https://www.faz.net/-gy9-a4iss

Geschichte des Metallbaukastens : Heavy Metal im Museum

  • -Aktualisiert am

Insgesamt rund 7000 der Bauelemente

Wer Nachbauten von Brücken für statisch hält, dem beweist das Großmodell der Tower Bridge aus London das Gegenteil. Die in Hildesheim erstmals öffentlich gezeigte Miniatur wurde von den Modellkonstrukteuren Andreas Abel und Jacques Longueville gemeinsam erbaut. Von allen anderen Exponaten unterscheidet sich die Hänge- und Klappbrücke durch die Kombination zweier verschiedener Bausysteme: Wie beim Vorbild, das über die Themse führt, ist die tragende Eisenkonstruktion mit einem neugotischen Mauerwerk verkleidet. Dieses hat Andreas Abel mit Ankersteinen nachgebaut. Insgesamt rund 7000 der Bauelemente sind dabei zum Einsatz gekommen. Tragstruktur, Klappbrücken, die Traverse hoch über dem Fluss und die landseitigen Hängebrücken hat sein belgischer Modellbau-Kollege Longueville aus Meccano konstruiert.

Die Kombination beider Systeme auf so hohem technischen und ästhetischen Niveau macht begreifbar, wie die Väter der echten Tower Bridge Ende des 19. Jahrhunderts gearbeitet haben. Und zugleich zeigen solche Anlagen im kleinen Maßstab, was Kurator Bölke meint, wenn er den Metallbaukasten in historischer Perspektive einen „Inkubator für angehende Ingenieure“ nennt. Allerdings hat dieses von dem Briten Frank Hornby 1901 in seiner heutigen Form erfundene und ab 1907 unter dem Markennamen „Meccano“ zu Weltruhm gebrachte Konstruktionsspielzeug die Rolle des heißbegehrten Kinderspielzeugs verloren. Stattdessen bauen vor allem Erwachsene mit den verschiedenen Systemen, deren Hersteller zudem oft schon vor Jahren die Produktion eingestellt haben (unter anderem auch Märklin, Stabil und Trix).

Beruflich einen anderen Weg einschlagen

Die Nähe zwischen dem Lernspielzeug Metallbaukasten und insbesondere dem Maschinenbau oder Ingenieurbau liegt nahe. Immer wieder wird deshalb der britische Automobilkonstrukteur und Mini-Erfinder Sir Alec Issigonis angeführt, der für die Entwicklung des epochalen Kleinwagens unter anderem Meccano einsetzte und nach dem der Konstrukteurspreis der internationalen Szene der Meccano-Modellbauer („Issigonis Shield“) benannt ist.

Aber die Faszination für den technischen Modellbau packt auch Menschen, die beruflich einen anderen Weg einschlagen. Das ist in der Sonderausstellung in Hildesheim am Beispiel des Informatikers Charles Simonyi zu entdecken. Der Erfinder der Office-Anwendungen Word und Excel ist vom Märklin-Metallbaukasten begeistert. Ein Kleinstmodell des Konstruktionssystems, entworfen von Andreas Abel, begleitete Simonyi sogar auf einer Reise ins Weltall: Zu Gast auf der Internationalen Raumstation montierte der Software-Pionier im Jahr 2007 eine Nachbildung der ISS mit Wellen, Kupplungen, Platten und Schrauben aus dem Göppinger Baukasten. In Hildesheim sind sowohl die originalen Teile aus dem Besitz von Simonyi zu sehen wie ein nach den Plänen Abels montiertes Modell.

Ob die opulente Ausstellung dazu beitragen kann, dass der Funke der Begeisterung am Konstruieren mit dem Metallbaukasten auch wieder auf Kinder und Jugendliche überspringt? Das Hygienekonzept lässt derzeit keine Mitmachangebote zu, so gut sie auch zum Thema passen würden. Vorgesehen sind solche Module aber auf jeden Fall, man hofft auf das Frühjahr 2021.

Aber vielleicht kommt die Zukunft des Baukastens mit Lochblech und Schraubverbindung auch aus einer ganz anderen Ecke. Im Bereich der Robotik ist beispielsweise der „Mbot“ von Makeblock beliebt. Neben Steuerungen, Sensoren und Motoren gehören zum Programm vielfach verwendbare Elemente wie Lochstreifen und -platten aus Aluminium sowie Stahlwellen, Stellringe und Schrauben. Frank Hornby würde die Mechanik der Automaten sofort wiedererkennen.

Topmeldungen

Mehr als Vater, Mutter, Kind: Frau Kirschey ist 98 Jahre alt und hat Covid-19 im März mit einem leichten Verlauf überstanden. Hier mit Tochter und Urenkelin.

Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Familie ist mehr!

Seit mehr als neun Monaten hält uns die Pandemie in Atem. Für die Familien werden die Zeiten nicht einfacher. Und die Politik sendet fatale Signale. Ein Essay.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.