatte herausgekommen. Eiffel tat unterdessen so, als ignoriere er die drohende Zerstörung. Unbekümmert verkündete er, wie wichtig für den Erhalt von Eisenkonstruktionen ein professioneller Farbanstrich sei.

          In Wirklichkeit suchte er verzweifelt nach einer Möglichkeit, die 300 Meter hohe Jahrmarktsattraktion in eine für die Allgemeinheit nützliche Einrichtung zu verwandeln. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Eiffel gewann ihn schließlich. Jetzt, im Frühjahr 2009, bekommt sein weltberühmter Turm zum 19. Mal ein neues, 60 Tonnen schweres, bleifreies Farbkleid – wie alle sieben Jahre. Damit sind zwei Dutzend akrobatisch begabte Maler während der nächsten achtzehn Monate bis in schwindelerregende Höhen beschäftigt.

          Spezielles Sicherheitstraining für 25 handverlesene Maler

          Was dem Pariser Emblem schadet, ist nicht so sehr Rost, vielmehr die Ausdünstungen der Großstadt und der Vogelkot, auch die Witterung schält stetig Farbe ab. Bergsteiger mit Videokameras haben zuvor den Turm unter die Lupe genommen. Schmutzstellen wurden mit Hochdruckdampf entfernt, rostende Teile ausgetauscht. Dann bekamen 25 handverlesene Maler ein spezielles Sicherheitstraining für ihre in Hunderte Meter Höhe gelegene Arbeitsstelle. Sie sind an Seilen von einer Länge von 60 Kilometer vertäut. So gesichert erhalten sie die notwendige Bewegungsfreiheit, um direkt den Stahl zu bearbeiten.

          Wie zu Eiffels Zeiten wird dem Turm mit Spachtel und Pinsel zu Leibe gerückt – 250.000 Quadratmeter Fläche warten auf den neuen Anstrich. Die moderne Farbpistole ist allerdings verpönt. Dementsprechend umfangreich ist das Arbeitsmaterial. Die Anstreicher werden rund 1500 Pinsel, 1000 Spachtel und 1000 Paar Lederhandschuhe verbrauchen. Zwei Hektar Netze verhindern, dass Gegenstände hinunterfallen; selbst Farbtropfen werden aufgefangen. Die Werkzeuge sind am Gürtel des Anstreichers oder an seinem Handgelenk befestigt, kein Farbeimer, keine Bürste darf unkontrolliert die luftige Höhe verlassen, für Besucher wäre das lebensgefährlich.

          Das dezente „Eiffelturm-Braun“ aufgetragen

          Mit der Renovierung begann man an der 324 Meter hohen Spitze. Auf zwei Schichten Rostschutz wird das dezente „Eiffelturm-Braun“ aufgetragen. Der Turm bekommt drei Farbnuancen: oben hell, unten eine dunkle und dazwischen eine mittlere Tönung. Nach dem Motto: Kontrolle ist allemal besser, überwachen Spezialisten jeden Arbeitsschritt. Dieses Engagement zur Erhaltung der weltbekannten Sehenswürdigkeit hat seinen Preis. Das neue Kleid kostet rund vier Millionen Euro, dafür braucht der Turm erst in sieben Jahren wieder ein neues.

          Damit man den Eiffelturm auch nach Einbruch der Nacht bewundern kann, sind im Jahr 7,7 Millionen Kilowattstunden Strom notwendig, das entspricht dem Verbrauch von rund 100 Haushalten. 20 000 Lampen bringen den Turm jede Stunde fünf Minuten lang wie einen Diamanten zum Glitzern, angestrahlt wird das Monument von 350 Natriumhochdruck-Scheinwerfern von je 600 Watt. Bei so viel Aufwand ist der Turm nur rentabel, wenn er nie schließt, auch an Feiertagen nicht. Gustave Eiffels Kampf hat sich für Paris längst gelohnt. Im vorigen Jahr wurden auf zwei Tonnen Papier Eintrittskarten für knapp sieben Millionen Besucher gedruckt.

          Unerwartete Schützenhilfe von der Armee

          Übrigens erhielt Gustave Eiffel 1898 unerwartete Schützenhilfe von der Armee. Sie erkannte den Wert des Turms als Antennenmast für den neuen drahtlosen Funkverkehr. Die Militärs waren von ihrem neuen Instrument so begeistert, dass niemand mehr wagte, den wissenschaftlichen Nutzen in Frage zustellen. Ihnen sollte es während des Ersten Weltkriegs gelingen, Nachrichten der berüchtigten Spionin Mata Hari abzufangen, sie vor Gericht zu stellen und zu erschießen. Am Fuße des Turms richtete Eiffel einen Windkanal mit riesigem Ventilator ein, in dem er Flugzeugflügel und Autos testete. 1927 diente der Pariser Blickfang dem Atlantikbezwinger Lindbergh als Leuchtturm, und von hier wurde Frankreichs erste Fernsehsendung ausgestrahlt. Heute krönt den Turm ein Wald von Antennen und verschafft ihm zusätzliche 5,30 Meter Höhe.

          Inzwischen funktioniert das imposante Wahrzeichen wie ein gut geöltes Unternehmen mit 280 Mitarbeitern. Gesichert wird es von etwa 100 Überwachungskameras und eigenen Feuerwehrleuten, für die Wartungsarbeiten stehen höhenerprobte Elektriker, Klempner, Schlosser, Schreiner sowie Informatiker bereit. Auf die Besucher warten Köche und Kellner, Andenkenverkäufer und ein Heer von Reinigungsleuten. Darüber hinaus strahlt der Eiffelturm täglich 50 Fernseh- und 31 Rundfunkprogramme aus. Er hat alle Erwartungen seines Erbauers übertroffen, und die einst skeptische Hauptstadt ist längst stolz auf ihr 120 Jahre altes vierbeiniges Markenzeichen.

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