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Werk für Brennstoffzellen : Es kommt ins Rollen

Mehrere Stacks mit 75 kW lassen sich zusammenschalten. Bild: Hersteller

Brennstoffzellen für Wasserstoffautos sind teuer. Michelin baut jetzt ein großes Werk in Europa und verspricht, dass die Kosten der Zellen durch die großen Stückzahlen drastisch sinken werden.

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          Unter dem Namen Michelin sind den meisten Leuten vor allem Produkte vertraut, die rund und schwarz sind, sie ermöglichen Autos das Rollen. Weniger geläufig ist, dass das Unternehmen sich auch mit Antriebstechnik beschäftigt. So versorgen Brennstoffzellen des französischen Reifenherstellers seit Oktober 2019 eine Version des Renault Kangoo mit Strom, sie stellen ihn aus im Tank mitgeführtem Wasserstoff und Sauerstoff aus der Luft her, als Abgas entsteht nur Wasser.

          Lukas Weber
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          „Michelin arbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Brennstoffzellentechnologie“, erklärt Anish Taneja, der Präsident der Michelin-Region Nordeuropa. Gerade werde die vierte Generation entwickelt. Die Brennstoffzellen des Konzerns sollen in wenigen Jahren in großen Mengen zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck wurde mit dem Automobilzulieferer Faurecia das Gemeinschaftsunternehmen Symbio gegründet, es startet in diesem Jahr in der Nähe von Lyon mit dem Bau einer der größten Fabriken Europas für Brennstoffzellen. In vier Jahren sollen dort 20.000 Brennstoffzellensysteme jährlich hergestellt werden, am Ende des Jahrzehnts sollen es mehr als 200.000 sein.

          „Ziel ist es, bis 2030 einen Marktanteil von zwölf Prozent und einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro zu erzielen“, sagt Taneja. Während andere eher zögern – Mercedes hat sein Wasserstoffmodell wieder eingestellt –, setzt Michelin ganz auf die Brennstoffzelle. Seinen Optimismus stützt das Unternehmen vor allem auf zwei Entwicklungen: Zum einen ist die Wasserstoffwirtschaft ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität, entsprechend energisch sind die Anstrengungen der EU, diesen Weg zu fördern. Und zum anderen ist die Brennstoffzelle das Herz des Wasserstoffautos, deren hohe Kosten sind aber – neben den noch fehlenden Tankstellen – der wesentliche Grund für das bisherige Nischendasein der wenigen angebotenen Modelle. Hier ist offenbar eine Änderung in Sicht, denn in der großen Fabrik soll die Zelle aufgrund von Skaleneffekten und der technischen Entwicklung erheblich billiger produziert werden können als bisher. „Im Jahr 2030 werden die Herstellkosten nur noch bei einem Zehntel der heutigen liegen“, erwartet Taneja.

          Die Idee ist nicht neu

          Das wäre ein wichtiger Schritt hin zum Wasserstoffauto. Auch wenn erst 2023 die Produktion in der neuen Fabrik startet, seien schon Kundenverträge unterschrieben. Symbio bietet derzeit aus der Pilotfabrik in Vénissieux drei Brennstoffzellensysteme mit allen erforderlichen Komponenten an; eine kleine mit 7 bis 40 kW Leistung für den Einsatz in leichten Nutzfahrzeugen, eine mittlere mit 40 bis 80 kW in größeren Vans, SUV oder Transportern und eine große mit 80 bis 500 kW für kleinere Lastwagen.

          Die Idee zu einer Wasserstoffwirtschaft – das leichte Element dient dann als sauberer Energieträger nicht nur für den Verkehr – ist nicht neu, auch die Herstellung durch Elektrolyse gibt es schon seit mehr als einem Jahrhundert. Umweltfreundlich ohne Kohlendioxid wird das Ganze erst, wenn für das Aufspalten von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff Strom aus erneuerbaren Energien verwendet wird. Die Idee ist, dafür elektrische Energie zum Beispiel aus Windkraft zu verwenden, die gerade keinen Abnehmer findet, oder den Wasserstoff mittels Solarstrom in der Wüste herzustellen. Michelin setzt hier auf die Strategie der EU, die Technologieführerschaft und bis zum Jahr 2030 die Produktion von 10 Millionen Tonnen anstrebt.

          Und was spricht aus Tanejas Sicht gegen batterieelektrischen Antrieb? Nichts, meint er, aber es fehlten die Rohstoffe für die Akkus und die Ladestationen, außerdem müssten riesige Mengen an Strom von starken Netzen ständig vorgehalten werden. Die Zukunft des Verkehrs gehöre einem Mix aus unterschiedlichen Technologien, Michelin setze auf Wettbewerb. So hat der Wasserstoff, der wie Flüssiggas getankt wird, in Verbindung mit der Brennstoffzelle seine Vorteile auf der Langstrecke, im Linienverkehr mit eigener Tankstelle und auch in Lastwagen, die mit Batterien wohl auch auf längere Sicht nicht sinnvoll betrieben werden können. Und wo kommt der viele Grünstrom her, der nicht nur Kohle und Atomenergie ersetzen, sondern dann auch noch den Verkehr beflügeln soll? Die Politik sei gefordert, meint Taneja, es müsse in den Ausbau der Erneuerbaren investiert werden. „Langfristig wollen wir mit 100 Prozent Grünstrom fahren“, sagt er.

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