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Bootsklassiker gefunden : Der Schatz von der Elbe

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Der 9-Meter-Rundspant-Backdecker mit Spitzgattheck wurde restauriert Bild: Schaaf Bootsmanufaktur

Sieben auf einen Streich: Auf einem Dresdner Werftgelände sind eher zufällig Bootsklassiker aus alten Zeiten aufgetaucht. Ihre Geschichte ist unklar, nun stehen die Seltenheiten zum Verkauf.

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          Es ist ein Fund, der Liebhabern alter Boote die Farbe aus dem Gesicht treibt. In einem Lagerzelt der ehemaligen Laubegast-Werft sind nach der Schließung des Nachfolgeunternehmens Schiffs- und Yachtwerft Dresden sieben historische Motorboote aufgetaucht. Teils in fahrfertigem Zustand, teils eingestaubt, mit abgeplatztem Lack oder ausgetrockneter Beplankung. Mit Patina, wie man beschönigend sagt, wenn man eine Komplettrestaurierung meint. Die spärlichen Unterlagen verweisen auf Baujahre von 1906 bis 1949, der großen Zeit der Mahagoniboote.

          Der neue Investor will mit diesem Erbe nichts zu tun haben, möglichst schnell sollen die Boote am besten im Paket veräußert werden. Die Nachfrage sei schon jetzt immens, wie Jörg Schaaf, dem der Verkauf übertragen wurde, berichtet: „Da sind eine Menge Fans unterwegs, es gibt derzeit einen regelrechten Run.“ Dabei hatte sich in den vergangenen Jahren niemand um die Pretiosen gekümmert.

          „Annie“, ein Boot von 1912 Bilderstrecke

          Die Werft an der Elbe ist selbst schon ein Stück deutsche Geschichte: In Laubegast liefen unter anderem Seitenschaufelraddampfer der berühmten Weißen Flotte Dresdens vom Stapel. Nach der Wende hielt sie sich noch eine Weile mit Reparaturen über Wasser, 2005 wurde aus ihr die Schiffs- und Yachtwerft Dresden GmbH (SYWD). Eine Zeitlang sah es so aus, als sollte das Unternehmen Erfolg haben. In den Auftragsbüchern sind außer den Reparaturen der Dresdner Raddampfer Arbeiten an der historischen Motoryacht „Nahlin“ vermerkt. Zudem wurden zwei neue Autofähren nach Afrika geliefert.

          Einer der Schwerpunkte der SYWD sollte aber das Restaurieren hölzerner Klassiker sein. Aus dieser Zeit stammen auch die angesammelten Holzboote, wie der Sprecher des Insolvenzverwalters auf Befragen mitteilt. „Sie waren als komplettes Paket angeschafft worden, um ein neues Geschäftsfeld zu erschließen.“ Daraus wurde nichts mehr, lediglich die bei der Schweizer Faul AG gebaute „Tom II“ stand während der Insolvenz der SYWD 2011 schon zum Verkauf. 58 000 Euro sollte das neun Meter lange Schiffchen kosten, ein Käufer fand sich damals aber nicht.

          Auf die Zeit um 1900 geschätzt

          Danach wurde es still um die Holzboote, sie verschwanden in einer provisorischen Halle und dämmerten ebenso vor sich hin wie einige historische Stahlschiffe unter freiem Himmel, darunter ein altes Polizeiboot sowie zwei Barkassen mit genieteten Stahlrümpfen, die auf die Zeit um 1900 geschätzt werden. 2013 schließlich übernahm ein neuer Investor das Gelände, auf dem unter anderem ein Veranstaltungszentrum entstehen sollte. Erst nach der Übergabe wurden die Boote bemerkt, gleich sieben auf einmal. „Normalerweise hat ein Sammler drei oder vier Stück im Bestand“, sagt Jörg Schaaf, der Teile des Areals für seinen Bootsbaubetrieb (www.schaaf-boats.com) nutzen will, „aber sieben sind schon etwas Besonderes.“

          Dass es sich ausschließlich um in der Schweiz gebaute Exemplare handelt, kann Zufall sein oder ein Hinweis auf eine besondere Vorliebe der ehemaligen Werftherren. Woher sie kamen, ist nicht geklärt. Während des Insolvenzverfahrens gingen Unterlagen verloren. Sicher ist, dass an den Binnenseen der Schweiz der Holzbootbau eine ähnlich lange Tradition hat wie an den Großen Seen in den Vereinigten Staaten oder an den Seen Oberitaliens. Zu den bekannten Werften der Schweiz zählt die erwähnte Faul AG vom Zürichsee, die bis 1970 die prächtigen Swiss-Craft-Typen baute. Dort wurde auch die als gut erhaltener Fund geltende „Lido“ auf Kiel gelegt, geschätztes Baujahr des extravaganten Boots: um 1928. Der Arbeitsaufwand auf dem Weg zu einem Prachtstück dürfte jedoch erheblich sein - auch wenn von den Beschlägen bis hin zur Maschine alles komplett anwesend zu sein scheint.

          Ein namenloses Boot mit offenliegender Steuerung und einem alten Stahlsitz (der von einem Traktor stammen könnte) für den Fahrer wird auf das Jahr 1906 geschätzt. Bauwerft war die Treichler-Werft am Zürichsee, die 1920 von Jacob Boesch übernommen wurde. Dort entstehen bis heute Mahagoniboote, jedoch aus furniertem Sperrholz und nicht geplankt wie in den Gründerjahren. Noch rudimentärer, aber mit nicht weniger betörenden Linien wartet „Pelican“ auf einen neuen Besitzer; hier ist lediglich der Rumpf übrig.

          Wer sofort mit seinem neuen Schätzchen aufs Wasser möchte, wird in Dresden ebenfalls fündig: Neben „Tom II“ ist auch die in der Bootswerft Felix Portier gebaute „Flaneur“ (geschätztes Baujahr 1944) in gebrauchsfähigem Zustand, 1999 wurde sie neu lackiert. Mit dem außergewöhnlichen Kanuheck ist sie eine Seltenheit ersten Ranges. Auch „Annie“ (Leemann-Werft, zirka 1912) oder „Paraiso“ (Müller AG) sehen so aus, als könnte man mit ihnen nach kleinen Schönheitsreparaturen auf Tour gehen. Einziger Wermutstropfen: Die sieben sollen wieder gemeinsam den Besitzer wechseln, 450 000 Euro werden verlangt.

          Dass die Schiffs- und Yachtwerft Dresden an dieser Bootssammlung gescheitert ist, wie ehemalige Mitarbeiter der Werft wissen wollen, möchte der Sprecher des Insolvenzverwalters nicht bestätigen: „Die Werft hat sich wohl an dem Neubau der zwei großen Fähren für Kenia verhoben, zudem blieb der zugesagte Folgeauftrag aus.“ Etwas Positives aber bleibt, denn zumindest besteht die Möglichkeit, dass der Werftbetrieb in Laubegast nach langem Hin und her doch noch weitergeführt wird. Dann könnte die Weiße Flotte an ihrem traditionellen Standort gewartet werden.

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