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Reform der Wasserwege : Schluss mit Schleuse

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Frei Fahrt für alle: Derzeit sorgt der Bund für das Durchkommen der Sportboote wie hier mit der Mirower Schleuse Bild: Claus Reissig

Ohne Schleusen, Bagger und Wehre ist Wassersport auf Flüssen und Kanälen nicht möglich. Der Bund will sich jetzt von einem Teil seiner Wasserwege trennen. Bootsfahrer müssen sich auf eine Maut einstellen.

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          Leise plätschert das Wasser um die alten Tore, kleine Wellen lecken an den Rümpfen der wenigen Boote, die in der Schleuse liegen. Vögel singen in den nahen Bäumen, Spinnen weben ihre Netze zwischen den stählernen Stufen der Leiter knapp über der Wasseroberfläche. Freundlich grüßt der Schleusenwärter, während sich die Tore langsam öffnen und das Wasser in der Kammer zu strudeln beginnt. Die Maschinen werden gestartet, langsam schieben sich die Boote in den kleinen Kanal hinaus.

          An einem Wochentag im Herbst bewegt sich wenig auf den Wasserstraßen zwischen Berlin und der Müritz. Nur gelegentlich trifft man ein anderes Boot, einige Paddler ziehen vor dem Schilfgürtel ihre Bahn; ein Angler sitzt auf einem Steg. In den Häfen liegen zahllose Boote fest vertäut, fast könnte man es für einen Großparkplatz für Yachten halten.

          Bootssport ist eine Saison- und Wochenend-Angelegenheit, dann kommen die Eigner und Charterer und möchten fahren, und dafür brauchen sie Wasserstraßen, Schleusen, Wehre, die das Vorankommen sichern. Nicht nur Motorbooteigner, sondern auch ungezählte Kanuten, Paddler, Segler. Da drängt sich die Frage auf: Wer bezahlt das eigentlich alles? Die Antwort ist einfach: der Bund, jedenfalls bisher.

          Bund will nicht mehr für Wasserstraßen aufkommen

          Aber das soll sich jetzt ändern. Schon für die Sanierung wichtiger Autobahnbrücken ist angeblich zu wenig Geld in den Kassen, der Erhalt von Schleusen und kleinen, für den Güterverkehr uninteressanten Wasserstraßen rückt da fast zwangsweise in den Blickpunkt der Controller in Berlin. In der Vergangenheit haben die Wassersportler davon profitiert, dass der Bund die Infrastruktur nicht verkommen ließ, die Bundeswasserstraßen mit Hilfe öffentlicher Gelder erhalten wurden.

          Niemand zweifelte daran, dass sie schiffbar bleiben würden. Im Vertrauen darauf entwickelten sich Häfen, Vereine, Vermiet- und Charterunternehmen, Dienstleister, Werften, Gastronomie. Arbeitsplätze wurden geschaffen, die Branche erwirtschaftet Milliardenumsätze. Ein Papier des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), dem die Bundeswasserstraßen unterstehen, schreckte die mit dem Wassersport befassten Verbände auf. Wasserstraßen, die für den Güterverkehr nicht mehr benötigt werden, sollen von den Ländern übernommen werden. Die kleinen Lastkähne, für die sie vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten gebaut wurden, gibt es nicht mehr.

          Länder wollen Kosten nicht übernehmen

          Eine scheinbar einfache Umwidmung der Wasserstraßen soll die Lösung sein: Unterstanden sie als Transportweg für die Binnenschifffahrt bisher dem BMVI, könnten sie künftig als Wassersportreviere in den Bereich Tourismus fallen - und der ist Ländersache. Das klingt erst einmal harmlos. Schließlich sollten das die Länder doch genauso gut können wie der Bund, oder?

          Rund 2800 Kilometer Fluss und Kanal mit rund 140 Schleusen und 120 Wehren will Berlin loswerden. Die Instandhaltung, schätzt Jürgen Tracht, der Geschäftsführer des Bundesverbands Wassersportwirtschaft (BVWW), kostet jährlich etwa 65 Millionen Euro. „Die Länder wollen die Gewässer schlicht nicht haben“, sagt Tracht, „das sieht man am Beispiel der Lahn. Zuständig sind hier Nordrhein-Westfalen und Hessen - und beide Landtage haben die Übernahme bereits abgelehnt.“ Aus gutem Grund, schließlich geht es um viel Geld.

          Wasserstraßen sind teuer saniert worden

          Dieses Geld sollen in Zukunft nach Willen der Bundesregierung Länder oder Privatunternehmen aufbringen, nämlich die, die auch davon profitierten. Für Jürgen Tracht wäre das der Anfang vom Niedergang des Wassersports entlang der Wasserstraßen der „Kategorie D“ - jene 2800 Kilometer, bei denen sich der Bund vom Erhalt verabschieden und sich auf seine Eigentümersicherungspflichten zurückziehen möchte.

          Paddler an der Schleuse in der Schleuse Wolfsbruch: Für den Betrieb müssen sie wohl demnächst selbst aufkommen.
          Paddler an der Schleuse in der Schleuse Wolfsbruch: Für den Betrieb müssen sie wohl demnächst selbst aufkommen. : Bild: Claus Reissig

          Es handelt sich Tracht zufolge um mehr als ein Drittel des Bundeswasserstraßennetzes und sei für den Wassertourismus besonders wichtig. Darunter fallen der Oberlauf der Weser, Teile von Fulda und Werra, eventuell der größte Teil der Elbe oberhalb Hamburgs sowie zahllose Kanäle, die die Wassersportreviere zwischen Berlin und der Müritz erschließen. In der Nachwendezeit wurden hier zur Strukturförderung etliche Millionen in die Sanierung gesteckt.

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