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Geschichte des Schirms : Der nächste Regen kommt bestimmt

  • -Aktualisiert am

Unklare Wetterlage: Wer nicht weiß, wie es draußen wird, nimmt besser einen Schirm mit Bild: picture alliance / dpa

In den vergangenen Tagen mochte man ohne einen Schirm kaum noch aus dem Haus gehen. Das vor Unbill von oben schützende Utensil hat eine bewegte Vergangenheit, und auch seine Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.

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          Manch ein Alltagsgegenstand birgt eine komplizierte Technik. Daniel Defoe lässt seinen Helden Robinson Crusoe in mehreren Anläufen scheitern, bis ihm aus Zweigen und einer Tierhaut so etwas ähnliches wie einen Schirm geglückt ist. Wer das einmal selbst versuchen möchte, wird schnell feststellen, dass vor allem das verzweigte Gestell schwer zu basteln ist. Denn die Huthaut wird im aufgespannten Zustand von dünnen Streben (der Fachmann spricht von Stangen oder Schienen) unter Zug gehalten, die sich mit einem Handgriff entfalten müssen. Mittels eines Schiebers, der am Stock nach oben gleitet, wird dabei Druck auf Querstreben ausgeübt, die über Gelenke mittig mit den Spannstreben verbunden sind. Die Querstreben drücken nach außen und spreizen dadurch die Spannstreben. Der Gegendruck kommt vom Bezug, der keine weitere Öffnung der Spannstreben zulässt. Sie biegen sich elastisch nach unten und verleihen dem Schirm so die gewünschte Hutform. Eine Verriegelung verhindert das Zusammenklappen.

          Darauf muss man erst einmal kommen. Deshalb hat es auch eine Weile gedauert, bis der Schirm in seiner heutigen Form entwickelt war. Der genaue Ursprung liegt im Dunkeln. Wie auf alten Darstellungen zu sehen ist, wurden Schirme schon vor 4000 Jahren in China gegen die Sonnenstrahlen verwendet. Sie wurden von mehreren Dienern getragen und hatten einen einfachen Faltmechanismus. Über Persien kam der Schirm nach Europa und zunächst nach Griechenland. Die Geschichtsschreiber der Römer berichten erstmals von den verwendeten Materialien: Bambusstäbe mit Leder oder Seide. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Schirm dann auch in Europa zum Zeichen der Würde. Kaiser und Päpste ließen sich damit bedecken, ohne sich darum zu scheren, ob das Wetter das erforderte.

          Sperrige Modelle verhindern weite Verbreitung

          Dass er gehalten werden muss, ist durchaus ein Nachteil des Schirms gegenüber anderen Formen des Wetterschutzes. Da man zu dieser Zeit die Hände gern für Streitigkeiten frei hatte, geriet er in Europa bis ins späte Mittelalter aus der Mode. Erst im 16. Jahrhundert tauchte er im Mittelmeerraum wieder auf. Die Modelle damals waren schwer und sperrig, was eine weite Verbreitung verhinderte. Die ersten klappbaren Exemplare gab es Anfang des 18. Jahrhunderts. Allerdings nicht in der heutigen Form, sondern sie wurden in der Mitte geknickt und in ein Etui gesteckt. In dieser Zeit setzte sich der Schirm als Schutz gegen Regen zunächst dort durch, wo man es erwarten möchte, in England also. Der Londoner Handelsmann Jonas Hanway machte ihn um 1750 für die Herren tragbar; bis dahin war er den feinen Damen vorbehalten, um ihre vornehme Blässe zu wahren. Die damaligen Exemplare hatten schon ein Gestell aus Holzstäben und Fischbein, das den heutigen ähnelt. Sie wogen aber mit etwa fünf Kilogramm fast das Zehnfache.

          Mit neuen Materialien wurden die Schirme leichter und handlicher. Heute besteht der oft mit PTFE (Teflon) beschichtete Bezug aus Polyamid (Nylon), Polyester oder Seide. Die sechs bis 16 Streben sind aus Federstahl mit U-Profil oder Fiberglas, der Stock aus Holz, Stahl oder Aluminium. „Einen guten Schirm erkennt man daran, dass er zehn Streben hat“, erklärt Willy Schüffler, Schirmmachermeister und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Schirm und Stock, die sich um die Bewahrung des Kulturgutes bemüht. Acht seien schlechter, mehr als zehn auch, weil damit schlechte Qualität kaschiert werde. Wegwerfprodukte aus Fernost sind ihm ein Graus: 98 Prozent der jährlich in Deutschland verkauften 26 Millionen Schirme kämen aus China, der Durchschnittspreis liege unter fünf Euro. Der Beruf des Schirmmachers, trotz der vielen verwendeten Materialien eigentlich Teil des holzverarbeitenden Handwerks, wurde 1998 als Ausbildungsberuf abgeschafft. Eine Handvoll Betriebe gibt es noch, die hochwertige und individuelle Schirme für Kunden fertigen, die das Besondere suchen und bereit sind, das auch zu bezahlen.

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          Eine deutsche Erfindung

          Wie viele bahnbrechenden Entwicklungen ist auch der moderne Taschenschirm eine deutsche Erfindung. Er wurde von Hans Haupt aus Breslau im Jahr 1928 konstruiert und wegen des kleinen Formats Knirps genannt. Grundbestandteile sind ein Stock, der zusammengeschoben werden kann, und geteilte Spannstreben, die sich durch die Hebelwirkung der Querstreben beim Öffnen auseinanderfalten. So wird die Größe etwa halbiert. Heute gibt es Versionen mit mehrfach geklappten Streben, die ein Miniformat ermöglichen. Schiene und Stock dreifach geteilt seien Standard, sagt Knut Schröder vom Schirmhersteller Knirps. Mehr sei auch schon versucht worden, mache das Zusammenfalten aber zu kompliziert.

          Andere Weiterentwicklungen dienen ebenfalls dem Komfort. Ein Automatikschirm öffnet sich selbständig, weil eine beim Schließen gespannte Druckfeder den Schieber nach oben bewegt. Im geklappten Zustand wird die Mechanik von einem Verschluss gehalten, der durch Tastendruck gelöst wird. Erstmals vorgestellt wurde ein solcher Mechanismus schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Seit etwa zwei Jahrzehnten gibt es unter den Taschenschirmen Vollautomaten, die sich auf Knopfdruck nicht nur öffnen, sondern auch schließen. Dafür wird eine Feder durch kräftiges Zusammenschieben des Teleskopstocks über Seilzüge vorgespannt.

          Viele unterschiedliche Formen und Größen

          Schirme haben die Erfinder immer wieder zu neuen und gelegentlich kuriosen Entwicklungen angeregt. Aus dem Jahr 1773 stammt, offenbar inspiriert von Benjamin Franklins Blitzableiter, ein Schirm mit Metallspitze, Verbindungsdraht und Eisenkugel als Erdung. Kaufen wollte ihn aber kaum jemand. Wellington, der Sieger von Waterloo, besaß einen Schirm, in dem ein Degen versteckt war. Heute gibt es im Handel viele Formen und Größen. Es gibt Schirme, die Esstische schützen, und solche, deren Griff zu einer Sitzgelegenheit ausgeklappt werden kann. Mehr als Scherzartikel wird für eine Handvoll Euro ein Hutschirm angeboten, der nicht in der Hand gehalten, sondern mit einem ringförmigen Band auf dem Kopf getragen wird. Sein größter Nachteil neben dem geringen Tragekomfort ist die Windanfälligkeit; schon bei mäßiger Brise verabschiedet sich der Schutz gegen schlechtes Wetter.

          Ohnehin ist der Sturm der größte Feind des Schirms. Bis heute besteht die Gefahr, dass er unter das Dach fährt und so kräftig in die Plane bläst, dass sie überdehnt wird - in der Folge klappt das Gestänge nach oben.

          Mit der neuesten Entwicklung, die kürzlich aus den Vereinigten Staaten herübergeschwappt ist, kann das nicht passieren. Der Nubrella ist ein durchsichtiger kugelförmiger Schirm, der über Kopf und Schultern gestülpt wird und nicht nur gegen Regen, sondern auch gegen Zugluft und Kälte schützen soll. Er entfaltet sich wie ein Lampion und ist angeblich bis zu einer Windgeschwindigkeit von 70 km/h getestet. Weil er fest mit Haltebändern sitzt, hat sein Träger sogar die Hände frei. Wir hatten noch keinen im Gebrauch, glauben aber, dass der Nubrella allein wegen seiner Abmessungen eher ein Regenschutz für die Besitzer geräumiger Autos ist.

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