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Bergung der „Costa Concordia“ : Eine Stahlplattform für den Havaristen

  • -Aktualisiert am

Die seit Januar vor der italienischen Insel Giglio liegende „Costa Concordia“ wiegt 500.000 Tonnen Bild: dapd

Neun Monate geben sich die Bergungsunternehmen Zeit, um die „Costa Concordia“ zu heben. Es ist ein Drahtseilakt, der mindestens 300 Millionen Euro kosten wird.

          Vor wenigen Tagen haben das amerikanische Bergungsunternehmen Titan Salvage und sein italienischer Partner Micoperi den Plan zur Hebung des im Januar vor der italienischen Insel Giglio havarierten Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ vorgestellt. Das in 20 Meter Wassertiefe liegende Schiff soll in einer der größten Bergungsaktionen aller Zeiten bis Ende Februar nächsten Jahres in einem Stück gehoben und zu einer Werft geschleppt werden, wo es abgewrackt wird. Man rechnet mit Kosten von mindestens 300 Millionen Euro.

          Die Bergung steht ganz im Zeichen der besonderen Schiffslage auf einem leicht schrägen Abhang aus Sand und Fels unweit einer Kante. Jenseits davon fällt der Grund rasch ab. Um das Risiko eines Abrutschens auszuschließen, wollen die Berger direkt neben dem gekenterten Schiff in ganzer Länge des 290-Meter-Rumpfs eine Stahlplattform errichten, auf die der Havarist gewissermaßen abgewälzt wird und so eine aufrechte Lage einnehmen kann. Die massive Plattform wird auf etwa 60 Pfählen ruhen, die in den Untergrund gerammt werden. Dieses Abrollen oder Abwälzen muss langsam und kontrolliert vor sich gehen, eine jähe Bewegung des etwa 50.000 Tonnen schweren Schiffs könnte verhängnisvolle Folgen haben, die das ganze Unternehmen gefährden würden.

          Viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl

          Um die Rollbewegung kontrollieren zu können, muss das Schiff daher zunächst auf der Landseite verankert werden. Dazu wollen die Bergungsunternehmen an der nahen Felsküste zahlreiche Stahltrossen verankern, „Drähte“ genannt, die über die gesamte Länge am Schiff befestigt werden. Jeder Draht ist mit einem „Puller“ (Hydraulikstempel) versehen, der die Spannung im Draht reguliert. Obwohl die Berger in diesem Punkt nicht ins Detail gehen, kann man annehmen, dass sich die Drähte mit Hilfe der Puller anziehen oder verlängern lassen. Bei ähnlichen Schiffshebungen wurde so verfahren, um Drehbewegungen durch langsames „Losegeben“ der Drähte zu kontrollieren.

          Nun werden zwischen der Plattform und der Backbordseite des Schiffs, der linken Seite, ebenfalls Drähte mit zugstarken Pullern oder Hydraulikstempeln eingezogen. Vermutlich werden parallel einige Dutzend dieser Kraftpakete eingespannt, wie eine Art Zuggeschirr. Diese Hydraulikstempel werden die Hauptarbeit beim Drehen leisten. Die übertragenen Kräfte lassen sich beträchtlich erhöhen, indem an der Bordwand sogenannte A-Böcke angeschweißt werden, über die die Drähte geführt werden.

          Es ergibt sich dadurch ein längerer Hebelarm. Zusätzlich wollen die Bergungsspezialisten große Stahlkästen über der Wasserlinie anbringen, die mit Wasser gefüllt werden und durch ihr Gewicht zum erforderlichen Drehmoment beitragen. Dann beginnt der spannendste Moment: Dutzende Puller ziehen auf der Backbordseite das Schiff auf die Plattform, während auf der Landseite die Drähte nachgeben - ein Vorgang, der viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordert.

          Das Wetter könnte zum Problem werden

          Steht das Schiff aufrecht auf der Plattform, beginnt der wichtigste Teil der Bergung. Auf der Landseite werden ebenfalls Stahlkästen an der Bordwand befestigt, und zwar unterhalb der Wasserlinie. Auch auf der Seeseite wird man nun die dort angebrachten Stahlkästen leerpumpen und eventuell tieferlegen, unter die Wasserlinie. Der dadurch erzeugte Auftrieb soll den Plänen zufolge das Wrack heben. Für Schiffsingenieure ist es eine einfache Rechnung, wie groß die Kästen dimensioniert sein müssen, um genügend Auftrieb zu erzeugen. Für diesen Vorgang sind also keine Schwimmkräne erforderlich.

          Kritisch ist auf jeden Fall der Zeitplan. Das Anbringen der Anker und Drähte auf der Landseite, das Errichten der Plattform mit seinen Drahtverbindungen auf der Seeseite wird einige Monate dauern, so dass das Anheben im Herbst oder Winter vor sich gehen wird, einer Zeit, in es auch im Mittelmeer rauhes Wetter gibt.

          Im vorgelegten Plan der Bergungsunternehmen wird nicht erwähnt, ob die Lecks abgedichtet werden, sei es durch Beton oder durch Aufschweißen von entsprechend zugeschnittenen und gebogenen Stahlplatten. Dadurch würde man einige geschlossene Abteilungen erhalten, die durch Leerpumpen oder Einpressen von Druckluft Auftrieb erzeugen würden. Offenbar rechnen die Berger damit, dass die Stahltanks zu beiden Seiten des Havaristen ausreichen werden. Allerdings kennen Bergungsfachleute eine Vielzahl von Verfahren und Methoden der Schiffsbergung, die sich virtuos miteinander kombinieren lassen. Außer Plan A gibt es immer auch einen Plan B und einen Plan C.

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