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E-Bike „Platzhirsch“ im Test : Fährt wie gedruckt

Das Modell „Platzhirsch“ ist auf den Einsatz im Stadtdschungel ausgelegt. Die Höhen des Taunusgebirges hat es in unserem Test aber auch gemeistert. Bild: Urwahn

Die Taunushöhen haben diesen „Platzhirsch“ nicht einknicken lassen. Flott präsentiert sich das E-Bike, das seine elegante Gestalt dem 3-D-Drucker verdankt.

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          Als das Rad schließlich vor uns steht, ist der erste Gedanke: Der Trick ist der Knick. Das sieht ungewöhnlich aus. Wir sind einige Tage ein E-Bike gefahren und dem heiß geliebten und allein mit Muskelkraft bewegten Rennrad untreu geworden. Es ist die ungewöhnliche Form des Rahmens, die bei unserem Seitensprung auffällt. Das Oberrohr geht mit Schwung ins Sitzrohr über und wird dann zur Sitzstrebe. „Platzhirsch“ heißt das Rad, es entsteht in Deutschland, sein Hersteller ist Urwahn mit Sitz in Magdeburg, gegründet vor mehr als fünf Jahren von drei Jungunternehmern.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Gründer sind Absolventen der Otto-von-Guericke-Universität, sie haben Maschinenbau, Sport und Technik studiert, und so wundert kaum, dass auch die Materialien ihrer Räder etwas Besonderes haben. Die geraden Rohre bestehen aus Stahl, die Verbindungselemente des Rahmens sowie weitere Komponenten werden im 3-D-Druck mit Metallpulver produziert. Ein Laserstrahl schmilzt pulverförmigen Stahl in hauchdünnen Schichten auf – ein additives Fertigungsverfahren.

          Der Betrachter sieht vor allem, dass er nichts sieht. Wie bei einem Carbonrahmen gibt es keine Schweißnähte, und die Designer bekommen neue Möglichkeiten, weil sich beispielsweise das Frontlicht ganz natürlich in den Lenker integrieren lässt. Der Akku für den Elektroantrieb mit einer Kapazität von 250 Wattstunden befindet sich im Unterrohr, für den Ladevorgang muss das Rad in die Nähe der Steckdose. Zur Wartung oder Entnahme ist der Akku über die Tretlageröffnung zugänglich.

          Unauffälliges Fahrverhalten

          Der Stromanschluss schaut am Unterrohr nach oben und ist mit einer billig wirkenden Plastikabdeckung geschützt. Zum Einsatz kommt ein proprietäres und bisweilen fummelig anzubringendes Ladekabel. Der Hinterradnabenmotor von Mahle hat 250 Watt und liefert 40 Newtonmeter mit einer Drehmomentkurve, die bei kleiner Geschwindigkeit ordentlich Wums bringt und endet, wenn 25 km/h erreicht sind. Unser Rad kam als Ein-Gang-Modell mit Gates CDX Riemenantrieb, alternativ ist auch die Elf-Gang-Schaltung Shimano XT erhältlich. Mit einem Gewicht von 15 Kilogramm ist der Platzhirsch noch gut tragbar.

          Unser Rad kam als Ein-Gang-Modell mit Gates CDX Riemenantrieb, alternativ ist auch die Elf-Gang-Schaltung Shimano XT erhältlich.
          Unser Rad kam als Ein-Gang-Modell mit Gates CDX Riemenantrieb, alternativ ist auch die Elf-Gang-Schaltung Shimano XT erhältlich. : Bild: Urwahn

          Der Elektroantrieb setzt auf minimalistische Bedientechnik. Rechts am Lenkrad befindet sich ein LED-Element, das Fahrmodus und Akkukapazität in vier verschiedenen Farben visualisiert. Zwei Tasten schalten zwischen vier Unterstützungsmodi um. Strahlt die Sonne, sieht man nichts. Auf den ersten Fahrten ist man etwas irritiert und hätte gern mehr Information, aber man gewöhnt sich an die neue Bescheidenheit. Mehr Daten liefert die Smartphone-App.

          Knick, Zahn, Klick: Der Platzhirsch von Urwahn verdankt seine Gestalt dem additiven Verfahren im 3-D-Druck.
          Knick, Zahn, Klick: Der Platzhirsch von Urwahn verdankt seine Gestalt dem additiven Verfahren im 3-D-Druck. : Bild: Urwahn

          Auf einer längeren Testfahrt zeigt sich ein absolut unauffälliges Fahrverhalten. Das Rad wirkt steif und verwindungsarm und, nun ja, wenn das alles so gut geht, warum nicht mal die Strecke abfahren, die wir sonst mit dem Rennrad im Taunus absolvieren? 1800 Höhenmeter sind die Herausforderung, und wo auf langen Bergstrecken der Puls in die Höhe schnellt und das Tempo bescheiden bleibt, strampelt man jetzt dank Elektrounterstützung mit fast 20 km/h mühelos die Anhöhe hinauf. Bergab kühlt sich der Schweiß der Tapferen indes langsamer. Wo wir mit dem Rennrad 40 bis 60 km/h erreichen, bleibt der Platzhirsch mit Tempi zwischen 35 und 40 km/h zurück. Der Zahnriemenantrieb ist gewöhnungsbedürftig, wer oft schneller als 25 km/h unterwegs sein will, wird sich für die Shimano-Schaltung entscheiden. Mit den Continental „Grand Prix Urban“-Reifen blieben wir auf der Straße, alternativ lassen sich die Terra Speed X für Wege jenseits des Asphalts bestellen.

          Durchaus tourentauglich

          Der Hersteller gibt eine Akkureichweite von bis zu 80 Kilometern an. Wir waren verblüfft, dass diese Angabe trotz der Berganstiege locker gehalten wurde. Nachdem die LED-Anzeige hektisch rot blinkte, aktivierten wir den Zusatzakku im Trinkflaschenhalter. Er ist in selbigem leider nicht elektrisch mit dem Hauptakku verbunden, sondern man muss ein Kabel von der Unterseite des Akkus zum Ladekabelanschluss am Unterrohr ziehen.

          Auf den ersten Fahrten hätte mangern mehr Information, gewöhnt sich aber an die neue Bescheidenheit. Mehr Daten liefert die Smartphone-App.
          Auf den ersten Fahrten hätte mangern mehr Information, gewöhnt sich aber an die neue Bescheidenheit. Mehr Daten liefert die Smartphone-App. : Bild: Urwahn

          So dient der Zusatzakku nicht nur dem Motorantrieb, sondern lädt gleichzeitig den Hauptakku. Der Füllstand des Range Extenders ist nicht an der LED-Einheit ablesbar, sondern mit einer weiteren LED an seiner Oberseite. Auch die Reichweite des zweiten Kraftspenders gibt der Hersteller realistisch an. Erst nach 50 weiteren Kilometern war die rote Zone und damit die Endstation erreicht. Das Durchschnittstempo von etwas mehr als 27 km/h für 130 Kilometer hätten wir mit dem Rennrad nicht geschafft, hier liegen wir auf derselben Strecke bei rund 23 bis 25 km/h.

          Insgesamt ein Ausflug, der Spaß gemacht hat. Trotz fehlender Gangschaltung halten wir den Platzhirsch für tourentauglich. Mit Schutzblechen und Gepäckträger, Hexlox-Komponentensicherung und GPS-Tracker kann man den Grundpreis des Platzhirsch von 4700 Euro noch ein wenig in die Höhe schrauben. Die Lieferzeit gibt Urwahn mit zwei bis drei Monaten an. Rund 20 Fachhändler halten das Rad parat.

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