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Schwimmende Retterin: In Rotterdam zeigt sich die Global Mercy erstmals der Öffentlichkeit. Sie ist das größte unter den zivilen Krankenhausschiffen und wurde eigens dafür gebaut.
Schwimmende Retterin: In Rotterdam zeigt sich die Global Mercy erstmals der Öffentlichkeit. Sie ist das größte unter den zivilen Krankenhausschiffen und wurde eigens dafür gebaut.

Im sicheren Hafen

Von ANNA-LENA NIEMANN (Text) und ILKAY KARAKURT (Fotos)
Schwimmende Retterin: In Rotterdam zeigt sich die Global Mercy erstmals der Öffentlichkeit. Sie ist das größte unter den zivilen Krankenhausschiffen und wurde eigens dafür gebaut.

16. März 2022 · Sie soll medizinische Hilfe an Afrikas Küsten bringen: Mit der Global Mercy nimmt das größte zivile Hospitalschiff der Welt seinen Betrieb auf.

Wer sich in den fensterlosen Gängen nicht verlaufen will, hängt sich an die Fersen von Jim Paterson. Ein goldener Anker steckt am Revers seines marineblauen Jacketts, nautische Motive zieren die Krawatte des Schotten. Schiffe und Paterson, das gehört zusammen. Und trotzdem verbindet ihn mit der Global Mercy mehr. Jeder Winkel ihrer zwölf Decks, jedes Blinklicht, Piepsen, Röntgengerät – kaum jemand dürfte das Schiff besser kennen als er. Er hat das Projekt dieses ungewöhnlichen Ozeandampfers verantwortet. Als die Global Mercy nach sechs Jahren Bauzeit das Dock im chinesischen Tianjin verließ, war es Paterson, der die letzte Tauschlinge löste. „Als würde man sein Kind zum College schicken, so hat sich das angefühlt“, sagt er.

Der Schiffsingenieur: Jim Paterson.
Der Schiffsingenieur: Jim Paterson. Foto: Ilkay Karakurt
Ein Jahr ist das her. Was für Paterson einst mit der Frage begann, wie es wäre, ein Krankenhausschiff komplett neu zu bauen, liegt nun formvollendet und 174 Meter lang im Rotterdamer Hafen. Die Global Mercy, das größte zivile Krankenhausschiff der Welt, ist trotzdem noch nicht ganz fertig, als sich die ersten Besucher an Bord umschauen und durch die Gänge irren dürfen. Einige Baustellen warten im Inneren. Hier und da fehlt Mobiliar in den Kabinen, die medizinische Ausstattung ist längst nicht abgeschlossen. Aber es wird.

Rund 200 Millionen Dollar hat der Bau gekostet. Spender und Sponsoren haben ihn finanziert. Darauf baut die internationale und christliche Hilfsorganisation Mercy Ships, die seit mehr als vierzig Jahren schwimmende medizinische Hilfe anbietet. Vor allem afrikanische Häfen steuert die Organisation an. Das Schwesterschiff der Global Mercy, die Africa Mercy, lag nach Einsätzen in Guinea, Kamerun oder Benin zuletzt im Senegal. Auch der Neuzugang, der die Kapazitäten der Organisation verdoppeln soll, wird an Afrikas Küste seinen ersten Einsatz antreten. Wo genau steht noch aus.

Die Einsätze brauchen lange Vorbereitung, Mercy Ships kommt nur auf Einladung der Länder und kooperiert mit den lokalen Gesundheitsministerien. Das betonen die Mitarbeiter, die ihre Besuchergruppen in Rotterdam durch den Bauch des Schiffs führen, immer wieder. Man zwinge sich nicht als Retter von außen auf. Stattdessen biete man an Bord kostenlos Operationen und Behandlungen an, wenn es das Gesundheitssystem vor Ort selbst nicht kann. Etwa zehn Monate, oft auch länger, dauert ein Einsatz. An Bord arbeiten Zahnärzte, Gynäkologen, Chirurgen und Pfleger ehrenamtlich. Sie entfernen Gesichtstumore, operieren Kiefer-Gaumen-Spalten oder Leistenbrüche, behandeln grauen Star, Verbrennungen oder Geburtsfisteln und korrigieren Fehlstellungen bei Kindern.

Die Bedingungen dafür muss das Schiff mitbringen. Die Africa Mercy ist noch eine umgerüstete alte Eisenbahnfähre. Die Global Mercy ist dagegen das erste Schiff, das von Anfang an als schwimmendes Krankenhaus geplant wurde. Eine echte Referenz hatte Jim Paterson, der für die Organisation als Marine Executive Consultant arbeitet, dabei nicht. Mit Stena Ro-Ro fand er aber eine Reederei, die sich die Aufgabe zutraute. Das schwedische Unternehmen konnte auf die Konstruktion seiner „Ro-Pax-Fähre“ zurückgreifen, also einer Kombifähre, die Fracht und Passagiere befördert. Der große Unterschied: Wo auf Deck 3 und 4 sonst Autos parken, liegen nun Krankenstationen.

Schweres Gerät: Der Computertomograph in der Radiologie ist so groß, er musste noch, während sich das Schiff im Bau befand, eingesetzt werden.
Schweres Gerät: Der Computertomograph in der Radiologie ist so groß, er musste noch, während sich das Schiff im Bau befand, eingesetzt werden. Foto: Ilkay Karakurt
Auf Station: Fast 200 Patienten kann das Schiff gleichzeitig versorgen. Ein Schlafplatz für die Angehörigen gibt es auch.
Auf Station: Fast 200 Patienten kann das Schiff gleichzeitig versorgen. Ein Schlafplatz für die Angehörigen gibt es auch. Foto: Ilkay Karakurt

„Die schwere Ausrüstung haben wir in China direkt eingebaut“, erklärt Paterson. Der Computertomograph allein ist so groß, dass er nicht erst im Nachgang hätte eingesetzt werden können. Als die Werft das Schiff also noch Stahlteil für Stahlteil zusammenschweißte, ist er schon an Bord gegangen. Leichtere Ausrüstung und alles, was in einen gewöhnlichen 44-Fuß-Container passt, hievt ein Kran an Deck 7. Allein der Platz für die medizinische Versorgung auf Deck 3 und 4 misst 7000 Quadratmeter. Fast 200 Patienten können gleichzeitig versorgt werden. Sechs Operationssäle finden sich dort sowie eine Intensivstation mit sieben Betten. Ein medizinisches Labor, Apotheke, Radiologie – alles ist an Bord.

Außerdem muss für die gut 640 Mitarbeiter gesorgt sein. Die Freiwilligen, die den medizinischen Betrieb erst ermöglichen, finden auf dem Schiff alles, was es im Alltag braucht, vom Fitnessraum bis zum Klassenzimmer. Etwa ein Drittel der Mediziner bleibt zwei Jahre und länger, nicht selten begleiten ihre Familien sie, inklusive ihrer Kinder. Die Deutsche Silke Kessing ist 2016 das erste Mal als Freiwillige mitgefahren – und geblieben. Anfangs noch als Anästhesieschwester an Bord, ist sie inzwischen hauptberuflich als Qualitätsmanagerin für die Organisation tätig. Patienten bestmöglich versorgen, das sei das Ziel, sagt sie.

Die Qualitätsmanagerin: Silke Kessing.
Die Qualitätsmanagerin: Silke Kessing.

„Mehr als ein Jahr im Voraus setzen wir uns mit den Gesundheitsministerien zusammen und planen, welche Operationen nötig und gewollt sind“, sagt Kessing. Mit viel Vorlauf entstehen im Anschluss die Terminpläne für die Patienten. Aufwendige Operationen, die lange Nachsorge bedeuten, kommen zuerst dran. Außerdem schulen die internationalen Mediziner an Bord ihre Kollegen in den jeweiligen Ländern, erklärt Kessing. „Mit den Schulungen vermitteln wir zum Beispiel Wissen über bestimmte Operationstechniken oder steriles Arbeiten.“ Es soll etwas vor Ort bleiben, wenn das Krankenhausschiff den Hafen wieder verlässt. Für die Global Mercy heißt das: Nicht nur Krankenhaus und Zuhause auf Zeit soll sie sein – sie braucht auch Schulungsräume, ein Auditorium und Simulationstechnik, wie Virtual und Augmented Reality, um Eingriffe üben zu können.

Seit etwa 150 Jahren versorgen Hospitalschiffe Kranke und Verletzte, in Kriegen, nach Naturkatastrophen oder wenn es schnelle Hilfe für Schiffbrüchige braucht. Auf dem wohl bekanntesten deutschen Hospitalschiff, der MS Helgoland, versorgte das Deutsche Rote Kreuz zu Zeiten des Vietnamkrieges Tausende in den Häfen von Saigon und Da Nang. Und als die Corona-Pandemie das Gesundheitssystem in New York fast zum Zusammenbruch zwang, schickte die US Navy ihr Hospitalschiff USNS Comfort zur Unterstützung in den Hafen der Metropole.

Seefestes Spital: Alles wird angelascht.
Seefestes Spital: Alles wird angelascht.

Auf den Krankenstationen der Global Mercy verraten nur die vernieteten Fenster und der Blick durch sie aufs Hafenbecken, dass das hier kein gewöhnliches Spital ist. Damit ein Schiff trotzdem wie eines funktioniert, ist vieles nötig. Die Hand des Chirurgen darf nicht verwackeln, nur weil sein OP-Tisch schwimmt. Schiffsingenieur Paterson sagt: „Geräusche und Vibrationen, das will man nicht haben.“ Also wurden alle großen Maschinen, die schallen und schwingen, doppelt elastisch gelagert, das eliminiere Vibrationen spürbar. Zudem steht die Ausrüstung auf federnden Füßen. Viskoelastische Böden und spezielle Wandpaneele absorbieren Schall, so gut es geht. Der Aufwand muss schon deshalb sein, weil die Global Mercy, genau wie jedes Krankenhaus mit Bodenhaftung, ein starkes und deshalb lautes Ventilationssystem braucht. Frischluft muss auch im Schiffsbauch zirkulieren dürfen, und ein Operationssaal ohne Reinluft wäre fatal.

Julia Schreiber ist erst im Februar als zweite Offizierin dazugestoßen, doch die Global Mercy in den Hafen von Rotterdam zu steuern – das ist ein guter Start gewesen, wie sie erzählt. Sonne, klarer Himmel, viele Menschen, die auf Brücken und Promenaden bereitstanden, um das Schiff zu begrüßen. Technisch unterscheide sich die Arbeit für die Deutsche kaum. Ihre 174 Meter Länge, 29 Meter Breite und 6,10 Meter Tiefgang bewegt die Global Mercy mit bis zu 12 Knoten. Vier moderne Sechs-Zylinder-Dieselmotoren halten das Schiff am Laufen, und zwei elektrische Azipod-Antriebssysteme von ABB sorgen dafür, dass sie auch in engen Häfen manövrieren kann. Für Schreiber ist das alles nichts Unbekanntes. Um die Hochseetauglichkeit von Computertomographen, Röntgengeräten oder Schränken voll kleiner Ampullen macht sie sich auch keine Sorgen. „Die medizinische Technik liegt weit unten. Bei Seegang ist sie gut geschützt, wenn alles sicher gelascht wurde“, erklärt die Offizierin, zu deren Aufgaben es gehört, genau das vor jeder Fahrt zu kontrollieren.

Die zweite Offizierin: Julia Schreiber.
Die zweite Offizierin: Julia Schreiber.

Den Unterschied machen die Menschen. „Auf dem Frachter weiß jeder, was zu tun ist. Das Arbeiten mit Passagieren, die sonst nichts mit der Seefahrt zu tun haben, ist ganz anders“, sagt sie. Auch für deren Sicherheit ist sie an Bord zuständig. Sie kontrolliert Rettungsboote, Rettungsinseln oder Schwimmwesten. Bevor sie ihren neuen Arbeitsplatz auf der Brücke der Global Mercy angetreten hat, war sie auf Öltankern unterwegs, „aber ich wollte aus der Routine raus“, sagt sie. Ein Krankenhausschiff, findet Julia Schreiber, ist da genau das Richtige. 


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 16.03.2022 16:46 Uhr