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Marke C.H.Wolf : Am Anfang war die Turmuhr

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Special Bootsmann mit Anker Bild: Hersteller

Eine neue Marke nutzt einen alten Namen: Mit klassischen Uhren und Modellen, die Themen gewidmet sind, knüpft C.H. Wolf an die Tradition Glashüttes an.

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          Im Archiv des Uhrendorfs Glashütte sind viele Namen aus dem 19. Jahrhundert verzeichnet, die heute keiner mehr kennt. Etwa der des seinerzeit renommierten Turmuhrenspezialisten Carl Heinrich Wolf. Nach fast 150 Jahren hat Jürgen Werner, bekennender Uhrenliebhaber und als gelernter Banker mit Finanzen und Bilanzen ziemlich vertraut, den Namensschatz gehoben und im Herbst 2014 die Marke C.H.Wolf neu gegründet.

          Sein Credo ist die Verbindung von speziellen Materialien, klassischen Design-Elementen und bewährter Technik im Geist der Uhrmachertradition Glashüttes und des angesehenen Turmuhrenbauers, seine Werke bezieht er von Herstellern wie Eterna und Unitas. Im eigenen Atelier, im alten Firmensitz nach neuestem technischen Standard eingerichtet, entstehen die Kollektionen, die nicht nur das klassische Segment bedienen, sondern auch in speziellen Editionen bestimmte Themen widerspiegeln. Allen gemeinsam ist ein fein finissiertes Werk mit einem charakteristischen Waffelmuster, an dem man eine C.H.Wolf durch den entspiegelten Glasboden des Gehäuses identifizieren kann.

          Automatikwerk mit 65 Stunden Gangreserve

          Zum Start hat die Marke die Urban Big Date Business präsentiert, eine klassische Dreizeigeruhr, ausgestattet mit einem Großdatums-Modul aus zwei übereinanderliegenden Scheiben bei 6 Uhr, das komplett selbst entwickelt wurde. Auf dem silberfarbenen Blatt unter einem bombierten Saphirglas lenkt nichts von den römischen Ziffern und den Zeigern ab, der für die Zentralsekunde mit Sekundenstopp ist gebläut. Das Automatikwerk (Eterna) mit 65 Stunden Gangreserve tickt in einem Edelstahlgehäuse von 41 Millimeter Durchmesser. Mit Alligatorlederband samt Stahlschließe kostet die Urban Big Date 5500 Euro.

          Die Farbe der Pilot Red erinnert an einen legendären Kampfflieger, dessen Maschine vor rund 100 Jahren mit roter Kunstseide beschichtet war. Mit Originalstückchen dieses weichen Stoffs ist das Zifferblatt der Uhr bezogen, auch in das schwarze Lederband sind rote Stoffeinlagen eingepasst. Das Rot ist ein spannender Gegensatz zum schwarzen PVD-beschichteten Edelstahlgehäuse, das mit seinen 45 Millimeter Durchmesser an kräftige Männerhandgelenke passt, und den mit weißer Leuchtmasse ausgelegten Indices und Zeigern. Deren Form soll an Propeller erinnern. Das Handaufzugswerk muss alle 46 Stunden aufgezogen werden, es liegt wie das Zifferblatt unter doppelt entspiegeltem Saphirglas. Der rote Pilot kostet 2450 Euro.

          Ebenso ungewöhnlich sind die Materialien für das Modell Special Bootsmann (45 Millimeter) als Hommage an die kaiserliche Seefahrt: Dafür muss eine echte alte Bootsmannsjacke herhalten. An jeder der mit Indigo blaugefärbten Matrosenuniformen gab es damals 34 Knöpfe, von denen jeder der 34 Käufer einen bekommt. Das blaue Zifferblatt mit Plankenoptik hat die kleine Sekunde bei der „6“ und ein Steuerrad bei der „9“. Und für das Armband wird der Originalstoff der alten Uniform verarbeitet. Mit Handaufzugswerk, 46 Stunden Gangreserve, 4950 Euro.

          Skianzug musste für Uhr herhalten

          Noch spezieller ist die Siegeruhr für den Olympiasieger Eric Frenzel aus Sachsen, Markenbotschafter bei C.H.Wolf. Hier hat die Manufaktur Teile der Lauffläche seines Skis samt Autogramm darauf in das vergoldete Zifferblatt eingearbeitet, das so die Anmutung der Goldmedaille erhält, und während die Indices als dezente Striche ausgeführt sind, erinnern die Ziffern 12 und 2 an den Tag seines Sieges in Sotschi. Für die 25 Armbänder, die für die Edition Special Eric Frenzel gebraucht werden, hat der Sportler einen Teil seines Skianzugs geopfert. Die Daten hinter dem Emotions-Stück: 41 Millimeter Edelstahlgehäuse, Automatikwerk mit 38 Stunden Gangreserve, 3750 Euro.

          Mit ihren Kollektionen will die neue Marke zwei Wege gehen, einerseits Liebhaber ansprechen mit Modellen zu bestimmten Ereignissen oder Themen und andererseits klassische Uhren auflegen, die sich mit ihren Preisen in einem engen Segment behaupten müssen. Daher hat Jürgen Werner gleich eine ganze Palette aufgelegt, in der sich unter anderem noch Chronographen mit Weltzeitfunktion und Damenuhren finden. Ein bisschen anders als andere sehen sie alle aus. Das soll so sein.

          Vom Kirchturm ans Handgelenk

          Carl Heinrich Wolf gründete 1868 eine Fabrik für Feinmechanik und spezialisierte sich auf Turmuhren. Sein 1871 bezogenes Firmengebäude ist heute der Sitz der neu gegründeten Marke C.H.Wolf. Mit seinen Großuhren für Kirchen, Schulen und Rittergüter baute sich Wolf für einige Generationen eine Nische aus, in der er und seine Nachkommen mit ihren zuverlässigen und robusten Werken bald den Ton angaben und so ihren Teil zum Ruf Glashüttes beitrugen. Nach einer wechselvollen Geschichte lag der Markenname rund 60 Jahre lang brach, bis Jürgen Werner 2013 die komplette Liegenschaft von einem dort ansässigen Uhrenhersteller übernahm. Seither widmet er sich der Wiederbelebung der Marke C.H.Wolf und der Entwicklung einer Armbanduhren-Kollektion. In diesem Frühjahr ging er an den Start.

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