https://www.faz.net/-gy9-agg9b

Die Bahn und Design : Gute Gestaltung fürs Gleis

  • -Aktualisiert am

Unten: Ein nie verwirklichter Entwurf eines Gasturbinen-Triebzugs von MAN aus dem Jahr 1971 Bild: Deutsche Bahn Design Museum

Im Nürnberger DB-Museum wurde eine Ausstellung eröffnet, die sich intensiv mit dem Thema Design auseinander setzt.Und die erste deutsche Lokomotive von 1835 gibt es auch zu sehen.

          4 Min.

          Das wäre ein Logenplatz für die Reise in die Geschichte des deutschen Eisenbahndesigns: Ursula Bartelsheim, Kuratorin des DB-Museums in Nürnberg, zieht die weiße Staubschutzdecke vom Polstersessel. Darunter taucht ein im Jahr 1965 präsentierter Einzelsitz der ersten Intercity-Generation (IC) auf. Streifen in Gelb, Orange und dunklem Kaffeebraun leuchten zwischen den roten Plüschflächen. Gleich daneben weisen Sitze in die Geschichte des Intercity-Express oder kurz ICE: Aus dem Jahr 1988 stammt der voluminöse Fauteuil mit kleinteiligem Muster in Karmin und Blau sowie Schnittstellen zum bordeigenen Mediensystem. 2005 hatte der filigrane High- techsitz mit blauem Leder Premiere, der auf die nüchtern-funktionale Modernität im Interieur des heutigen Hochgeschwindigkeitsverkehrs verweist.

          Platz nehmen darf der Besucher leider in keinem der drei Eisenbahnsessel. Denn das Gestühl gehört – ebenso wie ein barockisierend-plüschiger Sessel des „Rheingold“ von 1928 – zu den Exponaten der neuen Sonderausstellung „Bahn & Design“, die im DB-Museum in Nürnberg am Freitag eröffnet wurde und die bis 12. Juni 2022 zu sehen sein wird.

          Produkt- und Kommunikationsdesign begleiten jede Eisenbahnreise schon vor dem Einsteigen in den Zug: Wie sind die Wege zum Bahnsteig gekennzeichnet? Wie korrespondieren Form und Farbe der Fahrzeuge mit ihrer Funktion? Welche Lösungen haben die Gestalter für die ausgewogene Balance zwischen Ergonomie und effizienter Platzausnutzung gewählt? Welche Rolle spielen Uniformen und Unternehmensbekleidung für die Wahrnehmung der Mitarbeiter?

          Der DB-Keks im Laufe der Zeit: Klaus Flesche gestaltete die Diesellok V160 ... Bilderstrecke
          Bahn und Design : Gute Gestaltung fürs Gleis

          Die vielen Ansätze legen es nahe, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen. In Deutschland sei das bisher aber über die Beschäftigung mit dem Fahrzeugdesign hinaus nur wenig geschehen, sagt Oliver Götze, Direktor des DB-Museums. „Deshalb ist diese Schau auch eine Forschungsausstellung“, ordnet der Kultur- und Technikhistoriker ein. Andere Länder sind hier weiter, unter anderem die Schweiz und Holland. Ausgeprägt ist die Reflexion der Designgeschichte des öffentlichen Verkehrs auch in Großbritannien. Hier wird insbesondere die grafische Welt der Londoner Untergrundbahn immer wieder thematisiert.

          Wie einprägsam das Bahn-Design in die deutsche Alltagswahrnehmung hineinwirkt, macht ein kleiner Selbstversuch mit dem von Oliver Götze, Ursula Bartelsheim und Janina Baur herausgegebenen Katalog zur Ausstellung deutlich: Eine seitenfüllende Grafik darin zeigt sieben Farbfelder als Abfolge aus schwarzen, weißen und roten Bändern unter einem abstrahierten blauen Himmelsdreieck. Das lässt sich als Darstellung des ICE entschlüsseln, dessen Details durch die Geschwindigkeit zu homogenen Flächen verwischt sind. Nach der erfolgreichen Entwicklung des Intercity-Experimental hat dieser Hochgeschwindigkeitszug die heutigen Fernverkehrsfarben erstmals 1991 im Regelbetrieb aufs Gleis gebracht. Zum roten Band sind mittlerweile auch Bauchbinden in Blau (als Symbol für Europa), Grün (Ausdruck der Umweltweltfreundlichkeit) und seit diesem Juli in Regenbogentönen („Railbow“ für Vielfalt und Toleranz) gekommen.

          Stichwort Toleranz: In der Geschichte des deutschen Eisenbahndesigns gab es auch harte Konfrontationen zwischen den Designern. Das macht die Ausstellung an der Debatte um die Gestaltung des neuen Logos für die Deutschen Bahn AG Anfang der 1990er-Jahre deutlich. Beauftragt wurde der Designer Kurt Weidemann, der erst einmal den „Bundesbahn-Keks“ der 1950er-Jahre gründlich verriss. Daraus entwickelte sich ein öffentlichkeitswirksamer Streit mit dem Typographen Erik Spiekermann, der in Fachzeitschriften und Publikumsmedien ausgetragen wurde.

          ICE-Triebkopf mit silbernem DB-Logo

          Von den beiden an Zeichensäle erinnernden Ausstellungsräumen im Museum selbst erstreckt sich die Schau in 20 Geschichten bis in die Fahrzeughallen und den Außenbereich. In den Hallen sind unter anderem zwei Modelle des ICE im Originalmaßstab zu sehen, sogenannte „Mock-ups“. Neben dem Nachbau der ersten deutschen Lokomotive „Adler“ von 1835 steht ein ICE-Triebkopf mit silbernem DB-Logo. Das Exponat war 1995 Teil einer Installation der Deutschen Bahn AG in München, mit der die kommenden Generationen des Intercity-Express (ICE 3 und ICE T) vorgestellt wurden. Aus dem Jahr 2011 stammt das Mock-up des ICE 4, dessen Auslieferung noch immer läuft. Bis zur Mitte des Jahrzehnts soll die Flotte über 130 Züge umfassen. Das Design der beiden Züge stammt von Alexander Neumeister, der schon den ICE-V der 1980er-Jahre entworfen hatte.

          Die bewusste gestalterische Auseinandersetzung der Eisenbahn mit Fahrzeugen und ihrer Einrichtung, mit Markenzeichen und Kommunikationsmitteln begann um 1900. Beeinflusst wurde die Entwicklung von größeren ästhetischen Diskursen der Zeit. Unter anderem gab die Werkbund-Bewegung Impulse für die Architektur von Bahngebäuden. Die In- spiration nahm aber auch den umgekehrten Weg: Für ihre „Frankfurter Küche“ der 1920er-Jahre holte sich die Margarete Schütte-Lihotzky Anregungen bei den effizient durchgeplanten Küchen der Mitropa-Speisewagen.

          Abgeleitet von den brandenburgischen Provinzialfarben Rot und Weiß

          Die Ausstellung erzählt viele solcher Geschichten zwischen Technik, Ästhetik, Wirtschaft und Alltag. Da ist beispielsweise die Erfolgsstory der Berliner S-Bahn, die sich in den 1920er-Jahren aus den veralteten Stadt-, Ring- und Vorortbahnen zu einem hochmodernen Verkehrssystem entwickelte. Von der innovativen Bauart „Stadtbahn“ wurden in den Jahren 1928 bis 1931 insgesamt 1276 Trieb-, Steuer- und Beiwagen angeschafft. Die letzten Fahrzeuge der Baureihe 475 wurden erst 1997 von der Deutschen Bahn ausgemustert. Die Farbgebung der Anfangszeit in Ocker und Bordeauxrot hat sich bis zu den jüngsten Berliner S-Bahn-Zügen der Baureihen 483 und 484 erhalten. Abgeleitet ist die Farbgebung, so berichtet der Museumsdirektor, von den brandenburgischen Provinzialfarben Rot und Weiß – die gedeckteren Töne der Stadtbahnzüge erwiesen sich allerdings als weniger verschmutzungsempfindlich.

          Stromlinie und Zeppelinform: Die Bahn nahm insbesondere ab den frühen 1930er-Jahren neue Formensprachen aus Automobil- und Luftschiffbau auf. Davon zeugen damalige Stars der Schiene, beispielsweise der Schnelltriebwagen „Fliegender Hamburger“ von 1931 und die mit einer Stromlinienschale verkleidete Dampflokomotive der Baureihe 05 von 1935. Es waren aber viel pragmatischere Gründe, die das Design des größten Teils der Bahnfahrzeuge veränderte: „Vor allem bei den Lokomotiven hat die Normung das Bild am stärksten geprägt“, sagt Oliver Götze. Die 1920 gegründete Deutsche Reichsbahngesellschaft sorgte mit der baureihenübergreifenden Standardisierung viele Bauteile für dieses einheitliche Bild. Mitte des 20. Jahrhunderts eröffnen dann neue Konstruktionsmethoden und der verstärkte Traktionswandel hin zu Diesel- und Elektroantrieb der Gestaltung neue Möglichkeiten. Dieses Potential schöpfte die junge Deutsche Bundesbahn in den 1950er-Jahren aus. Designklassiker wie VT 11.5 (der deutsche Trans-Europa-Express), die Diesellokomotiven der V-160-Familie und der Elektrotriebwagen ET 20 entstanden damals bei der MAN unter der Leitung des Industriedesigners Klaus Flesche und werden in der Ausstellung gezeigt.

          Die in mehr als zwei Jahren entwickelte und umgesetzte Schau greift auch die Designkonferenz „ride71“ auf. Damit schließt sich der Kreis. Denn als die Konferenz 1971 im Gebäude des heutigen DB Museums stattfindet, beginnt auch die Geschichte des Intercity der Deutschen Bundesbahn – mit dem mild psychedelischen Muster der Bezüge auf den Sitzen der Ersten Klasse.

          Weitere Themen

          Zwei Jahre Corona – was wurde seither gelernt? Video-Seite öffnen

          Leben mit dem Virus : Zwei Jahre Corona – was wurde seither gelernt?

          Vor zwei Jahren stürzte ein bis dahin unbekanntes Virus die Menschheit in eine beispiellose Krise. Am 11. Januar 2020 wurde der weltweit erste Todesfall durch das Coronavirus SARS-CoV-2 registriert. Doch seither wuchs auch das Wissen, wie man sich gegen die neue Krankheit schützen kann.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock und Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau

          Besuch in Moskau : Frostige Atmosphäre zwischen Baerbock und Lawrow

          Annalena Baerbock und Sergej Lawrow waren zwar höflich zueinander aber nicht mehr. Die Gespräche waren wohl kaum mehr als ein gegenseitiges Vorhalten von Vorwürfen. Immerhin gibt es ein Zeichen im Hinblick auf die Ukraine.
          Roberta Metsola nach ihrer Wahl im Europäischen Parlament

          Roberta Metsola : Nicht klassisch konservativ

          Die Christdemokratin aus Malta hat gezeigt, dass sie Mehrheiten organisieren kann. Wer ist die neue Parlamentspräsidentin aus dem kleinsten Mitgliedstaat der Union?
          Nursultan Nasarbajew während seiner Videoansprache an die Kasachen am 18. Januar

          Videoansprache an Kasachen : Nasarbajew ist wieder da

          Nach Wochen der Spekulationen über das Los Nursultan Nasarbajews meldet sich Kasachstans „Führer der Nation“ zurück – angeblich aus Nur-Sultan. Er betont, es gebe keinen Konflikt in der Elite des Landes.