https://www.faz.net/-gy9-a6pb9

Einsatz mit der Seilwinde : Übung macht den Bergretter

  • -Aktualisiert am

Stahlseilakt: Der Operator an der Winde ist das Bindeglied zwischen Luftfahrt und Medizin. Bild: Uwe Stohrer

In gebirgiges Gelände kommt ein Notarzt nicht mit dem Auto. Kann selbst ein Hubschrauber dort nicht landen, gelangt der Retter mit der Seilwinde zum Unfallopfer.

          5 Min.

          Es wird laut. Und stürmisch. Über einer Lichtung mitten im Hochschwarzwald taucht ein mächtiger Hubschrauber auf. Dessen Schiebetüre steht offen. Ein Crewmitglied ist an einer Seilwinde eingeklinkt, ein weiteres steht gesichert am Rand der Kabine mit Blick nach unten neben ihm. Jetzt wird der Retter an einem hochfesten Stahlseil 60 Meter tief zwischen Bäumen an den Boden gelassen. Dort nehmen ihn zwei Helfer inmitten des heftigen Rotorabwinds in Empfang. Sie klinken ihn wieder vom Seil aus. Diese Übung hat perfekt geklappt.

          Der eingesetzte H145 von Airbus Helicopters ist ein Multitalent: Bis zu 260km/h schnell, etwa 700 Kilometer weit kann er fliegen. Was in gebirgigen Regionen von Baden-Württemberg aber besonders wichtig ist: Dieser Heli ist auch als Bergretter einsetzbar. Denn der seit Dezember 2019 in Freiburg stationierte neue H145 der DRF Luftrettung hat als einer von nur wenigen Hubschraubern eine fest installierte Rettungswinde. So kann seine Crew auch in gebirgigem oder unwegsamem Gelände helfen. Mit der Winde werden etwa der Notarzt oder ein Mitglied der Bergwacht abgeseilt. In umgekehrter Richtung kann damit auch ein Patient oder Unfallopfer in unlandbarem Gelände aufgenommen werden.

          Das sind höchst anspruchsvolle Manöver; Pilot, Winden-Operator und Arzt oder Bergwachtretter an Bord müssen bestens aufeinander eingespielt sein. Deshalb wird das Abseilen und Einholen per Winde regelmäßig an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Zusammensetzungen geübt.

          Feld, Wald und Wiese ...
          Feld, Wald und Wiese ... : Bild: Uwe Stohrer

          Eines dieser Windentrainings, das alle sechs Monate absolviert wird, fand kürzlich von der DRF Luftrettung zusammen mit der Bergwacht Schwarzwald in St. Peter nahe Freiburg statt. Daran beteiligt sind Piloten, Winden-Operator sowie Notärzte der DRF-Station Freiburg. Dazu kommen Rettungsspezialisten von der Bergwacht Schwarzwald und der Bergwacht Württemberg, die eine spezielle Ausbildung für Einsätze mit Hubschraubern absolviert haben. Im Rahmen der Übung werden die Arbeitsabläufe und Verfahren an der Seilwinde ebenso trainiert wie die Zusammenarbeit im Team. Die oben an der H145-Kabine angebrachte Winde kann ein bis zu 90 Meter langes Stahlseil herablassen. Sie trägt bis zu 249 Kilo. Zwei Personen kann sie also problemlos nach oben oder unten hieven.

          Angenommene Szenarien dieser Übung sind verletzte Kletterer oder Wanderer in unwegsamem Gelände, Waldarbeiterunfälle oder die Bergung von Menschen aus steilem, sumpfigem Gelände. Die Winde kommt aber auch manchmal mitten in der Zivilisation zum Einsatz. Bei Notfällen oder Bergungen auf Hochhausdächern, Schornsteinen, Sendemasten und Kränen.

          Der Winden-Operator ist das Bindeglied zwischen Luftfahrt und Medizin. Er ist immer ausgebildeter Notfallsanitäter mit einer Zusatzqualifikation für Hubschraubereinsätze. Und erst wenn dieser einige Jahre Erfahrung hat, kann er nach einem vorherigen Eignungstest eine rund 50000 Euro teure Ausbildung zum Winden-Operator im Hubschrauber durchlaufen. Dabei übernimmt er nicht nur die Bedienung der Winde, sondern ist teilweise auch für den Funkverkehr verantwortlich. Der Windenführer spricht sich über Funk mit seiner Einsatzleitung am Boden, aber auch mit möglichen Kliniken ab, die für den Patienten in Frage kommen. Er entlastet damit den Piloten. Dieser übernimmt die Kommunikation mit den Flugplätzen, die er anfliegt, oder auch Fluglotsen, falls er durch kontrollierte Lufträume fliegt. Der Notarzt kümmert sich unterdessen um die medizinische Versorgung des Patienten an Bord.

          ... im echten Einsatz seilt sich das Rettungsteam auch noch in die Berge ab.
          ... im echten Einsatz seilt sich das Rettungsteam auch noch in die Berge ab. : Bild: Uwe Stohrer

          Gleichzeitig ist der Winden-Operator indirekt an der Steuerung des Helikopters beteiligt. Der abzuseilende Notarzt oder Bergwachtretter ist unter dem Heli außerhalb des Sichtfelds des Piloten. Der Winden-Operator steht angegurtet an der offenen Kabinentür im Hubschrauber und dirigiert den Piloten mit Angaben so exakt, dass der Retter genau dort am Boden ankommt, wo er hinsoll. „Drei Meter nach vorn, einen Meter nach rechts“, lauten etwa die Anweisungen. Der Pilot setzt diese Angaben in Steuerbefehle um. Dabei ist Präzisionsarbeit von allen im Team gefragt. Zudem gilt es, den Helikopter trotz eventueller Böen ruhig über diesem definierten Punkt in der Luft zu halten. Eine freie Fläche von lediglich drei mal drei Metern zwischen den Bäumen reicht aus, um Notarzt oder Bergretter am Boden abzusetzen. Währenddessen schwebt der Helikopter bis zu 90 Meter über ihm.

          Weitere Themen

          Der Polestar 2 Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : Der Polestar 2

          Der Polestar 2 wird gern als Tesla- Jäger bezeichnet. Ob sich der Kauf aber wirklich lohnt erfahren Sie in unserem F.A.Z.-Fahrbericht.

          Camping Light

          Crosscamp von Hymer : Camping Light

          Nach jahrelanger Abstinenz vom Markt der Freizeitfahrzeuge kommt jetzt wieder ein Opel zum Einsatz. Das Camping-Mobil Crosscamp bleibt deutlich unter dem Preisniveau eines VW California.

          Topmeldungen

          Abgang aus der Politik : Merkels Plan für Merkel

          Die Kanzlerin nennt es faszinierend, Politik nicht planen zu können und morgens nicht zu wissen, wie der Abend aussieht. Nur für ihren eigenen Weg hat das nie gegolten. Warum ihr geplanter Abgang funktionieren könnte.

          F.A.S.-Umfrage : Geht auch der Staat ins Homeoffice?

          Die Unternehmen sollen ihre Mitarbeiter nach Hause schicken – und was macht die öffentliche Verwaltung? Wir haben nachgefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.