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Drehmomentschlüssel : Moment mal

Dieses Werkzeug lässt sich einfach mit Daumendruck einstellen. Bild: Hersteller

Schrauben müssen richtig angezogen sein, nicht zu fest und nicht zu leicht. Präzise geht das nur mit einem Schlüssel, der das Drehmoment anzeigt.

          5 Min.

          Zweimal im Jahr bietet sich dem Beobachter ein wundersames Schauspiel: Um Ostern und dann wieder im Oktober werden die Reifen gewechselt, die Autos damit der Jahreszeit angepasst. Für die Kunden bedeutet das Wartezeiten, und in den Werkstätten herrscht rege Betriebsamkeit. Also fix auf die Bühne, die Muttern mit dem Druckluftschrauber runtergeratscht. Und wenn alles montiert ist, wird am Boden noch einmal mit dem Drehmomentschlüssel nachgezogen, bis es knackt. Das geht ratzfatz, der Autor dieser Zeilen kann sich aber trotz zahlloser Gelegenheiten an eines nicht erinnern: dass jemals ein Monteur die Einstellung seines Werkzeugs den Anforderungen der Hersteller angepasst hätte.

          Lukas Weber
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das ist schlecht, denn die fixierten sagen wir mal 130 Newtonmeter (entsprechend knapp 13,26 Kilopondmeter) taugen als Universal-Anzugsmoment nicht, weil Autohersteller manchmal 90 oder auch 170 Nm vorschreiben. Wenn es zu wenig ist, können sich die Räder mit der Zeit lockern, es ist ohnehin nicht verkehrt, alsbald nachzuziehen. In den meisten Fällen sind die Muttern oder Schrauben jedoch zu fest angeknallt. Das gilt besonders, wenn sich kräftige Heimwerker nach Gefühl und unter Verzicht auf das rechte Werkzeug an die Arbeit gemacht haben. In der Folge verzieht sich die Felge, oder die Schrauben werden überdehnt, was von außen nicht sichtbar ist. Sie verformen sich dann dauerhaft, statt elastisch unter Spannung zu stehen. Zu viel des Guten kann sogar dem Profi mit einem der üblichen Drehmomentschlüssel passieren – wenn er mit Schmackes über den Knack hinaus anzieht.

          Wie wird es mit solch einem Werkzeug richtig gemacht? Man zieht langsam und konstant, bis es einmal knackt, und stoppt dann sofort. Das lässt sich üben. Zum Beispiel mit einer Versuchsanordnung, die wir beim Hersteller Stahlwille in Wuppertal ausprobiert haben. Der ist für hochwertige Werkzeuge bekannt, hat aber vor allem in der Drehmomenttechnik einige Innovationen auf den Markt gebracht, die ihm eine Alleinstellung sichern. Dass im schwungvollen Betrieb trotz des Auslösens der richtige Wert rasch erheblich überschritten ist, bestätigt das kompakte Messgerät aus dem Produktprogramm; es wird den Kunden zur regelmäßigen Überprüfung ihrer Werkzeuge angeboten, denn Drehmomentschlüssel sollen nach DIN EN 6789 einmal im Jahr (oder nach 5000 Lastwechseln) kalibriert werden.

          Doch auch das präziseste Gerät hilft nichts, wenn die Schraubverbindung falsch vorbereitet ist. Zum Beispiel werden gebrauchte Teile vor der Montage gern gefettet, weil das späteres Lösen erleichtern soll. Wie der nächste Versuchsaufbau zeigt, ist das vielleicht keine gute Idee. Im Vergleich zur Montage mit einer neuen trockenen Schraube/Mutter-Kombination erzeugt das Fett eine zu geringe Reibung, das Werkstück wird dann trotz des richtigen Moments viel zu fest gepresst. Rost an Schraube oder Mutter ist fast noch schlechter, der Schlüssel löst aus, ohne dass ein nennenswerter Druck auf die Verbindungsteile ausgeübt würde. Daraus folgt, dass in solchen Fällen alle Elemente gereinigt und trocken verschraubt werden sollten, es sei denn, der Hersteller schreibt etwas anderes vor.

          Zunehmend Aluminium und Kunststoffe

          Weil Stahl einige Misshandlung übersteht, geht die Freihand-Methode oft gut, aber eine Zündkerze im Leichtmetallkopf ist schnell überdreht. Denn wie viel Drehmoment erforderlich ist, hängt von Form und Größe der Verbindung und vom Material ab, selbst handelsübliche Schrauben gleicher Maße haben je nach Festigkeit unterschiedliche Werte. Im modernen Leichtbau werden zunehmend Aluminium und Kunststoffe verwendet, die empfindlich auf zu starken Anzug reagieren. Für die Montage sicherheitsrelevanter Teile, etwa an Flugzeugen, Stahlträgerkonstruktionen oder in Kraftwerken, ist deshalb der Einsatz von Drehmomenttechnik vorgeschrieben.

          Für solch sensible Werkstücke taugen simple Geräte nicht. Vor Jahrzehnten fristete solch ein Ding in der Werkstatt des Autors sein Dasein. Es ist inzwischen verschollen, was nicht weiter schlimm ist, denn präzise war es wohl nie. Schlüssel dieser Art bestehen aus einem Hebelarm aus Federstahl mit Vierkant zur Aufnahme von Stecknüssen, kurz vor dem Griff ist eine Skala angebracht. Ein am Kopf befestigter starrer Stab parallel zum Hebel zeigt an, wie viel sich jener im Einsatz verbiegt. Mit der Zeit wird durch Materialermüdung die Missweisung größer. Das kann auch für die weit verbreiteten Drehmomentschlüssel mit Knarre im Kopf gelten, die das Erreichen des eingestellten Drehmoments mit einem Knacken und einem kurzen Durchrutschen anzeigen. Hier wird der angepeilte Wert durch Drehen einer Schraube oder des ganzen Griffs eingestellt, dadurch ändert sich die Vorspannung einer Spiralfeder, die den Auslösemechanismus unter Druck setzt.

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