https://www.faz.net/-gy9-9p0jd

Hörsysteme : Was? Ich höre Dich nicht!

Wirksam, aber unhandlich: Das Hörrohr fängt den Schall ein und leitet ihn weiter. Bild: Landesberufsschule für Hörakustiker

Hörsysteme ermöglichen vielen Menschen wieder die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Moderne Geräte sind winzig und leistungsstark. Den langen Weg dorthin zeigt eine Ausstellung in Lübeck.

          Manche Namen sind selbsterklärend. Schuster, Schneider oder Müller, und bei Adenauer denken wir an eine Kleinstadt. Über die Herkunft der Familie von Frau Waas, der netten Verkäuferin aus Lummerland, kann hingegen nur gemutmaßt werden. Michael Ende schreibt in seinem berühmten Kinderbuch, einer ihrer Vorfahren sei wohl schwerhörig gewesen. Offenbar hat er keine Hilfe verwendet und deshalb je nach Gesprächspartner „wie bitte“ oder „was“ (mit langgezogenem „a“) gefragt. Das ist schade, denn den meisten Menschen mit Hörproblemen kann geholfen werden. Nur scheuen sich viele, ein Hörsystem zu benutzen – könnte ja sein, dass man damit alt aussieht. Wenn dann doch endlich die Entscheidung gefallen ist, weil es nicht mehr anders geht, kann es sein, dass das Hören zum Teil erst wieder neu gelernt werden muss.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Schwerhörigkeit im Alter ist am weitesten verbreitet, mit den Jahren geht die Empfindlichkeit für die hohen Töne verloren. Aber auch junge Menschen oder Kinder können betroffen sein. Die Anpassung erfordere ein Vertrauensverhältnis und viel Feingefühl, sagt Juliane Schwoch, die Sprecherin der Bundesinnung der Hörakustiker. Denn für die Auswahl des richtigen Geräts müssten persönliche Fragen nach den Lebensumständen gestellt und ein Abdruck des Außenohrs und Gehörgangs gemacht werden. Kleiner ist dabei nicht immer zugleich besser, denn mit größeren Komponenten lässt sich ein guter Klang leichter erzielen. Der Kunde kann sein Gerät besser reinigen sowie die Batterie wechseln – oder er vertraut auf winzige Lithium-Akkus, die über Nacht induktiv geladen werden.

          Das war früher einfacher, wenngleich mit weniger Wirksamkeit. Vermutlich haben die Menschen zunächst die Hände an die Ohren gelegt, auf größerer Fläche lässt sich mehr Schall einfangen. Besser geht es mit einem Trichter. Das war die Geburt des Hörrohrs, dessen Anfänge im Dunkeln liegen. Damit lässt sich der Schall immerhin um etwa 20 Dezibel verstärken (zehn Dezibel mehr werden als Verdoppelung der Lautstärke empfunden). Wie die Entwicklung bis zum modernen Hörsystem verlaufen ist, zeigt eine Sammlung am Campus Hörakustik in Lübeck. Dort lagern mehr als 2000 Objekte, und ständig kämen neue hinzu, sagt Stephan Fuesers, Studiendirektor der Landesberufsschule für Hörakustiker, bei einem Rundgang. Für die Zeitreise sind typische Exemplare aus allen Epochen ab etwa 1800 in Vitrinen ausgestellt, das kleine Museum ist kostenfrei zugänglich.

          Westentaschenformat: Der Beginn der transportablen Hörhilfe. Bilderstrecke

          Hörrohre oder Schläuche, die ein verdecktes Tragen möglich machten, entwickeln allerdings störende Resonanzen in bestimmten Frequenzen, abhängig von der Länge. Desgleichen gilt für die Hörglocken mit innenliegenden Wendeln, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts weitverbreitet waren. Silberne und reichverzierte Ausführungen zeigen, dass man die Hörhilfen damals auch als Statussymbole gesehen hat. Erste Tischgeräte mit der Technik von Radioverstärkern sind in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgekommen. Weil sie einen Stromanschluss brauchten, waren sie allerdings nicht für unterwegs geeignet. Mobil wurden die Hörhilfen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wegen kleiner Röhren passten sie nun in die Westentasche, und der Stromverbrauch war so gering, dass Batterien für die Versorgung verwendet werden konnten. Den nächsten großen Schritt mit einer weiteren deutlichen Verkleinerung ermöglichte die Entwicklung der Transistoren Mitte der fünfziger Jahre. Wenig später kamen die ersten Hörhilfen auf, die hinter dem Ohr getragen werden können. Der Autor dieses Textes erinnert sich noch gut an seinen Großonkel, der ein frühes Exemplar dieser Bauart benutzt hat. Es hatte die Farbe blässlicher Haut, die zu lange der Sonne ausgesetzt war – mag sein, dass der wenig ästhetische Anblick solcher Objekte einer weiteren Verbreitung im Wege stand. Und da die Tante ein kräftiges Organ besaß, welches sie intensiv benutzte, wurde der kleine Großneffe vom Hörgerätebesitzer belehrt: „Manchmal ist es ganz gut, dass man es ausschalten kann.“

          In jener Zeit wurden auch erstmals Hörbrillen eingesetzt, sie wurden dem Kunden von einer Kombination aus Optiker und Akustiker angepasst. Solche Brillen gibt es heute noch; die Schwäche von damals, dass der Träger im Fall einer Reparatur zeitweilig weder ausreichend hört noch sieht, haben die modernen Exemplare nicht mehr, die Bügel können einfach an- oder abgesteckt werden. Für bestimmte Anwendungsfälle wird der Schall vom Bügel nicht über das Ohr übertragen, sondern über den Knochen.

          Die Folgezeit gehört der Miniaturisierung. Im Ohr sitzt nun ein individuell angepasstes Kunststoffteil. Das macht die Hörhilfe fast unsichtbar, wobei die Minigeräte in poppigen Farben heute so aussehen wie jene Technik, die ohnehin zu Musikgenuss und Kommunikation in fast jedem Ohr hängt und deshalb oft nicht mehr versteckt wird. Tatsächlich bietet die Digitalisierung viele Vorteile: Moderne Geräte sind programmierbar, sie lassen sich über eine App steuern, helfen beim Telefonieren, unterdrücken Hintergrundgeräusche, übertönen Tinnitus und konzentrieren sich auf eine Richtung. Die Hörsystemversorgung ist für gesetzlich Versicherte mit einer Verordnung eine Kassenleistung. Für mehr Komfort, Ästhetik oder Bequemlichkeit, etwa mit Fernbedienung oder kabelloser Anbindung an mobile Geräte, fallen Mehrkosten an. Freilich es soll sogar Leute geben, die eine Hörhilfe tragen, obwohl sie gar keine brauchen – zum Beispiel, damit sie beim Geschäftsessen den Tischnachbarn stressfrei lauschen können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.