https://www.faz.net/-gy9-9seeo

Kathedrale der Wellen : Das filigrane Dach

  • -Aktualisiert am

Der Bau fasziniert mit einer dramatischen Konstruktionsgeschichte der Pannen und Probleme. Bild: Küffner

Die Kathedrale der Wellen auf dem Felsberg hat eine abenteuerliche Geschichte und eine avantgardistische Architektur. Jetzt wird ein tragfähiges Nutzungskonzept gesucht.

          4 Min.

          Der Bau hat Potential. Das muss man nicht erklärt bekommen. Das sieht, wer sich dem flügelschlagenden Riesenvogel aus Beton mit seiner bis auf den Boden herabreichenden Fensterfront nähert. Gern wird das Gebäude in Felsberg bei Überherrn, unweit der französischen Grenze, auch als gläserne Jakobsmuschel bezeichnet. Eine extravagante Großhalle, die einiges zu bieten hat. Gleich aus drei Gründen ist sie spannend: Sie fasziniert durch eine extrem dramatische Konstruktionsgeschichte, die nachzuerzählen nicht nur angehende Bauingenieure interessieren dürfte. Sie kann zudem mit einem in dieser Form einmaligen Innenleben aufwarten. Und ganz aktuell bringt sie sich mit der Frage ins Spiel, ob es ihrem Eigentümer, der Gemeinde Überherrn, die Bau und Gelände 2016 für schlappe 120 000 Euro erworben hat, gelingt, der Halle neues Leben einzuhauchen – und für das Gesamtensemble ein stimmiges Nutzungskonzept zu finden.

          Daran wird momentan gearbeitet. Pläne werden erstellt und Geldgeber gesucht. Etwa für eine innovative Pyrolyseanlage, die aus Holzhackschnitzeln und anderer Biomasse einen Bodenveredler für die Landwirtschaft und natürlich elektrischen Strom erzeugt. Dabei frei werdendes Kohlendioxid soll an Algen verfüttert werden, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Doch auch Bodenständiges steht auf der Agenda. So setzt man etwa auf die Publikumswirkung von Sauerkraut-, Mirabellen- und Grünkohlfesten. Wobei ganz vorn auf der Prioritätenliste die Suche nach einer öffentlichen Nutzung für die Halle steht. Ein Kulturzentrum könnte entstehen, das junge Europäer zusammenführt und ihnen, im großen Spannungsbogen, den Übergang von analoger (Sende-)Technik in die Welt der digitalen Kommunikation weist.

          Analoge Sendetechnik gibt es hier reichlich. Beherbergt die Betonmuschel doch den wohl leistungsstärksten Langwellensender auf deutschem Boden. Von 1955 bis 2015 versorgte „Europe 1“ seine französischen Hörer mit einem werbefinanzierten Programm, das aufgrund der nach Westen ausgerichteten Antennen trotz einer Sendeleistung von 2,4 Megawatt nur schlecht oder gar nicht in den Ländern der Bundesrepublik gehört werden konnte. Bei guten Wetterbedingungen erreichte es jedoch Nordafrika.

          Blicks ins Innere der ehemaligen Sendeanlage Bilderstrecke

          Die in containergroßen Stahlboxen vor sich hin schlummernde und leicht angestaubte Technik stammt aus den Jahren 1964 und 1975. Dazu gehören sowohl Kuppeleinheiten zum Zusammenfassen der Einzelleistungen der Sender als auch Lastverteileinheiten zum Ansteuern der Sendemasten. Auch stehen hier drei modernere Sendeanlagen aus den 1990er Jahren, die mit leistungsstarken Keramikröhren bestückt sind und während des Sendebetriebs jede Menge Abwärme produzierten. Diese wurde zum Teil zum Heizen der Halle genutzt. Zudem half sie im Winter, Schnee vom Hallendach zu vertreiben. Was an Wärme übrig war, wurde in einem vor der Halle liegenden Kühlteich verbraten.

          Zurück zur Geschichte. Dass dieser Sender als quasi staatlich toleriertes Privatradio entstand, wäre ohne die komplexe französisch-saarländische Gemengelage Anfang der 1950er Jahre nicht denkbar gewesen. Das damals autonome Saarland stellte den Baugrund für den Sender zur Verfügung und bekam dafür von den Investoren, die streng dem Vorbild der kommerziell erfolgreichen Privatradios Radio Monte Carlo und Radio Luxemburg folgten und geschickt das staatliche französische Rundfunkmonopol umgingen, ein Extra in Aussicht gestellt. So war die Ausstrahlung eines Fernsehprogramms Teil des Projekts, das aber nie richtig in die Gänge kam. Für nur wenige Tage wurde von hier 1958 ein Programm ausgestrahlt. Der inzwischen die bundesdeutsche Rundfunkhoheit wahrende Bundespostminister sperrte die Anlage. Techniker kappten die zum mit knapp 50 Meter mäßig hohen Fernsehturm führenden Kabel. Was blieb, war das Privatradio Europe 1.

          Weitere Themen

          So werden Sie sanft geweckt

          Lichtwecker im Test : So werden Sie sanft geweckt

          Geweckt werden wollen die wenigsten – es sei denn auf die sanfte Tour. Zarter als mit einem Lichtwecker geht es kaum. Und dieser sammelt in der Nacht noch Informationen.

          Topmeldungen

          Impeachment-Anhörungen : Trumps Schattendiplomat

          Gordon Sondland muss sich auf ein regelrechtes Verhör gefasst machen. Von dem amerikanischen Botschafter bei der EU erhoffen sich die Demokraten Aussagen, mit denen sie Donald Trump der Erpressung und Bestechung überführen können.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.
          Gründer und Geschäftsführer von der Fitnessmarke Peloton vor dem New York Firmensitz: John Foley

          Peloton-Chef John Foley : Der hartnäckige Fitnessfanatiker

          John Foley hat in Amerika die Fitness-Räder seiner Marke Peloton zum Kult gemacht. Dabei gab es wie beim kürzlichen Börsengang noch anfängliche Probleme. Jetzt nimmt sich das Apple der Fitnesswelt den deutschen Markt vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.