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Automatisiertes Fahren : Ferngesteuerte Gabelstapler

Gassi gehen ohne Leine: Über eine Art Handschuh erhält der Stapler seine Kommandos. Bild: Prummel/Hersteller

Das automatisierte Fahren erreicht die Lagerhallen. Für den Arbeiter sind die ferngesteuerten Maschinen eine enorme Entlastung, aber ganz ohne ihn geht es nicht. Noch nicht.

          3 Min.

          Die Packliste ist so lang wie der Gang zwischen den Regalen in der Lagerhalle. Der „Greifer“ macht zahlreiche Stopps, hebt ein Paket nach dem anderen auf den Stapler. Zweimal Knopf drücken, zweimal Piepen, Knopf gedrückt halten - und der Stapler fährt wie von Geisterhand geführt weiter. Der Kommissionierer geht derweil zur nächsten Lagerposition. Knopf losgelassen, und der fahrerlose Stapler steht bei Fuß.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          An der rechten Hand trägt der Lagerarbeiter einen Handschuh: Es ist die Fernbedienung für den Niederhub-Kommissionierer Crown GPC 3000. Am Zeigefinger ist ein Knopf befestigt, der mit dem Daumen bedient werden kann. Per Knopfdruck fährt der Stapler zur nächsten Entnahmestelle. Regalen und Hindernissen kommt er nicht zu nahe. Rundum sind Laser installiert, die die Umgebung abtasten. Ultraschall hätte nicht funktioniert: Die Metallregale würden das Gerät nur irritieren. Die Rundum-Lichtstrahlen reichen, um Kollisionen und Beschädigungen zu vermeiden. Die Unfallrate, das haben die bisherigen Erfahrungen im realen Lagerleben gezeigt, sind mit dem GPC 3000 deutlich gesunken.

          Automatisiertes Fahren wird derzeit nicht nur auf Deutschlands Straßen getestet. Es reicht auch eine Lagerhalle. Anders als der Testbetrieb auf den Autobahnen fahren Stapler des amerikanischen Herstellers Crown, neben Toyota und den deutschen Kion sowie Jungheinrich einer der großen Anbieter von Gabelstaplern und Flurförderfahrzeugen, noch nicht vollautomatisch, sondern mit Hilfe von Assistenzsystemen und Sensoren nur ferngesteuert. Einige tausend dieser fernbedienten Förderfahrzeuge sind schon in den Lagerhallen dieser Welt unterwegs. Im Jahr 2011 kam der erste fahrerlose Stapler in den Vereinigten Staaten heraus. Ein weiterentwickeltes Modell hatte Ende 2013 in Europa Premiere.

          25.000 Schritte je Schicht

          Was auf dem ersten Blick als spielerisches Austoben der Crown-Ingenieure erscheint, führt zu erheblich beschleunigten Prozessen in der Lagerhaltung und Kommissionierung von Waren. Das gilt besonders für Einzel- und Großhandelskonzerne wie Aldi, Rewe, Tengelmann, Edeka oder Carrefour. Für Internethändler wie Amazon oder Ebay sind die Stapler wegen anderer Abläufe nicht unbedingt geeignet.

          Bisher musste der Greifer anhalten, vom Fahrerstand des Stapler absteigen, das Paket aus dem Regal auf die Palette legen, wieder aufsteigen und zur nächsten Halteposition fahren. So kommen im Durchschnitt 25.000 Schritte je Schicht zusammen, bei einer Geschwindigkeit von 5 Kilometer in der Stunde geht der Greifer 25 Kilometer ab. Mit dem „Quick Pick Remote“, dem fernbedienten Stapler, kann ihm die Hälfte der Strecke erspart bleiben; schließlich muss er nicht immer wieder zum Fahrzeug zurückkehren, sondern kann direkt den nächsten Punkt am Regal ansteuern. Statt 1200 Einstiege muss er nur noch 360-mal den Fahrerstand betreten. Und der Kommissionierer muss nur noch halb so viel tragen. Normalerweise sind 190 Teile in der Stunde mit Gewichten von bis zu fünf oder gar zehn Kilogramm zu schleppen. Das summiert sich in einer Schicht auf bis zu zehn Tonnen Transportlast.

          Der Crown GPC 3000 bei der Arbeit
          Der Crown GPC 3000 bei der Arbeit : Bild: Prummel/Hersteller

          Für den Arbeiter ist das eine enorme Entlastung. Es gibt weniger Ausrutsch-, Stolper- und Sturzunfälle. Und alles geht schneller: Die Produktivität ist mit dem Einsatz des GPC 3000 im Schnitt um zehn Prozent höher, kann in der Spitze gar 25 Prozent erreichen. „Zehn Prozent Produktivitätsgewinn in einer Branche, in der schon ein Prozent ein großer Erfolg ist, kann als eine extreme Verbesserung gelten“, sagt Crown-Produktmanager Markus Liesfeld. Meist laufen die Betriebe in drei Schichten, fünf bis sechs Tage in der Woche. Da spielen Personalkosten eine große Rolle.

          Es wird Richtung Vollautomatisierung weitergehen

          Minutiös sind die Arbeitsvorgänge analysiert worden, bevor der Stapler mit drahtloser Führung auf den Markt kam. So entfallen 50 Prozent der Zeit auf Gehen und auf die Positionierung des Staplers. Hier können die Potentiale gehoben werden; nicht beim Herausholen der Artikel aus dem Regal (15 Prozent), dem Aufladen (20 Prozent), dem Transport (10 Prozent) oder Sonstigem (5 Prozent).

          Was nicht heißt, dass nun weniger Arbeit anfällt. „Mit dem ferngesteuerten Gerät werden nicht Arbeitsplätze vernichtet“, sagt Crown-Europa-Geschäftsführer Ken Dufford. „Wir versuchen, die Qualität der Arbeit zu verbessern.“ Das könnte ein Argument für die Kunden sein. Logistik und Lagerhaltung werden in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Arbeitskräfte werden gesucht für einen Knochenjob, der durch Lastentragen, ständiges Auf- und Absteigen vom Stapler auf die Knie, Fußknöchel und auf den Rücken geht. Der Durchschnittsverdienst der mehr als eine Million Gabelstaplerfahrer in Europa ist mit 16.800 Euro nicht gerade üppig. Da gilt es, die Attraktivität eines solchen Berufs zu steigern.

          Die Fernbedienung am Crown wird nicht das letzte Wort sein. „Das ist der erste Schritt“, erklärt Liesfeld. Es wird Richtung Vollautomatisierung weitergehen. Daran arbeiten alle Wettbewerber. Fahrerlose Transportsysteme sind in der Produktion schon längst Alltag. Wegen der komplexen und - anders als in der Fertigung - weniger starren Abläufe sind die aber nicht auf den Lagerbetrieb übertragbar. Jeder beliebige Ort muss erreichbar sein, für jeden einzelnen Auftrag müssen unterschiedliche Lagerplätze angesteuert werden.

          Zwar gibt es schon Roboter, die in unbeleuchteten, dunklen Hallen vor sich hinarbeiten, wenn es sich um standardisierte und sich wiederholende Prozesse handelt. Ein Lagerhaus, in dem jedoch sämtliche Aufgaben von fahrerlosen Förderfahrzeugen erledigt werden, ist für Fachleute derzeit unrealistisch. Die Automatisierung dürfte mit neuen Assistenzsystemen in vielen kleinen Schritten erfolgen - wie in der Autoindustrie. Emsig wird daran gearbeitet. Nach den weiteren Entwicklungsstadien befragt, geben sich Ken Dufford und Markus Liesfeld schmallippig.

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