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Flugzeug „Solar Impulse“ : Ohne einen Tropfen Sprit um die Welt

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Bertrand Piccard hat der Familientradition des abenteuernden Forschertums das Element der professionellen Öffentlichkeitsarbeit hinzugefügt. Sein Großvater war noch der Typ des weltfremden Professors. Der Enkel eilt von Mikrofon zu Mikrofon, von Kamera zu Kamera und verteilt seinen polyglotten Charme an alle Welt. „Solar Impulse“ ist eine Inszenierung auf großer Bühne. 70 Millionen Euro soll die Sonnentour kosten. Videoclips begleiten jeden Schritt. Der Internetauftritt informiert in sieben Sprachen, auch Chinesisch. Wer sich die Welt vornimmt, kommt an China nicht vorbei. Wütend erinnert sich Piccard an eine frühere Weltfahrt mit dem Ballon, die missglückte, weil Peking ihm den Luftraum sperrte. Die „Solar Impulse“ soll in China zwischenlanden, alles ist schon arrangiert.

Die vier Elektromotoren leisten maximal 30 Kilowatt - darüber lacht heute jeder Kleinwagenbesitzer. Die „Solar Impulse“ wird am Himmel nur so dahinschleichen. Sie soll mit 70 km/h in Höhen vordringen, die zwölfmal so schnellen Jets vorbehalten sind. Keine leichte Aufgabe für die Fluglotsen - als wolle ein Traktorfahrer quer durch ein Autorennen über den Nürburgring tuckern. Aber Fragen der Flugsicherung sind noch nicht aktuell. In diesen Wochen unternimmt die „Solar Impulse“ in Payerne erste tastende Flugversuche. Obwohl Piccard und Borschberg erfahrene Flieger sind, haben sie für die Erprobung einen ausgebildeten Testpiloten engagiert, Markus Scherdel. Er findet heraus, ob der Flugapparat die Erwartungen des Computers erfüllt.

Missverhältnis von Größe und Geschwindigkeit

Charakteristisch für die „Solar Impulse“ ist das Missverhältnis von Größe und Geschwindigkeit. An windigen Tagen bleibt das Flugzeug in der Halle. Mit einem Flügel, der sich schon bei Radfahrertempo hebt, kann auch das Rollen am Boden unfallträchtig sein. Der Aufbruch in die Zukunft verlangt Windstille. Dass ein Pilot zum Landen die Leistungshebel nach vorn schieben muss, um die Ruderwirkung zu erhöhen, das ist auch etwas Neues. Kurvenflüge werden wie auf rohen Eiern ausgeführt, weil die „Solar Impulse“ bei mehr als fünf Grad Schräglage vom Abschmieren bedroht ist.

Vom ersten Flug hat Scherdel den teuren Vogel glücklich an einem Stück nach Hause gebracht. Aber der Weg ist noch weit. Demnächst folgt ein Nachtflug. Dann eine 36-Stunden-Tour. Lindberghs historische Ozeanüberquerung 1927 dauerte 33 Stunden und 32 Minuten und wäre beinahe an Schlafmangel gescheitert. Piccard und Borschberg müssen Lindberghs Wachrekord weit überbieten. Sie wollen einander am Steuer ablösen, wenn es 2012 in Etappen um die Welt geht. Schon jetzt wird trainiert. Sie bereiten Körper und Geist, Kopf und Bauch auf den Ausnahmezustand vor: tage- und nächtelang fern von Bett und Toilette wach zu bleiben und nur minutenlang zu schlafen. Es gibt eine schlichte Selbststeueranlage. Es gibt ein Warnsystem, das den Piloten mittels Vibration aufrüttelt, wenn die Schräglage zunimmt. Das Müdigkeits-Management ist so kompliziert wie das Energie-Management.

Unberechenbar als Freund oder Feind ist die Erdatmosphäre

Die Mannschaft in Payerne besitzt die von solider Fachkenntnis fundierte Risikobereitschaft, ohne die eine Neuvermessung der Welt nicht möglich wäre. Unberechenbar als Freund oder Feind ist die Erdatmosphäre. Wenn es schon zwischen Zürich und Payerne so schnell gewittern kann, darf man auf globalem Kurs nicht immer Bilderbuchwetter erwarten. Der Plan sieht den Bau einer modifizierten zweiten Maschine vor, vielleicht noch ein wenig größer. Aber das ist wie die Zukunft selbst noch ungewiss.

Auch die Deutsche Bank, neben den Konzernen Solvay und Omega ein Hauptsponsor des Abenteuers, ist sich des Risikos bewusst. Sie lässt sich die sonnige Verheißung einen zweistelligen Millionenbetrag kosten, also nicht nur Peanuts. Umweltschutz ist derzeit das zweitwichtigste Wort der Banker, die ihre Frankfurter Zentrale gerade zum „umweltfreundlichsten Hochhaus Europas“ umbauen. Hanns Michael Hölz, Klimastratege der Bank, sieht die „Solar Impulse“ als Botschafterin der neuen Zeit: „Sie wird den Einsatz erneuerbarer Energien revolutionieren.“

Pioniere des Solarflugs

Paul MacCready (1925-2007) gilt als Vater des Muskelkraftflugs, für dessen Verwirklichung hohe Preise ausgesetzt waren. Der amerikanische Physiker und Segelflugweltmeister entwickelte in den siebziger Jahren extrem leichte Tretflugzeuge mit Pedalen und Propeller: „Gossamer Condor“ und „Gossamer Albatros“. Im „Albatros“ strampelte der Radrennfahrer Bryan Allen am 12. Juni 1979 über den Ärmelkanal. Die Erfahrungen mit faserverstärkten Kunststoffen und hauchzarten Folien nutzte MacCready für die Konstruktion seiner Solarflugzeuge „Gossamer Penguin“ und „Solar Challenger“ (Bild oben). Am 7. Juli 1981 flog Stephen Ptacek mit dem „Challenger“ in 5 Stunden und 23 Minuten auf der klassischen Pionierroute von Paris nach London. Gut 20 Quadratmeter Solarzellen lieferten den Strom für zwei Elektromotoren.

Günter Rochelt (1939-1998) hatte wie Paul MacCready wegweisende Ideen sowohl für den Muskelkraft- als auch für den Solarflug - hier wie da fehlt es an Pferdestärken. Der eigenwillige deutsche Designer mit dem wilden Bartwuchs, ein Quereinsteiger, rüstete ein modifiziertes Entenflugzeug mit Solarzellen aus und nannte es „Solair I“. Am 17. Dezember 1980 (Jahrestag des Erstflugs der Brüder Wright) machte er nach erfolgreichem Start in Oberpfaffenhofen eine Bruchlandung. Im August 1983 blieb er beinahe sechs Stunden in der Luft. Er hinterließ die weiterentwickelte „Solair II“. Rochelts Muskelkraftflieger „Musculair I“ und „Musculair II“, die im Deutschen Museum gelandet sind, stellten 1984 und 1985 Geschwindigkeitsrekorde auf: 35,7 und 44,26 km/h - mit Sohn Holger an den Pedalen.

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