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50 Jahre Farbfernsehen : Als die Bildschirme Farbe bekannten

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Zur Einordnung: Ein nagelneuer VW Käfer kostete damals etwa 4800 Mark, der Farb-Guckkasten war somit noch ein Konsumgut mit Luxus-Status. Folglich standen erst 6000 Geräte in deutschen Wohnzimmern, als Willy Brandt die legendäre Taste drückte. Das sollte sich erst sprunghaft ändern, als große Sportereignisse in bunter Pracht über die Mattscheibe flimmerten, allen voran die Olympischen Spiele 1972, gefolgt von der Fußball-Weltmeisterschaft 1974, die Deutschland glorios mit dem Titel für sich entschied. Einziger Wermutstropfen: Die deutschen Kicker traten mit schwarzen Hosen und weißen Trikots an; die Bunt-Gucker konnten den Systemvorteil ihrer Hardware also nur bedingt auskosten.

Der mediale Übergang in die Welt der Farbe hatte nicht nur technische Bedeutung, sie war auch ein Politikum. Denn die Bundesrepublik hatte sich für das System PAL entschieden, dem sich später auch Großbritannien und die meisten übrigen westeuropäischen Länder anschlossen. Frankreich aber hatte ein eigenes System entwickelt, das den Namen Secam trug. Mit der Lizenzierung des Verfahrens an die Sowjetunion hatten die westlichen Nachbarn einen Coup gelandet, denn die Entscheidung bedeutete, dass andere Länder Osteuropas einschließlich der DDR ebenfalls auf Secam setzten. Sollte die Bundesrepublik etwa ein anderes System einführen als die Landsleute auf der anderen Seite der Elbe? Sie tat es – mit der Konsequenz, dass Westfernsehen mit den frühen DDR-Farbempfängern nur in Schwarzweiß auf die Mattscheibe kam. Die Farb-Kodierungen von Pal und Secam waren nicht kompatibel, die Schwarzweißanteile der Fernsehsignale dagegen konnten auch Apparate des jeweils anderen Systems sichtbar machen. Das Farb-Schisma im politisch noch geteilten Europa spielte allerdings von den 80er Jahren an keine Rolle mehr: Die meisten Geräte hatten später Multi-Standard-Dekoder an Bord, die mit Signalen beider Normen umgehen konnten. Als PAL nach der Wiedervereinigung auch in den neuen Bundesländern zur Sendenorm wurde, fiel die Umstellung also kaum auf.

NTSC-Fernsehkanäle kamen mit 5 Megahertz aus

Was sprach denn vor 50 Jahren überhaupt für PAL? Dazu muss man etwas tiefer in der Technikgeschichte graben. PAL galt damals als bahnbrechend. Walter Bruch, Ziehvater des Systems, hatte schon in den fünfziger Jahren mit ersten Vorarbeiten begonnen – damals als Verantwortlicher für die Grundlagenforschung der Telefunken-Werke in Hannover. Ausgangspunkt seiner Experimente war das amerikanische Farbfernsehsystem des „National Television System Committee“, kurz NTSC genannt. Dieser Standard hatte gegenüber konkurrierenden theoretischen Ansätzen entscheidende Vorzüge: Die Übertragung nach NTSC war relativ unkompliziert, preisgünstig und vor allem schwarzweißkompatibel.

So kamen NTSC-Fernsehkanäle mit Bandbreiten von 5 Megahertz aus – ebenso viel benötigte die reine Schwarzweiß-Übertragung in angemessener Qualität. Ein genialer Trick hatte den NTSC-Technikern zu dieser Lösung verholfen: Sie hatten herausgefunden, dass die Helligkeitsinformationen des Fernsehsignals, also die Schwarzweiß-Informationen, praktisch nur aus Vielfachen der bei 15,6 Kilohertz liegenden Zeilenfrequenz bestanden. Dazwischen wies das Übertragungsspektrum jeweils Lücken auf. Ebendiese Löcher füllten die NTSC-Entwickler mit den Zusatzsignalen für die Farbwerte. So konnten sie Helligkeit und Farbe ohne zusätzlichen Bandbreitenbedarf übermitteln.

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