https://www.faz.net/-gy9-xpaf

Energieautarke Gemeinde : Strom aus heimischen Quellen

  • -Aktualisiert am

Energiemix aus Windkraft und Sonnenenergie Bild: Paul-Langrock.de

Dank Einspeisevergütungen wird die lokale Elektrizitäts- und Wärmeversorgung möglich und erstrebenswert. Die Idee der Autarkie und damit der lokalen Energieerzeugung gewinnt zunehmend an Attraktivität. Das zeigt das Beispiel Morbach.

          6 Min.

          Ebbes von hei. Unter diesem Motto veranstaltet Morbach, eine aus 19 Ortsbezirken bestehende und sich über 160 Quadratkilometer ausbreitende Hunsrückgemeinde, alljährlich eine regionale Leistungsschau. Zuletzt präsentierten rund 50 Aussteller unter anderem heimische Wurstspezialitäten, Rapsöl und Viez, wie Apfelwein im moselfränkischen Sprachraum heißt. Mit dieser Demonstration ihres lokalen Leistungsvermögens betont die 11 000-Einwohner-Gemeinde den Stellenwert, den sie dem vor gut zehn Jahren gestarteten Bestreben zuschreibt, immer mehr Güter und Leistungen aus der heimischen Scholle herauszuholen. Morbach will nicht nur den örtlichen Ackerbau fördern, sondern möglichst bald auch die im Ort verbrauchte Energie nicht mehr importieren müssen. Sie soll innerhalb der Gemeindegrenzen erzeugt werden. 2020 will man so weit sein.

          „Energieautark“ heißt das neue Zauberwort, von dem sich in Deutschland immer mehr Ortschaften und auch Städte begeistern lassen. Strom, (Haus-)Wärme, Gas und mitunter auch Treibstoff sollen innerhalb der Ortsgrenzen produziert werden, und zwar genau in der Menge, wie sie verbraucht werden. Ziel ist dabei, sich von den vier „Besatzungsmächten“ (RWE, Eon, Vattenfall, EnBW) zu lösen und den Scheichs nicht länger Geld für Erdöl und den Russen für Erdgas überweisen zu müssen. Als wichtiger Nebeneffekt sollen die Wirtschaftskraft der Region gestärkt und Arbeitsplätze geschaffen werden.

          Dass man mit diesem Trend zur Selbstversorgung an längst überwunden geglaubte Zeiten anknüpft, als arbeitsteiliges Wirtschaften wegen technischer und administrativer Hemmnisse noch nicht möglich war und jeder seine Kartoffeln selbst anbaute und seine Hosen nähte, scheint nicht sonderlich zu stören. Vielmehr ist es nach der halbwegs überstandenen Finanzkrise und einer sich abzeichnenden Klimaerwärmung eine Art Sport geworden, intensiver über autarkes Wirtschaften nachzudenken, was man am wachsenden Angebot an Selbstversorgerkursen ablesen kann, die einem an drei Tagen die Sauerkrautproduktion und den Gemüseanbau auf Kleinflächen (Balkon) nahebringen.

          Auf dem Gelände eines ehemaligen US-Munitionslagers steht die Morbacher Energielandschaft
          Auf dem Gelände eines ehemaligen US-Munitionslagers steht die Morbacher Energielandschaft : Bild: Christoph Adel

          In diesem Jahr mit bis zu 10 000 Megawatt

          Wenn Gemeinden heute den Autarkiegedanken hochhalten, wollen sie ihren Bürgern jedoch nicht das Schnapsbrennen „mit Kleinanlagen“ schmackhaft machen. Ziel ist vielmehr, die mit der Energieerzeugung (gemeint ist meist ausschließlich die Stromproduktion) verbundenen Umweltbeeinträchtigungen (CO2-Ausstoß) zu minimieren. Dazu muss der Ausbau erneuerbarer Energietechniken vorangetrieben werden, was seit 2000 über recht üppige Einspeisevergütungen auf Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) kräftig gefördert wird und die Stromrechnungen der Privatkunden und der Industrie in die Höhe treibt. Vor allem der Boom der Solarwirtschaft, die immer mehr PV-Module auf Dächer und Freiflächen montiert, treibt die Kosten, so dass im kommenden Jahr ein Dreipersonenhaushalt, der rund 3500 Kilowattstunden (kWh) im Jahr verbraucht, eine etwa 60 Euro höhere Stromrechnung bekommen wird. Und ein Ende ist nicht abzusehen, denn man rechnet damit, dass in diesem Jahr mit bis zu 10 000 Megawatt in etwa die Menge an Solarmodulen neu ans Netz geht, die Ende 2009 installiert war.

          Dass Gemeinden am raschen Ausbau erneuerbarer Energietechniken partizipieren können, ohne selbst die durch 20 Jahre garantierte Fördersätze minimalen wirtschaftlichen Risiken schultern zu müssen, zeigt das Morbacher Modell: Als hier 1995 das größte Munitionslager der amerikanischen Streitkräfte geräumt wurde, entschied man sich, nachdem Alternativen wie ein Erlebnispark und eine Go-kart-Bahn verworfen waren, für den Aufbau einer Energielandschaft auf dem von asphaltierten Wegen durchzogenen Gelände. Wind, Sonne und Biomasse werden heute auf nur etwa vier Prozent der 146 Hektar großen ehemaligen Depotfläche genutzt, die noch von einem hohen Zaun umgeben und damit extrem gut gesichert ist. Das Aufbauen und Betreiben der Anlagen hat man dem in Wörrstadt bei Mainz ansässigen, auf erneuerbare Energien spezialisierten Projektentwickler Juwi überlassen. Die Gemeinde erhält Pachterträge von knapp 300 000 Euro im Jahr. Die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze ist überschaubar.

          14 Vestas-Windräder mit jeweils zwei Megawatt drehen sich

          Und so setzt sich der Maschinenpark der Morbacher Energielandschaft zusammen, der mittlerweile 50 Millionen kWh jährlich (reicht für 15 000 Einwohner) erzeugt: 14 Vestas-Windräder mit einer Leistung von jeweils zwei Megawatt drehen sich hier, wobei es sich bei einem der Räder nicht um eine Juwi-Anlage, sondern um ein „Bürgerwindrad“ handelt, an dessen Investitions- und Betriebskosten sich Morbacher Bürger mit mindestens 2500 Euro beteiligen konnten. Eine Rendite von acht Prozent war ihnen zugesagt.

          Recht unspektakulär mutet die 10 000 Quadratmeter große PV-Anlage auf dem Gelände an. Anfangs hatte man die tischplattengroßen Module noch auf Holzgestelle montiert, die weit genug aufragen, um als Unterstände für Schafe zu dienen, die das Gras abweiden sollen. Mit der zweiten Ausbaustufe 2008 hatte Holz als Trägermaterial ausgedient. Stahl und Aluminium sorgen heute für Stabilität, wobei ein Teil der Module als sogenannte Nachläufer konzipiert ist: Sensoren und Stellmotore sorgen dafür, dass die siliziumblauen Tafeln stets optimal zur Sonne ausgerichtet sind.

          Um grundlastfähige Biomasse nutzen zu können, arbeitet in Morbach eine Biogasanlage, die von 19 Landwirten mit Grasschnitt und Mais beliefert wird. Beides wird zu Silage vergoren, bevor das Naturmaterial den in zwei Fermentern hausenden Mikroorganismen zum Fraß vorgeworfen wird. Es entsteht Biogas (Methan), das zwei Großmotore treibt; 3,8 Millionen kWh lassen sich so im Jahr gewinnen. Die Abwärme der Verbrennungsmaschinen geht nicht verloren, Juwi leitet sie in ein eigenes Holzpelletwerk, wo aus den Abfällen lokaler Sägewerke die Kleinstbriketts gepresst werden: 12 000 Tonnen im Jahr.

          Die anfallende Wärme will man für die Pelletproduktion nutzen

          Weitere Investitionen stehen im Morbacher Energiepark an. So wird Juwi auf einem bereits planierten Stück Boden unmittelbar neben dem Pelletwerk eine industrielle Vergärungsanlage errichten, in der Altfette, Küchenabfälle, Trester und sogenanntes Straßenbegleitgrün auch von jenseits der Gemeindegrenzen verarbeitet werden sollen. Die anfallende Wärme will man für die Pelletproduktion nutzen. Der erzeugte Strom wird ins Netz eingespeist, zudem soll der Gärrest zu humusreicher Erde verarbeitet und vermarktet werden.

          Diesen Morbacher Bodenveredler will man unter dem Markennamen Palaterra (Erde aus der Pfalz) verkaufen, seine Zusammensetzung lehnt sich eng an die bei Amazonas-Indianern gefundene und aus Dung, Holzkohle und Kompost bestehende Schwarzerde (Terra Preta) an. Wegen der damit erzielbaren hohen Erträge war dieses Tropensubstrat lange mythisch verklärt. Das Geheimnis scheint nun gelüftet, denn Juwi hat kürzlich gemeinsam mit der Palaterra GmbH & Co. KG am Hengstbacherhof im Donnersbergkreis eine Pilotanlage für die Produktion der schwarzen Pfalzerde eingeweiht. Wie später in großem Stil in Morbach werden dabei die Vergärreste mit „Biokohle“ durchmischt und anschließend zum Reifen auf einer Miete abgelegt. Die benötigte Biokohle erzeugt eine Pyrolyse aus Grünschnitt, der man anschließend Pilzmyzelien und Bakterien zugibt. Und wenn man den Verlautbarungen Glauben schenkt, verspricht das Material nicht nur gute Erträge, sondern liefert auch einen wichtigen Klimaeffekt: Durch veränderte mikrobiologische Abbauprozesse wird weniger Biomasse verbraucht und damit weniger CO2 freigesetzt. Zudem lasse sich mit Hilfe von Palaterra CO2 im Boden dauerhaft binden, und zwar 250 Tonnen je Hektar.

          Das propagierte Selbstversorgerkonzept wird löchrig

          Ob das Pfälzer Wundersubstrat zu dem erhofften Verkaufsschlager wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass damit das von den Morbacher Gemeindevertretern propagierte Selbstversorgerkonzept löchrig wird. Auch ihre momentane (Strom-)Erzeugungsstruktur ist ohne die Anbindung an das regionale Mittelspannungsnetz nicht tragfähig. Denn immer dann, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, werden die Morbacher Bürger weiter mit Elektrizität auf der Grundlage des deutschen Kraftwerkmixes versorgt, so dass die in den Hunsrück geschickten Elektronen vorwiegend aus Kohle-, Gas- und Kernkraftwerken stammen. Das wird sich erst mittelfristig ändern, denn die Bundesregierung propagiert einen Anteil der erneuerbaren Energietechniken an der Stromversorgung von 80 Prozent erst für das Jahr 2050.

          Um das zu erreichen, müssen nicht nur neue, milliardenteure Netzstrukturen und „intelligente“ Verteilsysteme aufgebaut werden. Ganz entscheidend wird die Installation leistungsfähiger Speicher sein, die sich für das Zwischenlagern von Elektrizität eignen. Die wird auch die Gemeinde Morbach errichten müssen, wenn sie es mit der für 2020 angepeilten Selbstversorgung ernst meint. Der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks dürfte allein aus topographischen Gründen scheitern. Mächtige Batterielager sind extrem teuer und nicht ewig haltbar. Und auch das massenhafte Produzieren von Biogas und anschließende Einlagern in Tanks oder Erdspeichern dürfte allein aus Kostengründen ausscheiden, so dass man gespannt sein muss, was sich von dem Ziel einer kompletten Eigenversorgung tatsächlich umsetzen lässt.

          Nur auf die Stromerzeugung zu blicken, das hat man in Morbach erkannt, ist zu kurz gesprungen. Wer tatsächlich energieautark sein will, der muss auch die beiden größeren Brocken „Hauswärme“ und „Treibstoffe“ innerhalb der Gemeindegrenzen schultern. Daher sind in der Hunsrück-Gemeinde die Vorbereitungen für eine Nahwärmeversorgung angelaufen. Für 12 Millionen Euro will man ein Blockheizkraftwerk errichten, das mit Holzhackschnitzeln aus dem Gemeindewald und dem Staatswald bei Morbach sowie mit Rinde aus regionalen Sägewerken befeuert wird. Das wäre zumindest ein Anfang, denn weit auseinanderliegende Ortsteile lassen sich damit nicht versorgen. Und Autos und Ackerschlepper wird man in Morbach noch lange mit Treibstoffen aus Erdöl betanken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

          Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

          Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?