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Elektro-Außenborder : Stromschnelle und Solarzelle

  • -Aktualisiert am

Spritziges Vergnügen: Elektro-Außenborder, die so viel Fahrspaß vermitteln wie der Deep Blue, gab es bisher nicht. Die Palena 6.2 erreicht mir dem neuen Antrieb 40km/h Bild: Hersteller

Neu war das Konzept nicht, aber Torqeedo hat es richtig angepackt. Mit seinen Elektro-Außenbordern stieg das deutsche Unternehmen zum Marktführer auf. Und baut heute den stärksten Motor der Welt.

          5 Min.

          Als es Christoph Ballin vor acht Jahren an den Starnberger See zog und ihm dadurch das Wasser zu Füßen lag, war der Traum vom flotten Motorboot schnell geträumt. Allerdings ist der Einsatz von Verbrennungsmotoren dort verboten. Nur Elektroantriebe sind erlaubt. Im Handel fand der promovierte Betriebswirt nur leistungsschwache Modelle mit Technik, die er für veraltet hielt. Damit war die Marktlücke gefunden. Das Ergebnis ist Torqeedo, inzwischen Weltmarktführer für elektrische Außenborder.

          Eine clevere Idee allein genügt nicht, um erfolgreich zu sein, das hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt. Schon der 1881 von dem französischen Elektroingenieur Gustave Trouvé erfundene Außenborder hatte einen Elektromotor. Doch damals nahm die Sache einen anderen Lauf, der Verbrennungsmotor verdrängte die - zumindest in der Anwendung - saubere Elektrotechnik. Zwar starben Elektro-Außenborder nie aus, aber sie geisterten über ein Jahrhundert nur in leistungsschwachen Versionen mit mäßigem Erfolg durch die Bootswelt. Erst das Ende 2005 gestartete Projekt Torqeedo sorgte für neuen Schwung. Ballin hatte bis dahin sieben Jahre Erfahrung als Berater bei McKinsey gesammelt. Drei Jahre folgten bei Gardena, wo er zuletzt das Marketing verantwortete. Genug Rüstzeug also, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen, das schließlich im November 2012 den stärksten Elektro-Außenborder der Welt hervorbrachte: In seiner Leistungsausbeute entspricht der Torqeedo Deep Blue einem Verbrennungsmotor mit 58,8 kW (80 PS). Mittlerweile kann man ihn kaufen.

          Elektro-Außenborder ab 1500 Euro

          Zunächst wurden für kleinere Bötchen kleinere Brötchen gebacken. Denn obwohl das Konzept Elektro auf dem Wasser nicht neu war, hatte der Hersteller Pionierarbeit zu leisten. Da die Technik durch neue Akkus und Mikroelektronik in den vergangenen Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht hatte, war einiges aufzuarbeiten. Und das Ziel war hoch gesteckt. Von Anfang an sollte das Unternehmen die weltweite Marktführerschaft für elektrische Bootsantriebe anstreben. Um das zu erreichen, setzten die Entwickler auf Lithium-Akkus, Leichtbau und intelligente Mikroelektronik, wie beispielsweise den eigenen Bordcomputer mit integriertem GPS, der den Fahrer auch über die Restenergie informiert. Außerdem sollte der Wirkungsgrad auf bestmögliche Werte gesteigert werden. Dazu mussten höchst effiziente Propeller und Getriebe entwickelt werden. Heute bietet Torqeedo eine Modellpalette mit dem angeblich besten Gesamtwirkungsgrad auf dem Markt. Das führt zu einer exzellenten Leistungsausbeute und Reichweite. Die gesamte Technik ist natürlich abgedichtet. Beim Eintauchen in bis zu einem Meter tiefes Wasser bleibt dem Anbieter zufolge für mindestens 30 Minuten alles trocken.

          Tankstelle an Bord: Elektroantriebe der Einstiegsklasse lassen sich mit einem flexiblen Solarzellenmodul laden. Ausrollen, ausbreiten, abwarten Bilderstrecke

          Das Einstiegsmodell Travel 503 (ab 1499 Euro) erreicht mit einer Eingangsleistung von 500 Watt eine Vortriebsleistung von 220 Watt, was einem Wirkungsgrad von 44 Prozent entspricht, der Schub ist mit dem eines Benzin-Außenborders mit zwei Pferdestärken vergleichbar. Von einer solchen Effizienz träumen die Hersteller von Benzinmotoren nur. Die Akkus sind in die kleineren Antriebe Torqeedos integriert, das vereinfacht das Handling.

          Der gesamte Motor wiegt weniger als 13 Kilogramm. Kaum schwerer ist der doppelt so starke Bruder Travel 1003 (300 Euro Aufpreis). Ein durchaus tragbares Vergnügen also, denn ein Verbrennungsmotor mit vergleichbarer Leistung von 2,9 kW (4 PS) bringt rund 25 Kilogramm auf die Waage, ist in der Anschaffung allerdings etwa 30 Prozent billiger. Als Energielieferant dient ein Solarpanel mit 45 Watt, das den Akku des Travel 503 in acht Stunden lädt. Bei Marschfahrt mit Halbgas reicht die Energie für zwei Stunden. Die Batterie des Travel 1003 muss fünf Stunden länger am Sonnenlader hängen. Dann ist aber auch Strom für mehr als drei Stunden gemütliche Fahrt im Solartank.

          Deep Blue vermittelt leistungsstarken Fahrspaß

          Die Travel-Serie ist Torqeedos Bestseller. Je nach Leistung sind die Antriebe an allen Motor- oder Segelbooten bis 1,5 Tonnen einsetzbar. Doch die Modellpalette ist wesentlich größer. Für Kanufahrer, denen das Paddeln zu anstrengend wird, gibt es für 1599 Euro den Ultralight 403. Bei 6 km/h reicht der Strom für rund vier Stunden. Kunden mit höheren Ansprüchen werden ebenfalls fündig, das war ja eigentlich der Hintergrund der Unternehmensgründung. Die Cruiser-Serie (ab 2899 Euro) geht mit 2000 bis 4000 Watt Eingangsleistung an den Start, was Benzinmotoren mit 6 PS (4,4 kW) bis 9,9 PS (7,3 kW) entspricht. Das stärkste Cruiser-Modell soll mit bis zu vier Tonnen schweren Motor- oder Segelyachten zurechtkommen. Zur Energieversorgung dienen Lithium-Akkus vom Typ Power 26-104 mit 2685 Wattstunden und einem Batterie-Management-System mit redundanten Sicherheitsfunktionen. Dafür ist indes nochmal fast die gleiche Summe aufzubringen. Das Laden mit Solarzellen ist hier in der Praxis kaum möglich, am Stromnetz dauert es elf Stunden.

          Zur Saison 2013 präsentierte das innovative Unternehmen den kräftigsten Elektro-Außenborder überhaupt. Der Deep Blue bringt mit einer Eingangsleistung von 75 PS (55 kW) durch seinen exzellenten Wirkungsgrad von 54 Prozent eine Vortriebsleistung von 40,5 PS (29,7 kW) ins Wasser. Damit macht er einem Benzinmotor mit 80 PS (58,8 kW) Konkurrenz. Die effiziente Nutzung der Energie ist auch einem speziellen Propeller zu verdanken. An der Nabe herkömmlicher Schiffsschrauben bilden sich durch die Drehbewegung störende Wirbel, die Leistungseinbußen verursachen. Der Hydrodynamik-Spezialist Reinhard Schulze von der SVA Schiffsbau-Versuchsanstalt Potsdam entwickelte ein schon 2002 patentiertes Verfahren, das bei Großschiffen und U-Booten, aber auch bei den Propellern des Deep Blue zum Einsatz kommt: Kleine Propellerblätter am Ende der Nabe verhindern das Entstehen von Verwirbelungen.

          Mehr Reichweite durch zusätzliche Akkus

          Ganz so lautlos, wie sich mancher das erträumen mag, ist das Vergnügen allerdings nicht, wie man an Bord eines Boots wie der Palena 6,2 - eine nur 380 Kilogramm wiegende Schönheit aus Edelholz von 6,20 Meter Länge - feststellt. Auch ein Elektroantrieb, insbesondere das Getriebe, verursacht Geräusche. Allerdings überwiegen die Windgeräusche deutlich, und der Elektromotor ist insgesamt leiser als ein vergleichbarer Benzinkollege. Mit nur 125 zu rund 160 Kilogramm gewinnt der Deep Blue den Gewichtsvergleich. Allerdings fehlt bei der Gegenüberstellung noch der Treibstoff. Mit zwei Fahrakkus bringt ein Gesamtsystem rund 463 Kilogramm auf die Waage. Um das zu toppen, müsste ein Vergleichsboot mit Benzinmotor schon sehr überdurchschnittliche Mengen an Treibstoff mitführen.

          Unter Volllast, wobei das Testboot bei 6200 Umdrehungen immerhin 40 km/h erreicht, ist der gespeicherte Strom der beiden Batterien in rund 30 Minuten verbraucht. Bei einer Marschfahrt von 20 km/h sind schon 82 Minuten drin. Wer sich mit 9 km/h begnügt, hat Strom für mehr als acht Betriebsstunden dabei. Steigern lässt sich die Reichweite mit zusätzlichen Akkus. Die wurden nach Vorgaben von Torqeedo bei Johnson Controls, Zulieferer für Hybrid-Autos, entwickelt. Der Hersteller vertraut seiner Technik und gibt immerhin neun Jahre Gewährleistung auf 80 Prozent der ursprünglichen Kapazität.

          Torqeedo ist weiter auf Expansionskurs

          Investitionssicherheit ist auch nötig, denn für den Deep Blue verlangt der Händler 17.990, in der Mindestausstattung mit zwei 29.800 Euro kostenden Fahrakkus 47.790 Euro. Torqeedo errechnet 4642 Euro Betriebskosten im Jahr bei 150 Betriebsstunden. Die Summe beinhaltet die Finanzierung von zwei Fahrakkus mit einem Zinssatz von fünf Prozent über den Gewährleistungszeitraum sowie die Stromkosten von jährlich 150 Ladungen mit 80 Prozent der Kapazität. Das liegt deutlich über den Treibstoffkosten eines Benzin-Außenborders. Aber den darf oder will man eben nicht überall einsetzen.

          Torqeedo ist weiter auf Expansionskurs, wie Ballin hervorhebt. Seit der Gründung wurden mehr als 35.000 Antriebe verkauft. Um weiter wachsen zu können, wurde der Firmensitz von Starnberg in ein wesentlich größeres Gebäude nach Gilching verlegt. Hier wird nicht nur entwickelt, sondern auch produziert. Alle Motoren sind also „made in Germany“. Auf dem deutschen Markt laufen die Geschäfte bestens, wie es heißt. Chancen wittert man in China und Brasilien. Beim Ausbau der Produktpalette liegt der Schwerpunkt momentan auf den höheren Leistungsklassen. Durch weiteres Wachstum und neue Produkte soll das Unternehmen bis 2015 profitabel werden.

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