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Brief an Rewe : Die ach so ökologische Papiertüte

Du, liebe Rewe-Tüte, schneidest immerhin mit Blick auf den Treibhauseffekt (also das Klimaproblem) und die Überdüngung gut ab. Auf die Versauerung und den Ozonschichtabbau allerdings hast Du eine starke Wirkung – und auf die Humantoxizität, also die Schädlichkeit für den menschlichen Körper. Fasst man alle Faktoren zusammen, schneidet die Tüte aus 80 Prozent Recycling-Granulat am besten ab. Um auf denselben Umwelteffekt zu kommen, müsste man eine Tüte aus Neugranulat, wie ich sie so vermisse, 4,2 mal verwenden, Dich 7,4 mal und die Baumwolltasche, eine Folge des alten Leitspruchs „Jute statt Plastik“, 82,4 mal.

Nun ging es den Rewe-Managern, die so stolz auf ihre Vorreiterrolle sind, aber nicht so sehr um eine umfassende Ökobilanz, sondern um die Tiere im Meer, die Plastik verspeisen. Dass in Deutschland immer wieder Tüten an Flussufern landen, geben sogar Tütenhersteller zu. Bei 6,1 Milliarden Plastiktüten, die in Deutschland jährlich verkauft werden, ist die Chance recht hoch. Aber, liebe Rewe-Tüte, das ist doch nicht meine Plastiktüte. Die wird doch sofort nach dem Gebrauch als Mülltüte umfunktioniert und wird thermisch verwertet. So machen es viele Haushalte. 80 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen der Welt fallen in fünf Ländern an, hat der Lobbyverband Plasticeurope erhoben: China, Indien, Indonesien, Malaysia und Vietnam. Sollen wir auch Messer verbieten, wenn sie irgendwo auf der Welt zweckentfremdet werden? Zum Verbrennen in der Müllverbrennungsanlage sagt der Schweizer Materialforscher Hischier: „Die Entsorgung ist unbedeutend, es fällt sehr wenig CO2 an. Das Hauptthema ist die Herstellung.“

Liebe Rewe-Tüte, auch deshalb schreibe ich Dir: Ich finde, Du bist ein tolles Beispiel, wie wir in Deutschland über Umwelt und Technik diskutieren: pauschal, hysterisch und irrational. Der gerade so im Fokus stehende Diesel könnte das nächste Opfer dieser Haltung sein. Diese Art des Diskurses ist auch der Grund dafür, warum wir uns für die größten Umweltschützer der Welt halten, in relevanten internationalen Vergleichen aber nur im Mittelfeld landen. Wir lassen uns vom Greenwashing Deiner Rewe-Manager beeindrucken, sammeln bei Regen die Straße von zerplatzten Joghurtbechern frei, statt auf intelligente Vermeidungsstrategien zu setzen.

In der Schweiz übrigens wurde Roland Hischiers Forschungslabor konsultiert, als es um Plastikmüll ging. Man fand

ein marktwirtschaftliches Bezahlungssystem, ein halbes Jahr später war der Verbrauch um 80 Prozent gefallen. Aber wer mit dem Fahrrad spontan 7 Kilogramm Einkäufe transportieren muss und Dir, liebe Rewe-Tüte, nicht mehr vertraut, hat dann immer noch die Chance, das zu kaufen, was aus technischen Gründen am besten zu ihm passt. Ach ja, eine Frage habe ich Hischier noch gestellt: Warum das in der Schweiz so anders laufe? „Aus meiner Wahrnehmung spielen deutsche Nichtregierungsorganisationen eine große Rolle“, sagt er. Wie wichtig eigentlich ist denen ein Skalp, etwas Vorzeigbares, um die eigene Bedeutung herauszustellen?

Bitte, liebe Rewe-Tüte, nimm mir meine deutlichen Worte nicht krumm. An Sonnentagen und bei Kleinsteinkäufen setze ich vielleicht trotzdem auf Dich.

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