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Kathedrale der Wellen : Das filigrane Dach

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Tief in die Trickkiste ihrer Zunft gegriffen

Dabei wirkt die gedachte Doppelfunktion von Radio und Fernsehen bis heute nach. Wie ein Sakralbau steht die Halle mit dem leicht seitlich versetzten Dreibein-Turm in der Landschaft. War es doch erklärtes Ziel der Investoren, ein avantgardistisches Sendezentrum zu bauen, mit einer „sprechenden Architektur“, was den mit der Umsetzung beauftragten französischen Architekten Jean-François Guédy und seinen Partner, den Ingenieur Bernard Lafaille, ermutigte, tief in die Trickkiste ihrer Zunft zu greifen. Als eine der Ersten ihrer Zeit planten sie eine mit 82,5 mal 43,5 Meter sehr große, freitragende Halle aus Beton, für die es kaum Vorbilder gab. Lediglich auf die Erfahrungen mit zwei kurz zuvor fertiggestellten Hallen konnten sie sich stützen: die 1953 gebaute Sportarena von Raleigh in North Carolina und die im August desselben Jahres eröffnete Schwarzwaldhalle in Karlsruhe, die von dem Münchner Bauingenieur Ulrich Finsterwalder und dem Karlsruher Architekten Erich Schelling realisiert wurde.

Anders als diese beiden Hallen setzte Guédy auf eine Bauform mit lediglich einer Symmetrieachse und auf eine aus schlaff bewehrtem Stahl geknüpfte, in einen umlaufenden Stahlbeton-Ringanker eingehängte Hängematte als Einlage für die dünn aufgetragene, lediglich vier bis acht Zentimeter dicke Betondecke, die während der Bauphase von einem hallenweiten Lehrgerüst in Form gehalten wird.

Jedoch nicht wie gedacht und kalkuliert

So weit der Plan. Denn als sich herausstellte, dass man zu schnell und ungenau gerechnet hatte, die zu erwartende Durchsenkung der Dachschalung viel zu groß ausfallen dürfte, wurde rasch der vorgesehene Schlaffstahl durch hochfesten Spannstahl ersetzt. Im Juni 1954 wurde betoniert und am 7. September mit dem Anspannen der Spannglieder begonnen, wodurch sich die Schale (wie geplant) aus der Rüstung hob. Jedoch nicht wie gedacht und kalkuliert. Dennoch spannte man weiter an. Bis zum 9. September, als die Schale plötzlich zerriss. Heftige Erschütterungen erfassten den gesamten Bau. Ringanker und Stützen blieben unversehrt. Alle Baumaßnahmen an der Schale wurden gestoppt, Guédy am 10. September von seinen Aufgaben entbunden. Wenig später beging er Suizid, nachdem er sich schweren Vorwürfen ausgesetzt sah.

Quasi übergangslos wurde der renommierte, als „Vater des Spannbetons“ geltende und mit dem Bau zahlreicher Brücken und Kuppelhallen bekannt gewordene Eugène Freyssinet mit der Überarbeitung des Konzepts der Sendehalle beauftragt. Wie nicht anders zu erwarten, realisierte der aus dem Ruhestand zurückgerufene Ingenieur das Hallendach mit einer konsequent vorgespannten Hängeschale. Freyssinet kräftigte das Hallendach durch sechs zusätzliche Zugbänder, die vom Zentrum der Muschel ausgehend bis zum Hallenrand verlaufen. Auch alle lastabtragenden Bauteile und der im Frontbereich dominant wirkenden X-Block in der Fassade wurden verstärkt.

Doch nichts ist von Dauer: Nach dem Teileinsturz der Berliner Kongresshalle, der „Schwangeren Auster“, im Mai 1980 war man sensibilisiert und hat die Europe-1-Sendehalle auf ihre Standsicherheit hin untersucht. Ein umfangreiches und damit teures Instandhaltungskonzept wurde erarbeitet und umgesetzt. Die auf der Unterseite der Schale eingebauten Heraklithplatten (Holzwollebeton) und die gesamte Spannbewehrung kamen raus. Die neue Wärmedämmung kam aufs Dach, und auf der Unterseite der Schale hat man offen liegende (externe) Längsspannglieder eingebaut. Doch damit nicht genug. Da man den Freyssinetschen Zugbändern nicht länger traute, wurden auch sie erneuert.

Eine diffizile Aufgabe. Denn dazu mussten parallel erst die neuen eingebaut und langsam gespannt werden. Erst danach konnten den alten ausgebaut werden. Es gibt kein Vertun. Die Sendehalle bei Felsberg ist ein herausragendes technisches Denkmal. Die Halle mit dem an den Enden des Ovals hochgeschwungenen Dach macht den Bau ungewöhnlich. Spannend bleibt, ob ein tragfähiges Nutzungskonzept gefunden wird.

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