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König der Werkzeuge : Das ist der Hammer

Großer Vorschlaghammer oder kleines Hämmerchen: Sie sind die Könige der Werkzeuge. Bild: Gilli, Franziska

Welche Erfindung hat die Menschheit am weitesten vorangebracht? Viele denken an das Feuer und die Methode, wie man es entfacht. Andere nennen das Rad. Wir wollen einen weiteren Kandidaten dazugesellen: den Hammer.

          7 Min.

          Manche Kindheitserlebnisse hinterlassen bis ins Alter tiefe Spuren. In den siebziger Jahren war es auf den Festen der Pfadfinder üblich, mit den Gästen neckische Spielchen zu veranstalten. Als pubertierender Jüngling durfte der Autor damals einen Holzbalken betreuen, in den mit möglichst wenig Schlägen fünf Nägel zu treiben waren. Die Erinnerung mag es verzerren, aber sie dürften 80 oder 100 Millimeter lang und ziemlich schlank gewesen sein, denn den dicken Nagel haut man leicht hinein und den dünnen leicht krumm. Im Schnitt sechs, sieben Schläge waren die Topleistung erfahrener Heimwerker.

          Lukas Weber
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dann kamen zwei junge Männer auf der Walz daher, in der zünftigen Kluft der Zimmerer. Der größere der beiden nahm den Schlosserhammer – und legte ihn wieder hin. Statt des bereitgestellten Geräts zog er sein eigenes, und während der andere grinste, versenkte der Mann vier Nägel mit genau zwei Schlägen und den fünften mit einem einzigen. Den Teddy hat er gleich mitgenommen. Der kleine Pfadfinder lernt daraus zweierlei: Übung macht den Meister, und der rechte Handwerker arbeitet nur gern mit eigenem Werkzeug. Seitdem ist kein herausstehender Nagel mehr vor ihm sicher.

          Das Wichtigste ist der Stiel

          Der Hammer ist ein erstaunliches Gerät und viel weniger schlicht, als es auf den ersten Blick scheint. Das Wichtigste daran ist der Stiel, denn ohne ihn bliebe das Werkzeug ein Faustkeil. Ein Stein in der Hand taugt zumindest zum Nüsse knacken, das kann auch ein Schimpanse. Es wird sogar berichtet, dass Affen Hölzchen zurechtkauen, wenn sie eine bestimmte Form brauchen, etwa, um Termiten zu angeln. Der geniale Gedanke unserer Vorfahren war, Stein und Holz miteinander zu verbinden. Darauf muss man erst mal kommen. Der Faustkeil am Stiel aus der Steinzeit ist wahrscheinlich das erste Werkzeug aus einer Materialkombination; die Konstruktion erlaubte es, die Schlagkraft zu vervielfachen.

          „Menschen mit längeren Armen haben mehr Reichweite, ein Vorteil, wenn es darum geht, sich die Köpfe einzuschlagen“, erklärt Harm Paulsen, der Nestor der experimentellen Archäologie. Paulsen verbringt seine Zeit damit, Geräte aus der Steinzeit nachzubauen und zu testen. Irgendwann seien die Leute auf die Idee gekommen, den Arm künstlich zu verlängern. Steinbeile, die in Nordeuropa wahrscheinlich erstmals während der Mittelsteinzeit zum Einsatz kamen, erfüllten wohl zugleich die Funktion des Hammers.

          Wie werden Kopf und Stiel miteinander verbunden?

          Die Vorsilbe „Ham“ deutet im Indogermanischen auf Stein oder Fels hin, und die Grenzen zwischen den Werkzeuggattungen waren damals wie heute fließend. Die Schwierigkeit lag und liegt darin, Kopf und Stiel fest miteinander zu verbinden. Die Köpfe aus Stein seien zunächst mit einer umlaufenden Rinne versehen und mit organischen Material am Schaft befestigt worden, sagt Paulsen. Wie die Experimente bewiesen, sei das für grobe Anwendungen gut brauchbar. Hämmer in der heutigen Form seien aber erst mit der Metallbearbeitung in der Bronzezeit aufgekommen. Die Verwendung als Kriegsgerät zieht sich freilich von der Steinzeit bis ins Mittelalter: Der Streithammer hatte auf der einen Seite eine breite Fläche zum Verbeulen von Rüstungen und auf der anderen einen Dorn, mit dem man sie durchschlagen konnte.

          Die Wirkung des Hammers beruht auf simpler Physik. Die Wucht des Aufpralls steigt proportional zum Gewicht, aber im Quadrat zur Geschwindigkeit. Der Stiel erlaubt es, den Kopf enorm zu beschleunigen. Dass selbst ein leichter Schlag beachtlich wirkt, kann jeder bestätigen, der sich schon einmal auf den Daumen geklopft hat. Als vor Jahren ein Schmied in der Fernsehsendung „Wetten, dass..?“ ein Stück Eisen nur durch Hammerschläge auf dem Amboss in zwei Minuten zum Glühen brachte, war das Erstaunen der Laien groß – aber kein Kollege hätte gegen ihn gewettet.

          Wer es selbst versuchen möchte: Minutenlang einen Schmiedehammer zu schwingen erfordert einige Übung. Der Amateur ermüdet schon nach wenigen Schlägen und verkrampft im Handgelenk. Noch weniger bekannt ist, dass der Könner fühlen kann, was der Nagel macht. Der Hufschmied etwa haut ihn mit seinem relativ leichten Beschlaghammer zunächst locker ins weiche Horn am Sohlenrand. Am oberen Ende ist der Nagel abgeschrägt, deshalb drängt er nach außen. Wenn die Spitze von innen an die harte Hufwand stößt, ist das mit dem Hammer zu spüren. Dann wird der Nagel mit einem energischen Schlag durchgetrieben.

          Weil also Gefühl gefragt ist, lehnen die uns bekannten Hufschmiede Schäfte aus Kunststoff ab. Die sind zwar nicht kleinzubekommen, dämpfen aber alle feinen Schwingungen weg. Erste Wahl ist für solche Anwendungen Holz. Verwendet werden Arten mit hoher Elastizität und langen Fasern, erklärt Daniel Pschenitza, Produktmanager von Dictum, einem Unternehmen, das traditionelles Werkzeug herstellt, Holz mit kurzen Fasern breche leichter. Der Schaft müsse frei von Rissen und sauber eingestielt sein. Verwendet wird häufig Esche, amerikanisches Hickoryholz gilt als noch etwas zäher.

          Damit der Kopf fest auf dem Stiel sitzt, muss der Flächendruck im Auge hoch sein. Erreicht wird das durch Keile aus Holz oder Metall. Auch Ringe aus Stahl werden verwendet. Die seien einfach einzutreiben, sagt Pschenitza, aber die Struktur des Holzes werde gebrochen. Paulsen meint, dass solche Befestigungen ein Rückschritt seien. Tüllen etwa hielten besser, und es gebe Hämmer aus der Wikingerzeit, deren Köpfe mit zwei Wangen aus Stahl am Stiel angeschlagen seien. „Das ist sicherer“, sagt er. Das gilt auch heute noch, außerdem schützt die vordere Wange den Schaft bei Fehlschlägen. Denn die typische Beschädigung des Stiels zeigt sich nach einiger Zeit direkt unterhalb des Kopfes.

          Schwierig wird es mit Holz, wenn Ersatz gebraucht wird. Der Handwerksberuf des Stellmachers, der passende Stiele fertigte, ist ausgestorben. Zum Leidwesen des Heimwerkers gibt es alle möglichen Augen; neben runden und ovalen finden sich am japanischen Fäustel (Genno) trapezförmige. Statt Holz, Kunststoff oder Aluminium wird für Anforderungen, in denen besondere Stabilität gefragt ist, Stahl als Stiel verwendet. Die robusteste Ausführung ist Kopf und Schaft aus einem Stück, allerdings wird der Hammer dadurch am Griff schwer, also dort, wo das Gewicht nichts nutzt. Für hochwertiges Werkzeug wird der Stiel zur Angel verdünnt und mit gepressten Lederscheiben versehen.

          Verschiedene Materialien brauchen verschiedene Hämmer

          Der Kopf selbst ist in den meisten Fällen ohnehin aus Stahl. Der sollte selektiv gehärtet sein, sagt Pschenitza. Der Mittelteil (Haus), in dem das Auge sitzt, ist dann relativ weich und zäh, die Schlagfläche (Bahn) erreicht dagegen etwa 50 bis 53 Rockwell (HRC). Das ist weniger, als ein gutes Messer hat, aber bei zu großer Härte könnten kleine Teilchen abplatzen, die dann mit hoher Geschwindigkeit durch die Gegend fliegen. Wenn der Stahl durchgehärtet wäre, könnte das durch das Auge geschwächte Haus zerspringen. Und der Hammer hätte keinen Zug. Denn ein gänzlich harter Hammer prallt zurück, statt seine Energie auf die Trefferfläche abzugeben.

          Wo auf empfindliches Material geklopft wird, sind andere Materialien gefragt. Klüpfel aus dem festen Holz der Hainbuche werden für Stemmeisen verwendet, Hämmer aus weichem Holz zum Bearbeiten von Schnitzeln. Köpfe aus Gummi oder Kunststoff richten Fliesen und Parkett. Gummi ist auch geeignet, Zeltnägel einzuschlagen, in der DDR gab es dafür Köpfe aus Aluminium. Auch aus Büffelleder werden Schonhämmer gebaut. Das gut dämpfende Material dient dazu, mit einem speziellen Messer Schindeln zu spalten. Sogar Kupfer wird noch verwendet, wenn keine Funken entstehen dürfen.

          Schweißer, Polsterer oder Arzt – alle haben Hämmer

          So vielfältig wie die Einsatzmöglichkeiten sind die Formen. Allen Hämmern gemein ist die Bahn. Diese ist in den meisten Fällen nicht ganz plan, sondern leicht gerundet. Der Genno ist ein Fäustel und hat zwei davon. Mit der ganz flachen wird der Nagel eingeschlagen, mit der gerundeten versenkt. Die Rundung soll verhindern, dass der Hammer das Material trifft statt den Nagel. Noch stärkere Rundungen dienen zum Treiben von Blechen oder zum Bearbeiten von Leder.

          Das Standardgerät am Bau, der Latthammer, hat manchmal eine Rille mit Bucht, die bis zur Bahn reicht. Der Nagel wird dort magnetisch festgehalten, so dass er mit dem ersten Schlag gesetzt werden kann. Die Bahn selbst wird zuweilen mit feinen Rillen versehen, damit der Kopf nicht am Nagel abrutscht. Spezielle Zwecke erfordern besondere Formen: Der Schieferhammer des Dachdeckers hat unterhalb des Kopfes eine einseitig abgeschrägte Klinge, mit der die Platten gekürzt werden; es gibt ihn in Ausführungen für Rechts- und Linkshänder. Ob Polsterer, Schweißer, Geologe, Richter oder Arzt – alle haben Hämmer, die ihrem Verwendungszweck angepasst sein sollen.

          Den erkennt man oft erst an der zweiten Seite. Die Finne beweist zugleich, dass die Übergänge fließend sind. So ist nicht immer eindeutig, ob es sich um Hammer, Beil, Hacke oder Dechsel handelt. Der Spalthammer der Forstwirtschaft etwa ist ein Vorschlaghammer und zugleich eine Spaltaxt. Die schmale Finne des Schlosserhammers hilft, kleine Nägel anzusetzen, und dient zum Dengeln. Am Schreinerhammer ist sie nach unten versetzt, am Maurerhammer zur Schneide geformt. Der Latthammer hat an dieser Stelle einen Dorn; damit kann man ihn zur Sicherung oder als Trittstufe ins Gebälk hauen. Oft ist die Finne als Klaue gestaltet, mit der Nägel gezogen werden. Die gebogene Form verlagert zudem den Schwerpunkt etwas nach hinten. Beim Auftreffen entsteht eine leichte Drehkraft, die das Arbeiten angenehmer macht.

          Schweres Gerät und der leichteste Hammer der Welt

          Der Schmied verwendet für das oben beschriebene Kunststück relativ schweres Gerät mit Kopfgewichten von ein bis zwei Kilogramm, und er lockert die Armmuskulatur zwischendurch mit leichten Schlägen auf den Amboss. Vorschlaghämmer sind mit Kopfgewichten zwischen fünf und zehn Kilogramm noch dicker, sie werden unter Einsatz des ganzen Körpers ins Ziel gebracht. Die unteren Gewichtsklassen werden aus dem Handgelenk geschlagen, dort gehören die Hämmerchen der Uhrmacher und Goldschmiede mit etwa 70 Gramm zu den leichtesten.

          Im Vergleich zum kleinsten Hammer der Welt ist das noch riesig. Er ist nur 0,55 Millimeter lang und so leicht, dass man ihn versehentlich fortblasen könnte. Sein Besitzer, der Bildhauer Oskar Mahler, hat ihn deshalb in einer Vitrine unter die Lupe gelegt. Sie ist in Mahlers Hammermuseum nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof neben rund 1500 anderen Exponaten zu bewundern, die auf engstem Raum untergebracht sind. Er bekomme Hämmer aus aller Welt zugeschickt, sagt der Künstler. Darunter sind Kuriositäten wie ein mechanischer Schlagbohrer aus einem Hammer und Fahrradteilen. Ein Exemplar diente zum Zerkleinern von Kandiszucker, andere sind aus Stein oder Motorventilen gebastelt, und wofür eine seltsame Form mit Quersteg an der Finne gut ist, weiß Mahler selbst nicht.

          Bei so vielen Talenten wundert es nicht, dass dieses Werkzeug in der Mythologie einen festen Platz hat. Thor ließ mit seinem Hammer Mjöllnir die Erde erzittern, hammerführende Götter hatten auch die Kelten und die Etrusker. Der Hammer zierte die Flaggen der DDR und der Sowjetunion, Österreichs Staatsadler hält ihn heute noch in der Klaue. Jeder kennt die Holzhammermethode. Sie findet auf der Kirmes Anwendung. Dort haut man auf den Lukas, bis er klingelt. Warum der gerade so heißt, hat uns noch niemand erklären können. Das findet der Autor, der als Kind damit veralbert wurde, irgendwie schade.

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