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Fischertechnik : Die ewige Macht des genialen Geistes

  • -Aktualisiert am

Ein Hebezeug mit Sperrklinke auf der Windenachse Bild: Hersteller

Leonardo da Vinci ist modern: Den Maschinen, die das Renaissance-Genie entworfen hat, widmet Fischertechnik einen aktuellen Baukasten. Mit knapp 250 Teilen können Feinmotoriker zehn verschiedene Funktionsmodelle bauen.

          3 Min.

          Gelbe Streben und schwarze Balken, blaue Kordel und rote Winkelsegmente: So kommen die Modelle von Entwürfen Leonardo da Vincis aus dem Themen-Baukasten „Da Vinci Machines“ in den modernen Hausfarben des Konstruktionsspielzeugs Fischertechnik daher. Knapp 250 Teile umfasst das 60 Euro teure Sortiment, aus dem sich zehn verschiedene Funktionsmodelle bauen lassen. So werden die Zeichnungen des Renaissance-Genies im Kinderzimmer, Klassenraum oder der Jugendwerkstatt von Museen lebendig. Die bunten Kunststoffstrukturen aus dem Baukasten verstecken dabei nie ihre Herkunft aus dem 20. Jahrhundert. Aktuelle Ausstellungen mit Nachbauten von Leonardos Modellen - zum Beispiel in Wien und in Rüsselsheim - arbeiten dagegen mit den für die Zeichnungen zeitgenössischen Materialien wie Stein, Holz und Eisen.

          Der Themenkasten, der zur Profi-Linie von Fischertechnik gehört, hat uns dennoch als Möglichkeit zum - im Wortsinne - Begreifen funktionaler und konstruktiver Prinzipien der Leonardo-Maschinen überzeugt. Denn die klare Struktur der durch Steck- und Klemmverbindungen gehaltenen Modelle zeigt stets die auf das Wesentliche vereinfachte Arbeitsweise der Apparate. Letztlich stehen die Modelle damit auf einer Ebene mit den Skizzen Leonardos. Denn so, wie ein Fischertechnik-Modell einen Kran mit Sperrklinke auf der Windenachse und Steinzange am Haken bei voller Funktion auf die mechanischen Prinzipien reduziert, so klar zeigen auch die Zeichnungen Leonardos die Technik seiner Entwürfe auf.

          Nachahmungen gut 500 Jahre alter Skizzen

          Wer sich auf den Charme dieser schnörkellos schlichten Nachahmungen gut 500 Jahre alter Skizzen einlässt, erlebt ein kleines historisch-mechanisches Abenteuer, das ganz ohne historisierenden Bombast auskommt. Wir brauchen nicht einmal Tom Hanks als von Dan Brown ersonnenen Professor Langdon, der uns den richtigen Dreh für die Konstruktion mit den Fischertechnik-Teilen beibringt.

          Die mechanisch aufgerichtete Sturmleiter im Nachbau

          Spaß und Erkenntnis: Dieser pädagogische Anspruch des von dem Dübel-Pionier Artur Fischer entwickelten und vor 42 Jahren auf den Markt gebrachten Spielzeugs hat Tradition. Fischertechnik-Klassensätze erlauben es zum Beispiel, mechanische und statische Prinzipien im Physikunterricht an eigenen Konstruktionen zu erfahren. Und das Museum Rüsselsheim arbeitet denn auch im pädagogischen Rahmenprogramm zur Ausstellung „Leonardo da Vincis Maschinen“ mit den aktuellen Fischertechnik-Themenbaukästen.

          Mechanische Hilfen für Baumeister und Handwerker

          Ein Schwerpunkt der Modelle sind mechanische Hilfen für Baumeister und Handwerker, die Leonardo in seinen Zeichnungen festgehalten hat. Dabei zeichnet sich der Alleskönner nicht so sehr als Erfinder gänzlich neuer Apparate aus, sondern überzeugt vor allem mit Ergänzungen und Verbesserungen bestehender Maschinen. Das demonstriert beispielsweise ein Kran, den Leonardo für die Großbaustellen seiner Zeit mit Sperrklinke und selbstschließender Steinzange sicherer machte. Gleichzeitig senkte er auch den Personalaufwand für die Bedienung des Hebezeugs mit einem selbstlösenden Kranhaken, der die Last beim Absetzen auf dem Boden freigibt. Auch Schmiedezange und die Feilenhaumaschine sind Lösungen, die für Rationalisierung in der vorindustriellen Arbeitswelt sorgen.

          Aus dem kriegerischen Arsenal, das Leonardo gezeichnet hat, stammen Katapult, Streitwagen und Trommelwagen. Die mechanisch aufzurichtende Leiter kann dagegen ebenso zivil wie militärisch eingesetzt werden. So visionär wie alle Flugmaschinen Leonardos bleibt der Apparat, mit dem der Flügelschlag von Vögeln nachgeahmt wird. Und ganz solide Infrastrukturtechnik ist schließlich die Drehbrücke.

          Fischertechnik neue Wege

          Mit der thematischen Anlehnung an das Werk einer historischen Persönlichkeit geht Fischertechnik neue Wege. Denn üblicherweise sind die Baukästen entweder nach Spielthemen (Krane, Boote, Seilbahnen) oder ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen (Mechanik, Statik, Pneumatik, erneuerbare Energien) ausgerichtet. Sonderrollen nehmen dazu die Bereiche Robotik und Industriemodelle ein. Die wissenschaftsgeschichtliche Dimension des Baukastens macht ein Begleitheft deutlich, das zusätzlich zu dem üblichen Anleitungsbuch dem Baukasten beiliegt. Der Leonardo-Baukasten hat Fischertechnik 2008 bereits den Titel „Spielzeug des Jahres“ in Belgien sowie die Nominierung für den deutschen Preis „Goldenes Schaukelpferd“ eingebracht.

          Zwei Abende füllt der brave Nachbau der von den Planern vorgegebenen Anleitungen. Dann kommt die Lust auf, auch andere Entwürfe des Renaissance-Manns nachzuempfinden. Hier bewährt sich Fischertechnik durch seine Kompatibilität über mehr als 40 Jahre zurück. Das Spielsystem lässt außerdem ein fast schon intuitives Bauen zu, während gleichzeitig ziemlich solide Verbindungen auch ohne Schraubtechnik möglich sind. Bei Lego dagegen hapert es manchmal an der Belastbarkeit von Steckverbindungen frei entworfener Großmodelle. Und mit klassischen Metallbaukästen lässt sich längst nicht so schnell bauen wie mit Fischertechnik, weil hier die Verbindungen geschraubt werden.

          Die Eleganz leichter Konstruktionen ohne aufwendige Verbindungstechnik wusste schon Leonardo zu schätzen. Davon zeugt sein Entwurf einer Brücke, die ihre Steifigkeit ohne Verbindungselemente nur durch die Reibung der gegeneinander verschränkten Bretter erhält. Ein Modell der Brücke aus Holzstäben bietet zum Beispiel das Mathematikum in Gießen an, erhältlich ist der Bausatz auch im Museum Rüsselsheim. Mit der Gabe der Geduld gesegnete Feinmotoriker können das Modell aber auch aus den flachen Trägern von Fischertechnik nachbauen.

          Leonardo in Rüsselsheim

          Das Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim zeigt noch bis zum 28. Dezember die Ausstellung „Leonardo da Vincis Maschinen“. Neben Arbeits- und Kriegsmaschinen sind auch Ingenieurbauwerke wie Brücken zu sehen.

          Das Museum in der Festung Rüsselsheim hat dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, samstags, sonntags und feiertags von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 5,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Weitere Informationen im Internet sowie telefonisch unter 0 61 42/83 29 50.

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