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Flaschenöffner Coravin : Einfach mal den Korken stecken lassen

Bild: F.A.Z., Wolfgang Eilmes

Wein ausschenken, ohne vorher den Korken zu ziehen? Mit „Coravin“ geht so etwas. Man kann sogar die angebrochene Flasche wieder in den Weinkeller stellen. Aber wozu?

          3 Min.

          Es klingt wie nach einem Wunder, das keiner braucht. Mit Coravin kann jeder aus einer Flasche Wein entnehmen, ohne den Korken zu ziehen. Wer dieser Technik immerhin traut, muss noch längst nicht an den sinnvollen Einsatz glauben. „Wozu braucht man so etwas?“ wird dann meist gefragt, wenn man das Gerät vorstellt. „Jeder, der verschiedenste Weine probieren will, ohne Alkoholiker werden zu wollen“, könnte man antworten. Denn die Krux beim Öffnen einer Weinflasche ist immer die gleiche. Wenn sie erst mal offen ist, sollte sie in wenigen Tagen ausgetrunken werden.

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es gibt bereits den Vakuumverschluss als Methode, den Oxidationsprozess des Weines hinauszuzögern. Dabei stöpselt man die Flasche mit einem Silikonpfropfen zu und entzieht mit einer Pumpe der Flasche einiges an Luft, so dass Unterdruck entsteht. Doch dieses Verfahren zeigt nach zwei bis drei Wochen seine Grenzen, der Wein oxidiert trotz des provisorischen Verschlusses, verändert merklich seinen Geschmack und wird irgendwann ungenießbar.

          Der Amerikaner Greg Lambrecht wollte das nicht einsehen. Er wollte aus beliebigen Flaschen seines gut bestückten Weinkellers ein Schlückchen nehmen, um sie wieder auf unbestimmte Zeit zurücklegen zu können. Also entwickelte er eine Methode, um an den Wein zu kommen, ohne dass der Korken beschädigt wird, und zudem kein Luftsauerstoff in die Flasche gerät. Die Lösung fand er dort, wo er sich am besten auskennt: in der Medizintechnik. Zwei Unternehmen hat er in diesem Bereich schon gegründet.

          So ist zum Beispiel die Nadel, die im Coravin dafür sorgt, dass der Korken nicht beschädigt wird und genügend Wein durch die Kanüle fließen kann, einer Biopsie-Nadel nachempfunden. Diese sind sehr stabil, mit ihnen entnimmt der Arzt etwa Proben aus dem Feingewebe, das unter Krebsverdacht steht. Die Coravin-Nadel ist aus Edelstahl und mit Teflon beschichtet. Es gibt eine Standard-Nadel mit einem Durchmesser von 1,2 Millimeter. Wer bei alten, teuren Weinen sehr vorsichtig sein muss, kann eine noch dünnere mit 0,98 Millimeter dazukaufen, und wer es mit dem Einschenken eilig hat, kann eine dickere mit 1,36 Millimeter erwerben.

          Die Nadel darf natürlich auch kein Loch hinterlassen, so dass im Nachhinein keine Luft eindringen kann. Der Struktur des Naturkorkens regelt das von allein. Wenige Sekunden danach dehnt er sich an der durchstochenen Stelle wieder hinreichend aus, so dass kein Wein nach außen und keine Luft nach innen dringt. Während unserer Tests haben wir das durch Umdrehen der Flasche erfolgreich überprüft. Das lässt sich so oft wiederholen, bis die Flasche leer ist. Die Stelle, wo die Nadel eindrang, ist kaum zu sehen. Die Kapsel aus Zinn kann man im Übrigen dranlassen. Nun hat allerdings nicht jede Flasche einen Naturkorken. Für unser Menü hatten wir uns einen passenden Weiß- und Rotwein ausgesucht, testen konnten wir Coravin damit nicht. Der eine hatte einen Schraubverschluss, der anderen einen Glaskorken.

          Das Gas ist geschmacksneutral und farblos

          Nun darf nach Entnahme des Weines der dadurch entstandene Raum in der Flasche nicht durch Luft gefüllt sein. Deswegen pumpt Coravin Argon durch die Nadel. Das Edelgas reagiert nicht mit Wein, ist geschmacksneutral und farblos. In der Erdatmosphäre ist Argon nach Stickstoff und Sauerstoff der dritthäufigste Bestandteil. Der leere Raum, der in einer Weinflasche durch das Ausgießen entsteht, wird also durch das Argon ersetzt. Weil es mit Druck in die Flasche gepresst wird, hat es zudem die Funktion, dass der Wein durch die dünne Kanüle läuft. Coravin lässt einen maximalen Druck von 1,52 bar zu.

          Im Alltag bedeutet dies, dass man bei einer noch unangezapften Flasche mehrmals den Gashebel kurz drücken muss, um hinreichend viel Wein im Glas zu haben. Je mehr Wein aus der Flasche entnommen wurde, desto mehr Flüssigkeit kann man je Hub ausgießen, weil sich in der Flasche mehr Argon ausbreiten kann. Das bedeutet natürlich auch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem man die Flasche am besten entkorkt, weil ansonsten zu viel Gas verschwendet wird. Schließlich kosten die kleinen Kartuschen zwischen acht und zehn Euro - je nachdem, wie viele man auf einmal bestellt. Sie reichen laut Hersteller für etwa 15 Gläser Wein mit etwa 150 Milliliter Inhalt, was unserer Erfahrung etwa entspricht.

          Nicht nur für Weinliebhaber

          Das Coravin selbst kostet 299 Euro, das Gerät ist also eher etwas für echte Weinliebhaber. Oder für die Gastronomie. Restaurants mit einer großen Auswahl an Weinen könnten ihren Gästen jederzeit ein Glas anbieten, ohne zwischen offenen Weinen und einer Flasche unterscheiden zu müssen. Auch für Hobbyköche könnte Coravin interessant sein. Wer ein Menü für zwei kreiert und für jeden Gang den passenden Wein ausschenken will, kann dies nun tun. Die angebrochene Flasche stellt man einfach wieder in den Weinkeller.

          Die alles entscheidende Frage ist in all diesen Fällen: Schmeckt der Wein wirklich nach ein paar Monaten oder gar Jahren genauso, wie wenn er verschlossen gewesen wäre? Hier verweist Greg Lambrecht auf zahlreiche Blindverkostungen mit Sommeliers in Europa und Amerika. Mit dem Ergebnis, dass der Unterschied nicht erkennbar sei. Das bestätigt auch eine chemische Analyse, die Lambrecht in Auftrag gegeben hat. Dabei kam unter anderem heraus, dass eine Oxidation nicht gemessen werden konnte. Wir werden unsere angezapften Flaschen jedenfalls wieder in den Keller stellen und in ein paar Jahren berichten, ob sie noch schmecken.

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