https://www.faz.net/-gy9-9h94b

Genietete Stahlbrücken : Mut zur Brücke

  • -Aktualisiert am

Das 1909 eingeweihte Chemnitztalviadukt Bild: Bardua

Genietete Stahlbrücken sind noch lange kein altes Eisen. Sie lassen sich mit etwas Aufwand erhalten. So werden manche auch zum Besuchermagneten.

          Angesichts der maroden Betonbrücken allerorten grenzt es fast an ein Wunder, dass historisch wertvolle Stahlbrücken nicht unter der Last des modernen Verkehrs zusammenbrechen. Doch die Bahn nutzt unverändert eine 1859 zwischen Waldshut in Baden und der Schweizer Ortschaft Koblenz erbaute Rheinbrücke und andere betagte Eisenkonstruktionen.

          Allerdings müssen sich die Beteiligten auf besondere Umstände einlassen, weil Brücken aus früheren Epochen anders funktionieren als heutige. Dafür braucht es viel Idealismus. Denn „es gibt für die Ingenieure keine Anreize, Bauwerke zu erhalten; auch die Bauindustrie hat kein Interesse daran“, sagt Eugen Brühwiler, damit befasster Professor an der Technischen Hochschule in Lausanne. Dabei werde der Steuerzahler ignoriert und die Denkmalpflege belächelt. Nur einzelne Bürger halten dagegen. Noch immer werden zahllose genietete Stahlbrücken durch Neubauten ersetzt, weil sie, ohne dass dies wissenschaftlich nachgewiesen wäre, als zu wenig tragfähig und anfällig für Ermüdungsbrüche gelten. Dabei wurden seit etwa 1990 dank reger Forschung die Kenntnisse über das Tragverhalten derartiger Bahnbrücken wesentlich erweitert, so dass heute eine wirklichkeitsnahe Überprüfung dieser Bauwerke möglich ist, erläutert Brühwiler.

          So war die Sicherheit für wichtige Teile der 1897 erbauten Rheinbrücke bei Eglisau in der Schweiz rechnerisch nicht erfüllt. Deshalb wurde 2012 ein einjähriges Messprogramm aufgelegt, um auch jahreszeitlich bedingte Einwirkungen feststellen zu können. Auf diese Daten gestützt, ließ sich der Zustand der Brücke als sicher beurteilen. Auf bauliche Eingriffe wurde verzichtet. Trotz des Aufwands war diese Untersuchung im Vergleich zu Bauarbeiten deutlich preiswerter. Und so wird die in 63 Meter Höhe über den Fluss führende Eisenfachwerkbrücke weiterhin ein Wahrzeichen der Schweizer Eisenbahn bleiben.

          1,7 Kilometer langes Stahlviadukt in Berlin Bilderstrecke

          Etwa 20 Kilometer flussabwärts steht die eingangs genannte älteste noch betriebene eiserne Bahnbrücke in Europa. Drei Felder mit dem damals typischen Gitterfachwerk aus Schweißeisen überspannen den Fluss. 1999 wurde die Strecke elektrifiziert. Seitdem passieren täglich 80 Personenzüge das 130 Meter lange Bauwerk. Damit die zu gleichen Teilen der Deutschen Bahn und der Schweizerischen Bundesbahn gehörende Brücke weiter in Betrieb bleiben konnte, mussten nur die Fahrbahnträger unter den Gleisen 2015 erneuert werden. Das historische Bild bleibt erhalten.

          Die Interessen von Bahnunternehmen und Denkmalschutz können also übereinstimmen. Aufwendige Untersuchungen sowie gezielte Reparaturen seien in vielen Fällen immer noch viel billiger als ein Neubau, sagt Brühwiler. Manchmal könnten bestehende Tragwerke verstärkt werden, sinnvoll erneuerte Brücken dann weitere Jahrzehnte in Betrieb bleiben. Doch um die Funktion aus älteren Bauweisen im Detail zu begreifen, sind zerstörungsfreie Prüfverfahren oder Probebelastungen wichtig. Mit denen lässt sich die Tragfähigkeit von Brücken praxisnah überprüfen. Man müsse sich halt an die alten Tragwerke herantasten, sagt der Professor.

          Doch die neuen Methoden für die Überprüfung bestehender Tragwerke sind bisher kaum in die Ingenieurpraxis eingedrungen, weil Normen fehlen. Doch die lassen sich nicht oder nur sinngemäß anwenden, ältere Tragwerke funktionieren anders. In der Schweiz wurden 2011 Normen für die Überprüfung und Erhaltung bestehender Tragwerke veröffentlicht. In Deutschland fehlen sie bis heute; es gibt nur Richtlinien, die sich auf die Nachrechnung beschränken und in der Regel „sehr konservativ gegenüber der Wirklichkeit“ seien, sagt Brühwiler. Dies führe oft zu übertriebenen Maßnahmen.

          Die Bleche wurden besonders belastet

          Deshalb ist Werner Lorenz, Professor an der Technischen Universität Cottbus, den Berliner Verkehrsbetrieben dankbar. Sie hätten sich auf die von ihm konzipierte Instandsetzung des 1,7 Kilometer langen Stahlviadukts der U-Bahn-Linie 2 in Prenzlauer Berg eingelassen und „Detaillösungen jenseits des hausinternen Planungshandbuchs“ mitgetragen. Für die denkmalgerechte Instandsetzung dieses zwischen 1909 und 1930 entstandenen Bauwerks wurden die Beteiligten 2014 für den Deutschen Brückenbaupreis nominiert. „Dank großartiger Ingenieurleistungen ist es gelungen, das schon seinerzeit hervorragende Bauwerk funktional und ästhetisch tauglich für das 21. Jahrhundert zu machen“, urteilte die Jury.

          Weitere Themen

          Sydney verschwindet im Nebel Video-Seite öffnen

          Schlechte Sicht : Sydney verschwindet im Nebel

          Die Stadt an Australiens Westküste befand sich stundenlang unter einer dichten Nebeldecke. Flüge mussten umgeleitet werden und auch das große Wahrzeichen der Stadt waren kaum noch zu sehen.

          Topmeldungen

          Handelskonflikt : Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

          Mitten im Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsmächte verkauft Peking so viele amerikanische Staatsanleihen wie seit Jahren nicht mehr. Zieht China nach seiner angedrohten Beschränkung des Exports der Seltenen Erden nun seine nächste Waffe?
          Zwei, die sich verstehen: Luca Waldschmidt (rechts) jubelt mit Marco Richter bei der U21-EM in Italien.

          Nach Auftaktsieg bei EM : Poolparty für deutsche Fußball-Junioren

          Die „Spaßbremse“ Stefan Kuntz war nicht dabei, die Siegesfeier aber hat der Trainer genehmigt: Nach dem 3:1 zum Start der EM bekommt die deutsche U21 ein Extra-Lob – und der Kapitän gibt ein Versprechen ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.