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Blick auf das Kleinste : Der Mikronaut

Bis zu 100 Ebenen pro Bild

Wichtig ist, dass die Miniaturwelten gut in Schuss sind. Dafür muss Oeggerli die schönsten Geschöpfe und interessantesten Strukturen erst finden, bei Wissenschaftlern nachhaken und sich beraten lassen. Ginge er selbst auf die Suche, durchsuchte er Hunde nach attraktiven Flöhen und Abfälle nach interessanten Bakterien, wäre er allein Monate mit der Auswahl beschäftigt. Seine Modelle werden vor dem Transport ins Institut vorsichtig konserviert, auf Glasplättchen fixiert und mit Edelmetall bedampft. Kein Flohbein darf dabei gebrochen werden. Bevor sie ins Hochvakuum kommen, sind Organismen und Zellen schon erstarrt, Bestandteile wie Eiweiße aber natürlich geblieben.

So verästelt sieht eine Blattnarbe unter dem Hochleitungs-Mikroskop aus.
So verästelt sieht eine Blattnarbe unter dem Hochleitungs-Mikroskop aus. : Bild: © Martin Oeggerli / Micronaut 2015

Dann beginnt die Detailarbeit: Bis zu zwei Monate braucht Oeggerli für das Kolorieren. Ein Mikronauten-Bild hat 50 bis 100 Ebenen. Schicht für Schicht färbt er mit seinem Bearbeitungsprogramm ein, verstärkt Kontraste, entwickelt Farbverläufe, prüft sie, verwirft sie. Das graue Bild aus dem Elektronenmikroskop wird nach und nach lebendig. 20 Bilder entstehen so jährlich.

Oeggerli versucht, möglichst naturgetreu, fotorealistisch, zu arbeiten. Manche Bakterien sind zwar so klein, dass die Lichtwellen nicht zu ihnen gelangen, und sie deshalb streng genommen keine Farbe haben. Aber wenn sie in größeren Gruppen zusammenhängen, wird erkennbar, ob sie Schwarz, Weiß, Gelb oder Blau ist. Um das Bild realistisch erscheinen zu lassen, sind Kontrastfarben nötig, die richtige Mischung aus organischen und anorganischen Farben, ein nachvollziehbarer Übergang zum Hintergrund. Der Betrachter soll sich wohl fühlen - als wäre er dabei. Bei Auftragsarbeiten, die in DIN-A4-Größe gedruckt werden, ist das alles kein Problem. Aber Oeggerlis persönliche Werke sind größer, sollen als Ausstellungsstücke im Museum hängen, nicht auf Wissenschafts-Symposien.

Mehr Fotokünstler als Wissenschaftsfotograf

Oeggerli will mehr Fotokünstler als Wissenschaftsfotograf sein. Er orientiert sich an Andreas Gursky und fertigt hochwertige Drucke an. Aber er bleibt Biologe. Grund und Ausgangspunkt seiner Arbeit ist die Wissenschaft. Durch die Farbgebung versucht er Zusammenhänge verständlich zu machen, wissenschaftliche Aspekte hervorzuheben: die Teilungszone eines Bakteriums, die Ärmchen, mit denen sich eine Immunzelle am Substrat festhält.

Dass der Mikronaut nicht im Volkswagen, Opel oder Toyota vorfährt, sei nebenher erzählt. Natürlich nicht. Im Keller der Universität parkt Sam, vielleicht das einzig glaubwürdige Gefährt eines Weltenreisenden. Sam ist ein Elektrofahrzeug mit drei freistehenden Rädern und Flügeltüren, das vom Schweizer Unternehmen Cree entwickelt wurde und in dem zwei Personen hintereinander Platz haben. Wenn es losfährt, klingt es wie beim Starten eines Raumschiffs, bevor es in den Kosmos hinausfliegt.

Mikro-Auto für den Mikronauten: das E-Auto Sam, ursprünglich ein Schweizer Produkt.
Mikro-Auto für den Mikronauten: das E-Auto Sam, ursprünglich ein Schweizer Produkt. : Bild: © Elena Witzeck / Micronauten

Zurück zur Arbeit von Oeggerli. Es kommt vor, dass jemand vor seinen Bildern steht und sagt: „Der Pollen hat doch die falsche Farbe.“ Darüber könnte er tagelang diskutieren. Ist es überhaupt richtig, dass wir Pollen in der Farbe darstellen, die wir sehen? Tragen sie ihre Farbe nicht ausschließlich, damit die Blüte bestäubt wird? Bienen haben ein ganz anderes visuelles Spektrum. Für sie ist der Pollen vielleicht gelb, vielleicht blau. Auch darum geht es: den Menschen zu zeigen, dass es nicht nur die menschliche Perspektive gibt, sondern dass viele Lebenswelten ganz unabhängig existieren. Dann lohnt es sich, genauer hinzusehen.

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