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Bergbahn in Lermoos : Besser einklinken als abhängen

Für die Sicherheit wachen 30 Sensoren am Seil der Bahn Bild: Hersteller

Lermoos baut eine Bergbahn für Ski, Fahrrad und Kinderwagen. Der Ort setzt auf Familienpublikum mit sportlichen Nachwuchs. Und hält einen kurios kurzen Rekord in Österreich.

          4 Min.

          Das aparte Sporthotel Loisach hat einen Slalom-Weltmeister und Hahnenkamm-Sieger in seinen familiären Reihen. Gegenüber im Sportgeschäft ist eine olympische Bronzemedaille zu Hause. Aber was nutzen all die Erfolge der Vergangenheit, wenn hinterm Haus am Hang niemand in die Zukunft fahren kann? St. Anton, Ischgl, Sölden, Kitzbühel oder Lech, die kennt jeder, doch wie lebt es sich in einem Skigebiet der zweiten Reihe? „Zusperren oder investieren“, sagt Gottfried Hosp, kaufmännischer Leiter der Bergbahnen Langes in Lermoos. Die Tiroler haben sich für Letzteres entschieden, und wenn aus der neuen 10er-Kabinenbahn der atemraubende Blick auf die Zugspitze fällt, darf man wohl sagen, der Kraftakt hat sich gelohnt.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Und es war einer. Niemand stellt heute mehr ohne weiteres eine Seilbahn in die Landschaft. Umweltauflagen und technische Anforderungen steigen ständig. Lermoos hatte das Glück, auf eine Trasse zugreifen zu können, in der ein alter, vor Jahren stillgelegter Einer-Sessellift verlief. Dennoch dauerten allein die diversen Gutachten der Vogelkundler, der Naturschutzbehörde und der Geologen mehr als ein Jahr. Dann forderte die Bauaufsicht - um nur ein augenfälliges Beispiel zu nennen - an zwei Streben voluminöse, gepfeilte Betonfundamente ein, weil Lawinengefahr herrsche. Kostenvoranschlag je Fundament, das von dem Hochgebirgsbauunternehmen HTB mit spezieller Bohrtechnik aus dem und in den Fels gearbeitet werden muss: 400 000 Euro. Da war Organisationstalent gefragt. Ludwig Keller, der Geschäftsführer der Bergbahn Lermoos, trieb vergleichbare Kabinenbahnen auf, die auf kleineren Fundamenten ruhen, und da stimmte auch die Behörde in Tirol zu. So kostete jedes Fundament „nur“ rund 150 000 Euro.

          Ludwig Keller, Geschäftsführer der Bergbahn, koordinierte und überwachte die Bauarbeiten in Lermoos
          Ludwig Keller, Geschäftsführer der Bergbahn, koordinierte und überwachte die Bauarbeiten in Lermoos : Bild: Hersteller

          Stützen stellen, Kabel entlang derselben unter- und überirdisch verlegen, den überirdischen Teil mit Spritzbeton verkleiden und begrünen, Tal- und Bergstation so in die Landschaft einbetten, dass von benachbarten Gipfeln der Blick möglichst wenig beeinträchtigt wird, in die Talstation eine Unterkunft für sechs Pistenbullys integrieren, eins kommt zum anderen: 9,5 Millionen Euro haben die Investoren rund um die Familie Swarovski in die neue Bergbahn gesteckt. Dafür wird feine Technik des Vorarlberger Herstellers Doppelmayr geboten. Die Bahn fährt ausgesprochen leise und vibrationsarm, was in bedeutendem Maße der zentralen Stütze in der Bergstation zu verdanken ist. Sie ist in Lermoos aus Beton gegossen statt wie sonst oft üblich - weil günstiger - aus Stahl gefertigt. Zum Komfort gehört auch eine Sitzheizung, die über Stromabnehmer in den Bahnhöfen im Tal und im Berg gespeist wird. Unterwegs wird nicht geheizt, aber die Wärme spüren die Passagiere die gesamte Fahrt. Die Heizung kann je nach Außentemperatur in zwei Stufen reguliert werden, das ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern wegen des Stromverbrauchs auch der Kosten.

          Zum Antrieb der Bahn ist ein Elektromotor im Dach der Bergstation verbaut. So entstehen gegenüber Antrieben in der Talstation weniger Probleme mit dem Schlupf, weil das 50 Tonnen schwere Seil am Antriebsrad zieht. Allerdings birgt die Installation auf dem Berg eine Gefahr: Sollte der Motor von einem größeren Schaden heimgesucht werden, muss ein Autokran hochfahren und ihn aus der Decke heben. Das ist im Winter unmöglich. Kleiner technischer Clou der Anlage: Die Abwärme des Motors wird in die Alm an der Bergstation geleitet, die sie zum Heizen nutzt. Zum Zuheizen, genauer gesagt, denn allein auf die Seilbahn kann sich die Hütte nicht verlassen, ist deren Wärmeleistung doch davon abhängig, ob sie überhaupt läuft und, wenn ja, mit welcher Last.

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