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Deutscher Mobilitätspreis : Geistesblitze gegen Stau und Schmutz

Solarauto: Diese Wagen sind mit jeweils 330 Solarzellen bestückt. Bild: Hersteller

Der Deutsche Mobilitätspreis würdigt Innovationen, die den Verkehr der Zukunft beflügeln können. Ein Beispiel sind Busse, die auf Elektroantrieb umgerüstet werden können.

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          Manchmal kann man notorische Kritikusse zum Schweigen bringen, indem man sie mit Tatsachen konfrontiert. Von wegen, dem Volk der Dichter und Denker fällt nichts Neues mehr ein, wenn es um den Verkehr von morgen geht – dass dem ganz und gar nicht so ist, zeigen die Anmeldungen zum Deutschen Mobilitätspreis. Das Projektziel ist einfach umschrieben, wobei in diesem Jahr das Thema Nachhaltigkeit im Vordergrund steht: Mit dem seit 2016 ausgeschriebenen Preis sollen Leuchtturmprojekte für intelligente Mobilität öffentlich sichtbar gemacht werden, meinen die Projektträger, also die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“, das Bundesverkehrsministerium sowie die in der Plattform „Digitale Netze und Mobilität“ vereinten Verkehrsunternehmen. In der ersten nun abgeschlossenen Phase werden zehn besonders gelungene Projekte ausgewählt, in der zweiten sollen neue Ideen gesammelt werden.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Preisträger aus Teil eins hat jetzt eine Jury mit Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik ermittelt. Einige der Projekte sind technische Neuentwicklungen, andere zeigen, wie mit digitaler Vernetzung und Steuerung Abläufe effizienter gestaltet werden können.

          Zur ersten Gruppe gehört das Solarauto Sion der Sono Motors GmbH aus München. Das kleine und nur 1400 Kilo schwere Fahrzeug ist auf den ersten Blick ein ganz normales Elektroauto mit 80 kW Leistung und 35 kWh Energiegehalt in den Lithium-Batterien. Auf den zweiten fallen 330 Solarzellen ins Auge, die sich auf der Kunststoffkarosserie über 7,5 Quadratmeter breitmachen. Sie sollen bei gutem Wetter bis zu 1,2 kW bringen. An einem sonnigen Tag können 30 Kilometer Reichweite aus der Sonne geerntet werden, meint der Hersteller. Wer mehr fährt, muss konventionell Strom tanken. Sono dient außerdem als Haushaltssteckdose mit 230 Volt und als Ladestation für andere Elektroautos. Für den genannten Preis von 16 000 Euro plus 4000 für die Akkus wäre Sion, so er denn im nächsten Jahr kommt, ein echtes Schnäppchen.

          Wegweiser: Die Leuchtdioden zeigen an, wo im Zug noch Plätze frei sind. Bilderstrecke

          Mit Blick auf die Nachhaltigkeit sollten auch Verbesserungen im öffentlichen Personennahverkehr möglich sein. Und tatsächlich demonstriert Stuttgart seit Anfang März eine einzigartige Methode, wie der Fahrgastandrang und die freien Plätze der S-Bahnen besser zusammenkommen können. Auf der Basis der aktuellen Zugauslastung – dafür werden verpixelte Bilder ausgewertet – sowie der Daten über die Züge zeigen Leuchtdioden an der Bahnsteigkante an, wo man sich am besten anstellen sollte. Die Bahn erhofft sich dadurch kürzere Wartezeiten.

          Wer nicht mit der Bahn fährt, nimmt vielleicht den Bus. Jener hat in der Regel einen Dieselmotor, mit dem er zur Luftbelastung in den Städten beiträgt. Ein neuer und, weil elektrisch betrieben, lokal sauberer Bus kostet zwischen 600 000 und 800 000 Euro, rechnet die In-Tech GmbH aus München vor, die Umrüstung eines vorhandenen auf einen elektrischen Antrieb nur rund 300 000. Im Vergleich zum Diesel ist der Strom billiger, über zehn Jahre Laufzeit soll das 100 000 Euro einsparen. Problem ist das Stromtanken, die Busse müssen deshalb genau auf den Bedarf abgestimmt sein. Im Projekt mit der Bezeichnung E-Tro-Fit analysiert das Unternehmen das Liniennetz und errechnet daraus die Anforderungen an Reichweite, Motorleistung und Ladekonzept. Aus diesen Daten wird ein maßgeschneiderter Antriebsstrang entwickelt, der Bus bekommt nur so viel Batteriekapazität, wie er unbedingt braucht. Partner ist ZF, umgebaut wird in ausgewählten Werkstätten. Spezialität von In-Tech ist die Vernetzung, so erhalten alle Fahrzeuge ein Telematikmodul, das sämtliche Betriebsdaten an den Betreiber übermittelt.

          Die gesamte Hochspannungstechnik entfällt

          Am Elektromotor selbst lässt sich offenbar auch noch etwas verbessern. Der neue Antrieb der Volabo GmbH aus Ottobrunn ist nach Angaben seiner Erfinder um ein Viertel effizienter als herkömmliche Exemplare, die Idee dazu kam aus dem Lehrstuhl für elektrische Antriebstechnik der Bundeswehruniversität München. Und das soll so funktionieren: Bisher wird durch die Wicklung eine Polpaarzahl festgelegt, die nicht mehr verändert werden kann. Jenseits des optimalen Betriebspunktes nimmt deshalb der Wirkungsgrad ab. Im neuen Motor mit der Bezeichnung Iscad (Intelligent Strator Cage Drive) kann dagegen die Zahl der Pole während des Betriebs variiert werden. Er hat keine gewickelten Spulen mehr, sondern einen massiven Statorkäfig aus Aluminiumstäben, der zudem günstig zu produzieren ist. Jeder Stab wird über eine eigene Elektronikeinheit mit Strom versorgt, der Motor kann daher ständig an das Lastprofil angepasst werden. Das Magnetfeld lässt sich laut Hersteller beliebig formen, das wirke wie ein integriertes elektromagnetisches Getriebe. Das maximale Drehmoment stehe auch in hohen Drehzahlen noch zur Verfügung. Der Motor arbeitet mit 48 Volt, die gesamte Hochspannungstechnik entfällt also, allerdings werden dann dicke Leitungen gebraucht. Trotzdem sollen Motoren mit mehr als 300 kW Leistung möglich sein.

          Aber es geht auch abgehobener. Flüge mit Drohnen sind riskant – besonders wenn der Pilot am Boden nicht sieht, wo sein Gerät gerade ist. Um es künftig also ferngesteuert auch außerhalb der Sichtweite schweben zu lassen, haben die Deutsche Flugsicherung und die Deutsche Telekom ein Projekt namens Connected Drones eingeleitet. Es integriert Drohnen über den Mobilfunk in den Luftverkehr. Dazu wurde ein Gerät entwickelt, das an der Drohne angebracht wird. Darin stecken ein GPS-Modul und eine Mobilfunk-Sendeeinheít. Die Drohne loggt sich ins Netz ein und sendet ihre Positionsdaten, die bei der Flugsicherung in ein Managementprogramm eingespeist werden. Dieses erstellt anhand der Daten ein Luftlagebild, das alle Drohnen erfasst.

          Zurück auf den Boden, aber immer noch digital: Der Verein Wielebenwir hat mehr als 60 über Deutschland verteilte Initiativen eingesammelt, die Lastenräder unentgeltlich verleihen. Er stellt ihnen das Werkzeug zur Organisation zur Verfügung. Die einzelnen Initiativen können damit eine eigene Website entwickeln, die als eigenständige Marke wahrgenommen wird. Insgesamt werden so bisher 130 Lastenräder für rund 10 000 Nutzer koordiniert. Ebenfalls logistischer Natur ist die App der Getaway GmbH aus Berlin. Sie ermöglicht das Mieten und Vermieten von parkenden Privatautos über das Smartphone, das die Autos öffnet, der Schlüssel liegt im Handschuhfach. Die Fahrtkosten werden über die App abgerechnet, laut Getaway ist das Auto rundum versichert. Ebenfalls dem erleichterten Teilen dient die App Free-2-Move der GHM Mobile Development aus Berlin. Sie versammelt Sharinganbieter aller Art auf einer Plattform, dort können die Angebote verglichen und gebucht werden.

          Eine weitere Form der Vermittlung, aber nicht von Autos, sondern von freien Containern, bietet die Onlineplattform Visi-Match der Visi Trans GmbH aus Obermoschel. Sie soll dabei helfen, frei werdende Frachtcontainer direkt wieder zu beladen, dadurch können Leertransporte vermieden oder verringert werden. Denn bisher gebe es keine zentrale Datenverarbeitung und auch kein einheitliches Datenformat. Auf Visi-Match können Importeure und Exporteure künftig über eine Schnittstelle Informationen hochladen, wann und wo Container der benötigten Größe zur Verfügung stehen. Den Personenverkehr soll dagegen die App Ticket Easy der Motion Tag GmbH aus Potsdam erleichtern. Es ist ein virtuelles Fahrticket, das ohne zusätzliche Infrastruktur auskommt. Durch maschinelles Lernen mittels Smartphone-Sensoren werden laut Anbieter zehn verschiedene Transportmittel mitsamt der Nutzungswerte wie Distanz und Dauer der Reise vollautomatisch erkannt. Die Plattform sei so konzipiert, dass öffentliche Verkehrsmittel und andere Mobilitätsdienste integriert werden können.

          Diese zehn Sieger werden auf einer Veranstaltung im Herbst geehrt. Ihnen winkt nicht nur der Preis, sondern auch, wie die Erfahrung mit den Gewinnern der vergangenen Jahre zeigt, eine rasante Weiterentwicklung.

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