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Cannondale System Six Hi-Mod : Die elende Bremswirkung der Trinkflasche

Das Cannondale System Six ist für Profis und solche, die sich gern wie einer fühlen wollen. Bild: Appel

Cannondale ordnet am System Six Hi-Mod alles der Aerodynamik unter. Laut Hersteller ist es das schnellste Rennrad der Welt mit UCI-Zulassung.

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          Cannondale ist nicht gerade für Champagner bekannt, aber diese Kiste hat es in sich. Wir entnehmen das System Six Hi-Mod Red Etap AXS, und wer sich darunter wenig vorstellen kann, dem sei gesagt, hier fährt ein reichlich ausgefuchstes Hochgeschwindigkeitsrad vor. Sich mit dem Profi, auch wenn er ein ehemaliger ist, auszutauschen, ist von erhellender Erkenntnis. Jan Schwarzer betreibt in Sineu auf Mallorca die Radherberge MA-13 und erfasst mit Kennerblick, allein durch die Aerodynamik seien in eiligen Passagen wohl 25 Watt weniger zu treten. Das erscheint uns Hobbyrennfahrer eine rechte Erleichterung, doch das Datenblatt kennt keine halben Sachen. Bei 48 km/h spart das Rad 50 Watt, vermeldet Cannondale. Bei 48 km/h!

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das haben wir natürlich sofort ausprobiert, doch in diesen Geschwindigkeitsregionen, ehrlich, geht uns denn doch recht bald die Luft aus. Dabei dreht sich alles um dieselbe, vor allem um die Frage, wie sie das Rad umströmen soll, möglichst widerstandslos nämlich. Von Bremszügen ist so gut wie nichts zu sehen, sie verschwinden früh durch eine Öffnung im Steuerrohr. Am oben flach ausgeformten Lenker verlaufen sie freilich genau dort, wo die Befestigungsschräubchen einzudrehen sind, was ein, zwei Flüche während der Montage zur Folge hat.

          Aber man baut das handgestoppt knapp acht Kilogramm leichte Rad ja nicht jeden Tag auf. Auch eine Folge der Kabelführung: Der Lenkeinschlag ist begrenzt, engste Kurven nahezu im Stand sind unmöglich, doch im Alltag gerät man eigentlich nie an den Anschlag.

          Die Sequenzen sind per App programmierbar

          Der nackte Körper in Champagner und Schwarz erregt Aufmerksamkeit, wo immer man hinkommt, aber Cannondale betont, es komme eher auf die wahren Werte an. Die da wären: Aerodynamik, Aerodynamik, Aerodynamik. Der Hinterbau ist tiefgelegt, die Streben verlaufen weit unten. Die 26 mm schmalen Reifen sind breiter als die Felgen, offenbar wird das jetzt als schneller erachtet. Messerspeichen verstehen sich da quasi von selbst. Die Kette ist oben flach und unten rund, eine Spezialität von Sram, ob derlei etwas bringt, wissen wir nicht.

          Wohl aber, dass die Funkschaltung bestens funktioniert. Sie hat neuerdings engere Schritte und lässt 23 Gänge zu, wobei der höchste Mitleid mit Kette und Ritzeln auslöst. Die Sequenzen sind per App programmierbar, Leistungsmessung ist möglich. Das Ganze ist so schick wie teuer, die Zweifach-Gruppe kostet 3500 Euro, was wohl manchen überfordert. Sram bietet deshalb nun die günstigere Variante Force E-Tap AXS an. Für 2400 Euro. Die Kerle nennen das Kampfpreis.

          Der kleinste Gang am Hang kann zu schwer sein

          So aufgerüstet, führt schon das Anschrauben eigener, profaner Pedale zu einem schlechten Gewissen, sie haben bestimmt Gewicht und Aerodynamik ruiniert. Denn Cannondale versteht keinen Spaß. Rahmen, Gabel und Sattelstütze sind aus speziell zugeschnittenen Karbonprofilen gefertigt, um dem Wind wenig Angriffsfläche zu bieten. Das Unterrohr ist so geformt, dass es die Bremswirkung der Trinkflasche minimiert. Wer sich darum Gedanken macht, dem lassen wir auch durchgehen, dass er auf Anstiege bis sechs Prozent hinweist, in denen der System-Six-Pilot schneller sei als einer mit einem Leichtbau-Bergrad. Tatsächlich setzt das gewisse Energie auf dem Pedal voraus, denn die 48/35er-Kurbel mit 10–28er-Kassette zeigt zwar viele Zähne, der kleinste Gang am Hang kann aber zu schwer sein. Bergab und in der Ebene spielt das Cannondale dann all sein Stärken aus.

          Wirkt es Anlauf nehmend noch nervös wie ein gezügeltes Rennpferd, läuft es um 30 km/h stoisch geradeaus, geht flott voran, giert nach mehr. Die Leichtigkeit hohen Tempos ist eine Freude, unterstützt auch von den 64 Millimeter hohen Hollowgram-Laufrädern, die freilich bei Seitenwind ihre Tücken haben. Des Lenkers Form führt, man ahnt es, ob der besseren Aerodynamik bei unten aufliegenden Händen die Arme eng zusammen, was gewöhnungsbedürftig ist. Wir hatten zudem einige Abstandsstücke (Spacer) drin. Auch so ist die Sitzposition noch sportlich, aber der Rücken bleibt intakt. Übertriebenen Komfort sollte gleichwohl niemand erwarten.

          Mit Sicherheit ist also noch mehr möglich, als wir mit zunehmender Begeisterung herausgefahren haben. Cannondale spricht vom schnellsten Rennrad der Welt mit UCI-Zulassung und fordert 9999 Euro. Die Modellreihe reicht von 4700 bis 10.500 Euro. Exklusive Champagner, soweit bekannt.

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