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Blick auf das Kleinste : Der Mikronaut

Diese Milbe (Parazercon) hat durch die Bilderserie „Cursed Knights“ eine gewisse Bekanntheit erlangt. Bild: © Martin Oeggerli / Micronaut 2015

Wir erforschen den Weltraum, aber was im Mikrokosmos passiert, ist uns fremd. Ein Schweizer Biologe zeigt uns seine geheimnisvolle kleine Welt.

          Martin Oeggerli ist ein promovierter Biologe aus Basel. Früher hat er in der Krebsforschung gearbeitet. Seit zehn Jahren sammelt er mikroskopisch kleine Organismen und Strukturen, macht Bilder von ihnen und bearbeitet sie aufwendig. Weil er in den Tiefen des Mikrokosmos nach fremden Objekten sucht, nennt er sich der Mikronaut. Die Fotostudien, die er in der Zeitschrift National Geographic veröffentlicht und in Galerien ausstellt, machen Wesen und Orte sichtbar, die dem Betrachter näher sind, als er auf den ersten Blick vermuten würde.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer sehen möchte, was im Fell eines Hundes passiert, wie die Oberfläche eines Basilikumblattes von nahem aussieht und wie sich eine Immunzelle bei der Antivirusproduktion verhält, braucht ein Mikroskop. Darunter wird ein schwarzweißer, zweidimensionaler Bildausschnitt sichtbar, den das Gehirn erst einmal erfassen muss. Nicht alle Details erschließen sich, schon gar nicht für einen Laien, und deshalb bleiben viele Aspekte des menschlichen Lebens unsichtbar: weil sie schlichtweg zu klein sind. Martin Oeggerli sagt: „Immer blicken wir nur auf die großen Zusammenhänge. Dabei kann ein Detail so viel spannender sein.“

          „Es ist, wie durch einen Garten zu gehen“

          Sein Arbeitsplatz ist im Keller des Biozentrums der Universität Basel. In einem Raum, dessen Türen nur mit äußerster Vorsicht geöffnet und geschlossen werden dürfen, steht ein sehr sensibles Rasterelektronenmikroskop. Der Keller ist der Ort mit der niedrigsten Gebäudeschwankung, und damit am besten geeignet, scharfe Bilder zu machen. Oeggerlis Arbeit lebt von scharfen Bildern. Mit einem bis zu 20.000 Volt starken Elektronenstrahl tastet er unter dem Mikroskop einen Bereich ab, in dem unter Hochvakuum sein Objekt plaziert ist, von links oben nach rechts unten. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis auf seinem Bildschirm ein plastisches Bild entstanden ist, mit dem er weiterarbeiten kann.

          Das Mikroskop ist für den Mikronauten ein Werkzeug. Viele Wissenschaftler benutzen solche Geräte, um an winzig kleinen Strukturen mit Ionenstrahlen zu arbeiten, sie aufzuschneiden und zu untersuchen. Oeggerli braucht es nur für den ersten Schritt: um seinen Mikroorganismus abzubilden. An den Motiven muss er nichts verändern, wenn sie gut präpariert sind. Dann wählt er den Winkel, die Distanz - und hält es fest. „Es ist, wie durch einen Garten zu gehen“, sagt er und meint damit, dass das Rasterelektronenmikroskop dank seiner Tiefenschärfe einen dreidimensionalen Raumeindruck vermittelt. Etwa fünf Bilder macht er am Tag, dann sucht er die zwei besten aus. Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach.

          Unbeliebte Kreaturen, fremde Strukturen

          Das Augenmerk des Mikronauten gilt vernachlässigten, unbeliebten Kreaturen und fremden Strukturen: Milben, Flöhen, Moskitolarven. Blutzellen, Bakterienkulturen. Die Herausforderung liegt darin, Hässliches und Verstörendes ästhetisch darzustellen, zu überraschen und erstaunen. „Es ist viel einfacher, Königspinguine ansprechend zu fotografieren und mit den Bildern Erfolg zu haben als Milben.“ Niemand kann so liebevoll über Milben sprechen wie der Schweizer, fünf Jahre hat er sich mit ihnen beschäftigt, hat sie verglichen und die schönsten für sein Langzeitprojekt ausgewählt. Er wollte sie rehabilitieren, den Ekel überlisten. In seiner Sammlung sehen sie aus wie Dinosaurier, wie Urfische und Fabelwesen, nicht wie Parasiten.

          Wissenschaftler oder Künstler? Martin Oeggerli an seinem Arbeitsplatz.

          Vieles im Mikrokosmos lockt und regt die Phantasie an. Da gibt es etwa das Bild einer Hügellandschaft, die an Neuseeland erinnert. Aber irgendetwas irritiert: Die schwarzen Flecken im Hintergrund passen nicht ins Bild. Es sind Pestbakterien. Und dann der verwunschene Wald mit den langverästelten Baumwipfeln: eine Blattnarbe. Jedes Bild erzählt eine Geschichte und zeigt, dass es viel mehr Szenarien gibt als jene, die sich auf Anhieb erschließen. Dass es sich lohnt, genau hinzusehen. Und dann zu lernen: Wie Zeltdörfer in der Sahara sehen Netzstrukturen von Zellen aus. So anmutig arbeiten die Mundwerkzeuge einer Moskitolarve. Und natürlich ist ein Basilikumblatt voller ballonartiger Drüsen. Sonst könnte es nicht so duften.

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