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„Car to Car“-Kommunikation : Das Auto im unsichtbaren Netz der Sicherheit

Virtuelles Blaulicht: Das rote Rettungsfahrzeug alarmiert mit W-Lan die Autos in der Nähe

Virtuelles Blaulicht: Das rote Rettungsfahrzeug alarmiert mit W-Lan die Autos in der Nähe Bild: Mercedes-Benz

Ein Staffellauf von Warnmeldungen und Nachrichten: Wo Airbag oder Gurtstraffer erst dann reagieren, wenn es zu spät ist, tauscht sich das Auto der Zukunft mit seiner Umgebung aus. So entsteht ein neues System für mehr Sicherheit.

          6 Min.

          Frühestens 2015 werden erste Serienfahrzeuge mit der „Car to Car“-Kommunikation ausgerüstet sein, die vor allem mehr Sicherheit im Straßenverkehr bringen soll. Rund ein Drittel aller Unfälle gehen auf mangelnde Aufmerksamkeit zurück. Die bewährten passiven Sicherheitssysteme, die wie Airbag oder Gurtstraffer erst dann reagieren, wenn es zu spät ist, sollen durch aktive Systeme ergänzt werden. Sie helfen dem Fahrer beim Einschätzen der Verkehrssituation und verschaffen ihm eine zusätzliche Zeitreserve, damit er rechtzeitig reagieren kann. Ein Szenario: Das Auto erfährt schon 300 Meter vor der Kurve, dass es hier spiegelglatt ist. Der Fahrer wird gewarnt, er kann frühzeitig das Tempo verringern. Die Idee besticht durch ihre Einfachheit.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der erste Trick: Jedes neue Fahrzeug weiß ohnehin über seine elektronischen Sensoren viel mehr über die Umgebung und die Straße, als der Fahrer ahnt. ABS, ASR, ESP heißen die bekanntesten Helfer, aber auch das Außenthermometer sowie die Sensoren für Warnblinker, Licht, Regen und Lenkwinkel sind unermüdliche Datensammler. Ihre Informationen liegen am CAN-Bus des Fahrzeugs an. Und nun der zweite Trick: Das Auto der Zukunft soll diese Daten mit seiner Umgebung austauschen. Also kein hierarchischer Datentransport von unten nach oben zu einer Sammelstelle oder Verkehrszentrale, sondern ein selbstorganisiertes, autonomes Netzwerk, das gleich einer Internet-Tauschbörse arbeitet, wo die Nutzer untereinander direkt und ohne Umwege Daten tauschen. Dazu wird das Fahrzeug mit einer Wireless-Lan-Einheit ausgerüstet, wie man sie in modernen PCs vorfindet. Das Auto ist gleichzeitig Sender und Empfänger, und wichtige Gefahrenmeldungen werden wie ein Staffelstab von einem Fahrzeug zum nächsten weitergereicht.

          Die Technik funktioniert

          Die Idee der „Car to Car“-Kommunikation wird von einem Konsortium getragen, in dem sämtliche bedeutenden Fahrzeughersteller und Zulieferer aus aller Welt versammelt sind (www.car-to-car.org). Einer der wissenschaftlichen Entwickler ist die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlands, und wir haben uns den Stand der Dinge beim Fahrzeugtechniker Professor Wolfram Seibert und dem Telekommunikationsexperten Professor Horst Wieker angesehen. Wir fahren auf dem Parkplatz des Institutsgeländes im Kreis. Vor uns ein Ford Focus, dessen Fahrer in der scharfen Kurve ein kurzzeitiges Ansprechen der Antriebsschlupfregelung provoziert. Und wir im nachfolgenden Auto sehen auf einem Laptop die Position des Vorausfahrenden sowie die Warnmeldung.

          Bild: F.A.Z.

          Noch ist das alles sehr provisorisch in den Testwagen verbaut, aber die Technik funktioniert. Seibert und Wieker forschen im Rahmen des „Willwarn“-Projekts (Wireless Local Danger Warning), das eine besonders kostengünstige Lösung anbieten will. Im Fahrzeug der Zukunft sind zusätzlich nur die W-Lan-Einheit sowie ein GPS-Empfänger untergebracht. Letzterer ist vielleicht ohnehin für die Straßennavigation vorhanden, „Willwarn“ benötigt indes allein die nackte Positionsangabe, aber keine elektronische Landkarte auf DVD. Weniger als 300 Euro soll das Ganze kosten, und 2015 müssen so viele Fahrzeuge wie möglich mit der Technik ausgerüstet sein, damit sie funktioniert. Durchaus denkbar, dass ein W-Lan-Modul schon bald zur Serienausstattung gehört. Spürbaren Nutzen bringt die „Car to Car“-Kommunikation nach wissenschaftlichen Studien, wenn etwa ein Drittel der Fahrzeuge damit ausgestattet sind, erstrebenswert ist jedoch eine höhere Marktdurchdringung.

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